Panne im AKW Krümmel Ministerpräsident Carstensen rüffelt Vattenfall

Vattenfall gerät wegen der Sicherheitspanne im AKW Krümmel immer stärker unter Druck. "Ich bin stinksauer", wetterte Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Carstensen, der Vorstandschef Hatakka einbestellte. Der Betreiber hat in dem Kraftwerk gegen Vorgaben der Genehmigungsbehörde verstoßen.


Kiel - Das kommt einer verbalen Ohrfeige gleich: In drastischen Worten hat Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Peter Harry Carstensen den Stromkonzern Vattenfall öffentlich an den Pranger gestellt. Er sei "stinksauer", sagte der CDU-Politiker nach einem Treffen mit Vorstandschef Tuomo Hatakka in Kiel. "Vattenfall hat allen, die mit einem vernünftigen Energiemix leben wollen, einen Bärendienst erwiesen", sagte der Regierungschef. Er gebe Vattenfall nur noch eine Chance zur Reparatur von Krümmel. Sonst werde er dafür sorgen, dass Krümmel für immer abgeschaltet werde, sagte Carstensen.

Protest vor dem AKW Krümmel: "Das hat für mich eine neue Qualität bekommen
DPA

Protest vor dem AKW Krümmel: "Das hat für mich eine neue Qualität bekommen

Ein fehlendes Messgerät im Pannenreaktor Krümmel wird für die Betreiberfirma Vattenfall damit zum großen Problem. Das Gerät sollte den Maschinentransformator AT02 überwachen, in dem es am Samstag zu einem Kurzschluss gekommen war - es war aber nie an seinem Platz. Der Einbau des Messsystems sei "schlicht vergessen" worden, gestand eine Vattenfall-Sprecherin am Dienstag ein. Was das Unternehmen wie einen Lapsus darstellt, ist jedoch ein Verstoß gegen die Vorgaben der Genehmigungsbehörde im schleswig-holsteinischen Sozialministerium zum Wiederanfahren des Reaktors vor rund zwei Wochen.

Im Detail geht es um die Überwachung des Maschinentransformators mit einer sogenannten Teilentladungsmessung. Solche Teilentladungen können in der Hochspannungstechnik Hinweise auf Fehler in der Isolierung sein. Schäden in der Isolierung wiederum können sich unter bestimmten Umständen zu Kurzschlüssen auswachsen. Das Knistern unter Hochspannungsleitungen beispielsweise geht auf Teilentladungen zurück.

Um diesen Entladungen auf die Spur zu kommen, werden sogenannte Körperschall-Detektoren eingesetzt. Sie registrieren die Geräusche der Teilentladungen - und lassen auf diese Weise Rückschlüsse auf Schäden an den Isolierungen zu. Vattenfall hat nun eingeräumt, dass die Überwachungseinrichtung am betroffenen Maschinentransformator in Krümmel nicht installiert war.

Die Atomaufsichtsbehörde in Kiel erklärte, die Montage des betreffenden Gerätes sei fest mit Vattenfall vereinbart gewesen. Der Maschinentransformator unterliege zwar nicht der Atomaufsicht, weil das Gerät außerhalb des radioaktiven Bereichs stehe, allerdings habe man sich mit Vattenfall auf den freiwilligen Einbau der Kontrolltechnik geeinigt. "Ein Teil dieser Überwachungen sind am Maschinentransformator AT02 nicht umgesetzt worden", heißt es in einer Mitteilung des Ministeriums.

"Das hat keine unmittelbaren rechtlichen Konsequenzen", erklärte Schleswig-Holsteins Sozialministerin Gitta Trauernicht (SPD) im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Das fehlende Messgerät sei kein Verstoß gegen eine Auflage ihres Ministeriums - sehr wohl aber ein Verstoß gegen eine Vorgabe. Der Unterschied bedeutet: Wegen der nicht eingebauten Messeinrichtung werden nicht sofort Prüfungen nach dem Atomgesetz eingeleitet, sie fließen aber in die ohnehin vom Kieler Ministerium angeordnete Zuverlässigkeitsprüfung der Betreiberfirma Vattenfall ein. Dabei wird untersucht, ob das Unternehmen die nötige Zuverlässigkeit zum Umgang mit Atomanlagen mitbringt.

In diesem Verfahren könnte das nicht installierte Gerät eine wichtige Rolle spielen. "Das hat für mich eine neue Qualität bekommen", sagt Ministerin Trauernicht. Einvernehmliche Vereinbarungen zwischen dem Ministerium und dem Betreiber müssten umgesetzt werden: "Darauf muss ich mich verlassen können." Der Einbau des Messgerätes habe in der Verantwortung von Vattenfall gelegen, eine Überprüfung durch einen Gutachter sei nicht vorgesehen gewesen.

Vattenfall hat inzwischen Konsequenzen gezogen: Der Kraftwerksleiter hat - laut Firmenangaben - auf eigenen Wunsch seine Aufgaben abgegeben. Außerdem sollen die beiden Maschinentransformatoren in Krümmel komplett ausgetauscht werden. Vattenfall erklärte, neue Transformatoren könnten frühestens bis April oder Mai 2010 geliefert und eingebaut werden. Bis dann stehe das Kraftwerk still. Demonstranten forderten bereits am Montag bei einer Protestaktion vor dem Kieler Sozialministerium die komplette Stilllegung des AKW.

chs/AP



Forum - Hat Atomkraft Zukunft?
insgesamt 7151 Beiträge
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Seite 1
walhalla33 06.07.2009
1. Ein entschiedenes "Nein"
Zitat von sysopWeiterhin Störfälle, weiterhin Diskussionen über die Energie-Zukunft und ihre Kosten: Wie sicher ist die Atomkraft? Wie zukunftsfähig?
Hallo, die Atomkraft ist nicht zukunftsfähig. Zwei Punkte: Es gibt keine Endlager für den Atomschrott Uns kann jeder Zeit eines davon um die Ohren fliegen. Dann ist das Geschrei groß. Ob das allerdings als Wahlkampfthema der SPD dient? Nein, das war ein Thema der Grünen. Und so wird das auch wahrgenommen. Es grüßt alle Foristen Antje
Iggy Rock, 06.07.2009
2.
Wenn man sich die Horrorgeschichte der vergangenen Jahre bezüglich Krümmel anschaut, könnte man meinen, aufgrund der geplanten Abschaltung würde Vattenfall wie auch Mitbesitzer Eon keinen Cent mehr in die Anlage stecken, die ohnehin schon immer Probleme machte. Zukunft? Nur wenn es übermäßig strenge Kontrollen, genauste Studien über den Gesundheitszustand der Anwohner, und echte Konzepte für die Endlagerung gibt, aber anscheinend ist das Utopie. Gammelreaktoren gehören vom Netz, in Krümmel reicht es schon lange.
eeg-gegner 06.07.2009
3.
Zitat von sysopWeiterhin Störfälle, weiterhin Diskussionen über die Energie-Zukunft und ihre Kosten: Wie sicher ist die Atomkraft? Wie zukunftsfähig?
Da das bekanntlich mit den sog. "Erneuerbaren Energien" nie klappen wird, den Energiehunger der wachsenden Menschheit auch nur zu Bruchteilen zu befriedigen - welches Land im Wüstengürtel der Erde kann schon 300 Mill. € pro 50 MW Nennleistung für maximal 14 Stunden Strom ausgeben? -, wird der Menschhhjeit nix anderes übrig bleiben, als Kernreaktoren zu bauen und mit den möglichen "Brennstoffen" Uran, Plutonium und Thorium Energie zu erzeugen. Die Einzigen, die das nicht kapieren können, sind eine lautstarke und gewaltbereite Minderheit von technisch-physikalisch schlecht gebildeten Deutschen.
LumpY 06.07.2009
4.
bevor keiner eine lösung für den atommüll hat braucht man gar nicht diskutieren. desweitern sollten mir die befürworter erklären, warum wir andere menschen für unser uran überall auf der welt verrecken lassen, statt es selbst zu fördern.. die nachteile werden global verteilt und die vermeintlichen vorteile (die es nicht gibt) behalten wir. p.s. nein deutschland hat ohne atomkraft keinen energieengpass, wir exportieren strom. und nein atomstrom ist nicht billig, nur weil die betreiber die zusätzlichen kosten auf den steuerzahler abladen
Rainer Girbig 06.07.2009
5. Was für eine
schwierige Frage. Die Diskussion gehört wohl eher in den Politikbereich, denn es ist sicher keine Frage der Wissenschaft. Ob Kernkraft Zukunft hat, ist eine politische Entscheidung. Die derzeitigen Ausstiegsfristen und Restlaufzeiten erscheinen mir wie eine Aktion von Börsenspekulanten. Man schließt eine Wette ab, dass in dreissig Jahren dieses und jenes passiert bzw. technisch möglich sein wird, obwohl man keine Ahnung hat wie man dahin kommen wird. Eine typische Schwachsinnsleistung der ehemaligen rot-grünen Regierung. Ist Atomkraft sicher? Das hängt wohl vom jeweiligen Betreiber ab. Bei Vattenfall ganz "sicher" nicht. Die Energieversorgung ist (neben anderen Dingen) zu wichtig, als dass man sie verantwortungslosen (weil nur gewinnorientierten) Privatunternehmen überlassen sollte
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