Panne bei Fachblatt Forscher erklären menschliche Hand zum Werk Gottes

Gott ist selten Thema in wissenschaftlichen Fachartikeln. Chinesische Forscher aber sehen ihre Studie nun als Beweis, dass ein Schöpfer die menschliche Hand erschaffen hat. Das renommierte Magazin "PLOS One" muss den Artikel zurückziehen.

Schöpfung im Werk von Michelangelo
Corbis

Schöpfung im Werk von Michelangelo

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Die menschliche Hand ist ein faszinierendes Werkzeug. Wir können damit kraftvoll zupacken und im nächsten Moment äußerst sensible Bewegungen ausführen. Vier parallele Finger plus der seitliche, extrem bewegliche Daumen lassen Roboter mit ihren viel simpler aufgebauten Greifern reichlich ungeschickt aussehen.

In einem Aufsatz für das renommierte Wissenschaftsmagazin "PLOS One" berichten chinesische Forscher über die besondere Biomechanik der Hand im Alltag und stellen darin einen überraschenden Bezug her: Die Hand sei das "Design des Schöpfers", um damit eine Vielzahl täglicher Aufgaben bequem erledigen zu können, heißt es bereits im Abstract, der Zusammenfassung des Aufsatzes.

Besondere Mechanik

Und im 16-seitigen Text taucht der Begriff "creator" noch zwei weitere Male auf. Gleich zu Beginn, als das Rätsel der Handkoordination mit der Erfindung des Schöpfers in Zusammenhang gebracht wird. Und ganz am Ende in der Diskussion. Die Arbeit könne bestätigen, dass "der mechanische Aufbau das eigene Design des Schöpfers ist".

Immerhin erwähnen Ming-Jin Liu von der Huazhong University of Science and Technology in Wuhan (Provinz Hubei) und seine Kollegen noch, dass auch die Millionen Jahre dauernde Evolution eine Rolle gespielt haben könnte. Göttliches Design spielt ansonsten in dem Artikel keine Rolle - es geht primär um die Besonderheiten der Mechanik und die Schwierigkeiten, ein ähnlich mächtiges Werkzeug für Roboter zu bauen und zu steuern.

  Faszinierende Anatomie
Corbis

Faszinierende Anatomie

Der Artikel war bereits am 5. Januar 2016 erschienen, die Verweise auf göttliches Design waren jedoch zunächst offenbar niemandem aufgefallen. Könnte es sich vielleicht um einen Scherz handeln? So wie die wiederholt erfolgreichen Aktionen, von Software erstellte Nonsensartikel bei wissenschaftlichen Kongressen und bei drittklassigen Magazinen einzureichen? Steckt hinter der Veröffentlichung religiöser Aktionismus? Oder will jemand das Magazin "PLOS One" diskreditieren?

Es handelt sich immerhin um eines der bekanntesten und angesehensten Open-Access-Magazine - anders als beispielsweise bei "Nature" und "Science" sind alle Artikel frei und kostenlos zugänglich. Auch bei "PLOS One" prüfen Wissenschaftler desselben Fachgebiets jeden Artikel vor einer Veröffentlichung (peer review).

Handentwicklung dauerte Hunderte Millionen Jahre

In diesem Fall kann die Prüfung allerdings nicht sonderlich gründlich gewesen sein. Denn die Evolution der Hand ist gut erforscht. Fünffingrigkeit gilt als gemeinsames Merkmal aller höheren Wirbeltiere mit vier Gliedmaßen. Die sogenannte Pentadaktylie dürfte sich vor rund 550 Millionen Jahren entwickelt haben.

Die Fünffingrigkeit ist in den sogenannten HOX-Genen angelegt. Sie ist dabei an die Ausprägung der Fortpflanzungsorgane gekoppelt, beide liegen auf demselben Gen, was die Fünffingrigkeit in der Entwicklungsgeschichte besonders stabil machte: Jede Abweichung ist mit dem Risiko der Unfruchtbarkeit verbunden - verändert man das eine, verändert man auch das andere.

Der Verweis auf göttliches Design wurde zunächst in einem Forum auf "PLOS One" diskutiert. Dabei rechtfertigte ein User mit dem Namen Mingjin, offenbar der Mitautor Ming-Jin Liu, ausdrücklich die Nennung von "creator". "Es gibt keine künstliche Hand, die den faszinierenden Fähigkeiten der menschlichen Hand nahekommt", schreibt er. Die Hand sei so wunderbar, dass man denke, sie sei das Meisterwerk eines Schöpfers. Im Übrigen tauche das Wort "creator" ansonsten nicht in der Studie auf.

Herausgeber entschuldigen sich

Im Forum und auch via Twitter empörten sich daraufhin immer mehr Wissenschaftler: "Nehmt diese Narren von eurer Seite! Ihr verliert von jede Minute an Glaubwürdigkeit", schreibt ein Forumsteilnehmer. "Ich schlage vor, das zu löschen", ergänzt ein anderer. "Liest eigentlich irgendjemand die Texte bei PLOS One?", fragt der Wissenschaftsjournalist Ed Yong.

Das Magazin hat inzwischen reagiert. In Anbetracht der geäußerten Bedenken ziehe man den Artikel zurück, schreiben die Herausgeber in einer Stellungnahme. Zuvor hatten sie sich bereits dafür entschuldigt, dass der Artikel nicht ausreichend geprüft worden war. Der kritisierte Artikel über die Anatomie der menschlichen Hand ist jedoch nach wie vor online abrufbar - inklusive der Hinweise auf den Schöpfer (Stand 4. März 2016). Alternativ können Sie den folgenden Download benutzen:

Mitarbeit: Frank Patalong



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 285 Beiträge
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Seite 1
globalundnichtanders 04.03.2016
1. Sowas passiert halt...
Ich habe selber schon zu wissenschaftlichen Artikeln Reviewkommentare erhalten die deutlich zeigten dass die Reviewer den Text nicht gelesen hatten. Das kann dann mal in die eine und mal in die andere Richtung ausschlagen. Wirklich ernst nehmen kann mann die bestehenden Reviewverfahren generell nicht.
jubelyon 04.03.2016
2. So ein Schwachsinn
Ich empfehle die Lektüre von Charles Darwin oder eine Nachhilfestunde bei Richard Dawkins.
fffat 04.03.2016
3. religiöse Eiferer
viele chinesiche Christen sind mangels Aufklärung dort Fundamentalisten geworden, leider auch an den Unis. Der Artikel hier ist wohl auch kein Einzelfall. habe selber vor Jahren solch einen Artikel in einem Fachmagazin für Sozialwissenschaft, herausgegeben von einer renommierten Uni, zum Spaß gelesen, wo voller Begeisterung vom Gott geschwärmt wird.
farbkasten 04.03.2016
4. Die EvolutionsTHEORIE darf als Fakt
dargestellt werden, angesichts der unglaublichen Komplexität des menschl. Körpers - hier speziell der Hand - darf man aber nicht vor Bewunderung einen Schöpfer als Ursprung (eine Entwicklung schlossen die Autoren nicht aus) dahinter vermuten?
Newspeak 04.03.2016
5. ...
Wer Masse, statt Klasse fördert, so wie es das derzeitige Wissenschaftssystem tut, der bekommt eben auch sowas. Es gibt noch viel bessere Artikel! Bei bestimmten berühmt-berüchtigten Verlagen, deren Namen jeder kennt (fängt mit E an hört mir lsevier auf), wurden schon ganze Magazine von Pseudowissenschaftlern gekapert (El Naschie googeln). Da gibt es auch zweiseitige Paper, die behaupten, die Riemann und Goldbach Vermutung gleichzeitig bewiesen zu haben, die auch durch den "peer-review" gekommen sind. Wer solche Perlen lesen möchte, dem sei vixra empfohlen, das Gegenstück zum arxiv, das zum Glück ein Endorsement System hat, das die schlimmsten Auswüchse von Pseudowissenschaft verhindert. Da sieht dann auch der Kritiker schnell ein, daß irgendeine Form des Peer Review, so sie auch noch funktioniert, leider bitter nötig ist.
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