EM-Sticker So kriegen Sie das Panini-Album günstig voll

Dreimal Ronaldo, aber kein Neuer: Sammelbildfans sind schon Wochen vor Anpfiff im EM-Fieber. Mit welcher Strategie füllt man sein Panini-Album möglichst günstig?

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Eine Fußballeuropameisterschaft ist teuer. Nicht nur für die Fans im Stadion, die horrende Preise für Tickets zahlen müssen. Auch viele Fußballfreunde, die zu Hause bleiben, investieren mal eben 100 Euro in EM-Sticker, mit denen sie ihr Album füllen.

680 Stück passen in das Heft zur Fußball-EM 2016. Das sind 40 mehr als bei der WM 2014 - und sogar 140 mehr als im EM-Album von 2012. Zudem hat Panini den offiziellen Verkaufspreis pro Tütchen (Inhalt: fünf Sticker) von 60 auf 70 Cent erhöht. Kinder müssen ihre Eltern also um eine Taschengeldaufstockung bitten, wenn sie ihr Album halbwegs voll bekommen möchten.

Wie aber stellt man das am geschicktesten an? Was tun gegen einen riesigen Berg doppelter, dreifacher Aufkleber? Und liefert Hersteller Panini die 680 Sticker überhaupt in gleicher Menge und gut gemischt in alle Läden? Hier gibt es die Antworten auf die wichtigen Fragen rund ums Stickersammeln.

1) Warum bekomme ich so viele Doppelte?

Am Anfang läuft es richtig gut: In fast jedem Tütchen stecken Aufkleber, die man noch nicht hat. Das ist auch plausibel. Nehmen wir an, wir haben schon 68 verschiedene Sticker gesammelt, das sind zehn Prozent aller Motive. Dann liegt die Chance, dass ein neu gekaufter Aufkleber einer ist, den wir noch nicht haben, immerhin bei 90 Prozent. Denn wir besitzen ja erst zehn Prozent.

Ist das Album bereits halbvoll, sinkt die Wahrscheinlichkeit für Sticker, die uns noch fehlen, auf 50 Prozent. Statistisch gesehen ist also jeder zweite neu gekaufte Aufkleber ein weiterer Doppelter, Dreifacher und so weiter.

Noch extremer wird es, wenn wir schon 90 Prozent aller Sticker besitzen - das sind 612 von 680. Dann sinken die Chancen auf zehn Prozent. Das bedeutet: In neun von zehn Fällen wird ein neu gekaufter Sticker einer sein, der schon im Album klebt.

2) Beweisen die vielen Doppelten nicht, dass die Sticker ungleich verteilt sind?

In der Tat glauben viele Sammler, dass sie nur etwas mehr als 680 Sticker kaufen müssen, um alle zu bekommen. Doch selbst bei perfekt gleich verteilten Aufklebern stimmt das nicht. Dies verdeutlicht der folgende Extremfall: Es fehlt uns nur noch ein einziger Sticker. Um diesen zu kaufen, bräuchte man - im Durchschnitt - 680 weitere Sticker. Denn die Chance, ihn zu erwischen, beträgt 1/680. 680 Aufkleber würden immerhin 95,20 Euro kosten. Und man kann immer noch das Pech haben, dass der ersehnte Sticker nicht unter den 680 ist.

3) Wie fülle ich mein Album möglichst günstig?

Wer selbst sammelt, muss mehr als 100 Euro investieren, bis er alle Aufkleber zusammen hat. Als Einstieg empfiehlt sich der Kauf einer oder auch zweier Boxen mit 100 Tütchen (= 500 Sticker). Die Boxen werden online für etwa 55 Euro angeboten, der reguläre Ladenpreis liegt bei 70 Euro. Man spart also schon einiges. Wichtig ist außerdem, rechtzeitig mit dem Stickerkauf aufzuhören, weil man sonst nur noch mehr Doppelte bekommt.

Spätestens ab 700, 800 Stickern sollte das Tauschen beginnen. Das funktioniert sehr gut online auf Plattformen wie eBay, sammlerboerse.at oder stickermanager.com. Denken Sie dabei aber auch an das Briefporto von 70 Cent, 85 Cent oder 1,45 Euro. Beim Verschicken von 20, 25 Stickern fällt das kaum ins Gewicht, wenn es nur um einen Sticker geht hingegen schon.

Fehlen nur noch 50 Sticker oder weniger, kann man diese auch direkt bei Panini zum Stückpreis von 20 Cent nachbestellen, zuzüglich drei Euro für den Versand. Mehr Spaß macht freilich eine persönliche Tauschbörse. Dort kann man auch einzelne Sticker tauschen - das vergleichsweise teure Porto entfällt. Profis haben immer eine Liste mit allen fehlenden und doppelten Stickern einstecken, um das Tauschen zu beschleunigen.

4) Wenn ich partout nicht tauschen will: Wie viele Sticker muss ich kaufen, um alle 680 zu bekommen?

Mit der Sammelbilderformel lässt sich leicht berechnen, wie viele Aufkleber nötig sind. Wir nehmen an, dass die 680 Sticker in den Tüten gleich verteilt sind. Der erste Sticker, den wir kaufen, ist dann mit der Wahrscheinlichkeit 1 neu. Beim zweiten Aufkleber beträgt die Wahrscheinlichkeit 679/680, dass wir ihn noch nicht haben. Also benötigen wir durchschnittlich 680/679 = 1,0015 Aufkleber, damit wir einen zweiten im Album haben. Der dritte Sticker braucht dann 680/678 Versuche, der vierte 680/677 und so weiter. Auf diese Weise erhalten wir die Sammelbilder-Formel:

Summe = 680/680 + 680/679 + 680/678 + ...… + 680/3 + 680/2 + 680/1

oder

Summe = 680*(1/680 + 1/679 + 1/678 + …... + 1/3 + 1/2 + 1/1)

geschrieben in umgekehrter Reihenfolge

Summe = 680*(1/1 + 1/2 + 1/3 + .... + 1/678 + 1/679 + 1/680)

Das Ergebnis lautet 4828. Beim Stückpreis von 14 Cent würde das Ganze stolze 676 Euro kosten! Eine Garantie, dass tatsächlich alle 680 Motive dabei sind, gibt es allerdings nicht. Die Zahl von 4828 Aufklebern ist nur der Mittelwert über viele Sammler.

5) Ich kaufe genau 680 Sticker - wie viele sind dann doppelt?

Mit der Sammelbilder-Formel von oben lässt sich auch ausrechnen, mit wie vielen verschiedenen Stickern man rechnen darf, wenn man 100, 500 oder 1000 Stück kauft. Die Berechnungen fußen auf der Annahme, dass die Motive in den Päckchen gleich verteilt sind. Kaufe ich 100 Stück, sind darunter im Mittel 93 verschieden und nur 7 doppelt oder mehrfach. Bei einer Box mit 100 Tütchen (= 500 Sticker) bekommt man im Schnitt 354 verschiedene Sticker, 146 aber sind doppelt oder mehrfach. Und unter 680 Stickern sollten etwa 430 verschieden sein, 250 stünden zum Tauschen zur Verfügung.

6) Wie viel verdient Panini mit Sammelbildern?

Offizielle Zahlen für Deutschland, Österreich oder die Schweiz gibt es keine. Panini selbst beziffert seinen weltweiten Umsatz auf 751 Millionen Euro (Jahr 2014). Das Werk am Stammsitz im italienischen Modena Italien könne pro Tag 6 bis 7 Millionen Tütchen produzieren, teilte Panini mit. Jedes Jahr bringe das Unternehmen weltweit rund 400 Sammlerkollektionen heraus, davon etwa 30 in Deutschland. Seit der Firmengründung 1961 seien Sticker im dreistelligen Milliardenbereich produziert worden. Bei der EM 2016 ist Deutschland der mit Abstand wichtigste Markt für Panini.

7) Sind die Sticker wirklich gleich verteilt, wie Panini immer wieder behauptet?

Um diese Frage seriös beantworten zu können, braucht man eine große Stichprobe. Vom Stickeralbum zur WM 2014 lagen dem SPIEGEL Daten der Online-Tauschbörse stickermanager.com vor, die eine mögliche Ungleichverteilung offenbarten. Die Stichprobe umfasste 8,33 Millionen Sticker deutscher Sammler. Etwa zwei Drittel der 640 verschiedenen Aufkleber von der WM 2015 tauchten zwischen 10.700 und 12.000 Mal auf. 200 Sticker jedoch kamen auf Werte von mindestens 15.000 - siehe folgende Grafik. Auffällig waren zudem Porträts einzelner Spieler wie Buffon, Lahm und Mandzukic, die mehr als 20.000 Mal angeboten wurden.

Statistik über 8,33 Millionen Panini-Aufkleber (WM 2014)
DER SPIEGEL/ DFB/ FIFA/ Getty Images

Statistik über 8,33 Millionen Panini-Aufkleber (WM 2014)

Der Stochastik-Experte Christian Hesse wertete die Auffälligkeiten damals als klaren Hinweis auf eine ungleichmäßige Verteilung. "Die starken Variationen bei den Stickeranzahlen sind nicht mit einer Gleichverteilung aller Bilder vereinbar", sagte der Mathematikprofessor von der Universität Stuttgart. Panini hingegen erklärte die Schwankungen mit dem Zufall.

8) Was könnte die Ursache der mutmaßlichen Ungleichverteilung von 2014 gewesen sein?

Die meisten der besonders häufigen Aufkleber von der WM 2014 stammten von einem Druckbogen, auf dem sich unter anderem auch die Porträts der deutschen Mannschaft befanden - außerdem noch Italien, Frankreich, Kroatien und Argentinien - siehe Foto unten. Dieser Bogen wurde möglicherweise häufiger gedruckt, was die Ungleichverteilung erklären würde.

2014 auffällig oft vertreten: Die 200 Sticker dieses Druckbogens
Panini

2014 auffällig oft vertreten: Die 200 Sticker dieses Druckbogens

Bloß warum sollte Panini einen Bogen häufiger gedruckt haben? Um das Füllen des Albums zu erschweren, wie immer wieder geargwöhnt wird? "Wir vermuten, dass dahinter die Sticker stecken könnten, die Panini im Sommer 2014 über den Discounter Lidl gratis verteilt hat", erklärt Stefan Kuhn, Betreiber der Online-Tauschbörse stickermananager.com.

Womöglich habe Panini in diese mit nur zwei Stickern gefüllten Tütchen vermehrt Aufkleber des Bogens gesteckt, der auch Bilder deutscher Spieler enthielt. So sei die Chance größer gewesen, beim Einkauf im Discounter Aufkleber von Lahm, Özil und Co. zu ergattern. Übrigens: Auch 2016 gab es eine solche Gratis-Sticker-Aktion von Lidl.

9) Und wie sind die Sticker der EM 2016 verteilt?

"Wir sind sehr gleichmäßig unterwegs", sagt Stefan Kuhn von stickermananager.com. Derzeit schwanken die in der Datenbank verzeichneten Anzahlen seinen Angaben zufolge zwischen 10.200 und 11.800 Stück je Aufkleber. Die Stichprobe unter deutschen Sammlern umfasse derzeit knapp 8 Millionen Sticker. Wie auch schon bei früheren Panini-Alben seien Aufkleber mit Mannschaftsfotos und Teamlogos seltener als Spielerporträts. "Das liegt vermutlich daran, dass Kinder diese Sticker nicht zum Tauschen hergeben wollen", erklärt Kuhn.

10) Wie vertrauenswürdig sind die Daten von stickermanager.com?

SPIEGEL ONLINE kann die Angaben von stickermanager.com nicht überprüfen. Seit diesem Jahr kooperiert die Plattform auch mit Panini und nennt sich deshalb "Die offizielle Panini Tauschbörse". Interessenkonflikte können daher nicht ausgeschlossen werden, auch wenn Manager Kuhn versichert, dass aktuelle Zahlen direkt aus der Datenbank stammten. Nicht ausschließen lassen sich übrigens auch Manipulationen von außen, etwa durch Fake-Accounts.

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insgesamt 23 Beiträge
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Seite 1
globalundnichtanders 23.05.2016
1. Für kleine Kinder vielleicht...
...interessant. Was das Thema Klebebildchensammeln in der Digitalausgabe eines seriösen Magazins zu suchen hat bleibt unklar. Wäre doch was für die KinderundResteAbteilung bento gewesen. Für alle die dennoch Klebebildchen haben wollen: Für 136€ plus Versand bei Panini (Ist das eigentlich eine als Artikel getarnte Schleichwerbung?) kaufen und fertig.
albert schulz 23.05.2016
2. bento, bento
Am günstigsten wird es sein, irgendeinem Trottel das sorgfältig und korrekt zusammengestellte Album abzukaufen. Man braucht nur mal ausrechen, wieviele mit Mühen und Frust gefüllte Stunden benötigt werden, um so ein Ding vollzukriegen. Dazu gehören ein maßloses Engagement und eine kaum vorstellbare Leidensfähigkeit, Energie, Fleiß, Durchhaltevermögen. Rechnet man die eigene Fruststunde mit 100 Euronen an, könnte man dem Verkäufer einige Tausender geben. Der wird aber mit zwei drei Hunderten zufrieden sein. Und schon kann man einem begeisterten Neffen oder Enkel eine echte Freude machen. Der sollte allerdings jünger als acht Jahre sein, um sich noch wirklich freuen zu können. Lesen kann der in dem Akltrer auch schon.
Gerdd 23.05.2016
3. Interessant! Nur ...
Das sind für mich hochinteressante Überlegungen - aus den Bereichen Wahrscheinlichkeitstheorie und Statistik. Auch die Spekulationen zum Thema ungleich verteilte Sticker - zwecks Gewinnmaximierung. Nur, wenn so etwas stattfinden sollte, wäre es für mich viel interessanter, zu erfahren, ob bestimmte Sticker deutlich seltener in Umlauf sind als andere - nicht öfter. Mal so herum erklärt: Wenn man, um Neukunden "anzufixen," in bestimmten Gebieten Sticker verschenkt und dabei die lokal gefragten Spieler bevorzugt - also in Deutschland deutsche Nationalspieler - dann geht das schon in Ordnung. Für diese Extra-Sticker hat ja keiner sein Taschengeld geopfert (außer vielleicht der Herr Panini selbst, und das wäre ja dann ausschließlich sein Problem.) Wenn aber am Ende jeder die Sammlung zu 99% komplett hat und dann fast allen noch - sagen wir - Mats Hummels fehlt, weil davon nur ein Zehntel der gängigen Zahl in Umlauf sind, dann wäre das in der Tat eine Riesenschweinerei, weil dann eben viele viel Geld ausgeben würden, um diese Lücke zu schließen, aber eigentlich keine Chance haben. Ich will jetzt nichts unterstellen. Aber genau diese spekulative Frage steht ja im Raum und wurde wohl nicht explizit beantwortet. Sind bestimmte Sticker deutlich unterrepräsentiert? Ich selbst bin in der glücklichen Lage, daß ich die Dinger überhaupt nicht sammele und dies hier nur als Spielerei mit Wahrscheinlichkeiten und Statistik interessant finde.
SV-Elchi 23.05.2016
4. Einfach toll
Ich habe dieses Jahr mir meine Jugend zurückgeholt und klebe bis das Album voll ist. Ich finde es für traurig wie "erwachsen" und "spaß frei" unsere Gesellschaft geworden ist. An allem wird nur noch herumgemosert. Ja! Und ich bin deutlich über 8!!!
Chris_SSS 23.05.2016
5. nichts für Beneto
wie wollen Sie denn nach dem Interview bei beneto in dem erklärt wird, dass körperliche Gewalt gegen den politischen Gegner legitim ist, solche erzkapitalistischen Themen wie Sammelbildchen gutheissen?
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