Pannen-Anlage Tricastin Hinweise auf ungesicherten Atommüll

Zehn Tage nach dem Atomunfall im französischen Tricastin gibt es Spuren weiterer Sicherheitslücken: Neue Messungen zeigen Strahlenbelastungen, die sich nicht mit dem jüngsten Vorfall erklären lassen. Möglicherweise ist eine alte Atommüll-Deponie für die hohen Werte verantwortlich.


Paris - Anfang vergangener Woche war aus einer Reinigungsanlage für radioaktiv verstrahltes Material eine uranhaltige Flüssigkeit ausgetreten - seit der Panne ist die Anlage im französischen Tricastin bis auf weiteres geschlossen. Während der Untersuchungen des jüngsten Vorfalls sind nun offenbar Spuren weiterer Sicherheitslücken aufgetaucht: Nach Ansicht unabhängiger Experten geht die hohe Strahlenbelastung im Grundwasser auf eine Deponie zurück, in der seit den siebziger Jahren Atomabfälle aus militärischer Produktion lagern.

Die Abfälle befinden sich unter einem etwa sechs Meter hohen Erdhügel, der nie abgedichtet wurde. Schon vor Jahren hatten Experten davor gewarnt, dass das Uran durch Regenwasser herausgewaschen werde.

Das Institut für Strahlenschutz und Atomsicherheit (IRSN) hatte am Freitag Werte von drei verschiedenen Messstellen veröffentlicht, die sich nicht mit dem Zwischenfall von vergangener Woche erklären lassen. Angenommen wird daher, dass die Strahlenbelastung älter sei und möglicherweise schon vor Jahren Uran aus dem Kraftwerk ausgetreten war.

Französische Kernkraftgegner forderten an sämtlichen Atomanlagen des Landes unabhängige Untersuchungen. Die Regierung solle schnellstmöglich dafür sorgen, dass "in der Nähe aller Atomanlagen und -kraftwerke Proben genommen werden", verlangte der Dachverband Sortir du Nucléaire (Atomausstieg) in einem Brief an Umweltminister Jean-Louis Borloo. Es sei "rechtmäßig" anzunehmen, dass in der Vergangenheit auch aus anderen Atomanlagen radioaktive Strahlung ausgetreten sei und dass diese Zwischenfälle verheimlicht worden seien, "um dem Ansehen der Atomkraft nicht zu schaden".

Nach Angaben der Betreiber war bei dem Vorfall vor zehn Tagen eine Flüssigkeit mit insgesamt 74 Kilo Uran ausgelaufen. Einem Bericht der Website mediapart.fr zufolge hatte ein Baustellenfahrzeug mehrere Tage vor dem Unfall eines der Auffangbecken beschädigt. Der Schaden war nicht sofort behoben worden. Die Bevölkerung wurde nach Ansicht von Umweltschützern zu spät über den Unfall informiert. Die Atomaufsicht erklärte das Gesundheitsrisiko für "gering" und stufte den Vorfall auf der Gefahrenskala von null bis sieben mit eins ein.

Die radioaktive Strahlung von Uran reicht nur über kurze Entfernungen; gelangt der Stoff aber in den Körper, können schon kleine Mengen Krebs oder Änderungen des Erbgutes auslösen. Zudem wirkt Uran wie Schwermetalle als Gift und schädigt Nieren und Leber. Frankreich bezieht rund vier Fünftel seines Stroms aus Atomkraftwerken.

amz/AFP/dpa



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