Parkinson-Forschung: Mediziner verwandeln Hautzellen in Nervenzellen

Die Parkinson-Krankheit ist unheilbar: Bei der Schüttellähmung stirbt Gehirngewebe. Nun ist es Forschern gelungen, Hautzellen in Nervenzellen zu wandeln, die für motorische Fähigkeiten verantwortlich sind. Mediziner hoffen auf eine bessere Therapie.

Nervenzellen: Auf direktem Weg aus Hautzellen entstanden. Zur Großansicht
REUTERS

Nervenzellen: Auf direktem Weg aus Hautzellen entstanden.

London - Eindeutige Symptome treten meist erst auf, wenn es zu spät ist. Dann leiden Parkinson-Patienten bereits unter Bewegungsarmut, Muskelsteifheit, Körperzittern und Gleichgewichtsstörungen. In dieser Phase sind bis zu zwei Drittel wichtiger motorischer Nervenzellen im Gehirn abgestorben. Eine neue Studie nährt die Hoffnung, dass die Zellen nachwachsen könnten.

Bei der auch als "Schüttellähmung" bekannten neurologischen Krankheit Parkinson schwinden Gehirnzellen, die für die Kontrolle von Bewegungsabläufen zuständig sind. Die langsam forschreitende Zerstörung von Zellen der Substantia nigra (Schwarze Substanz) sorgt für einen Mangel des entscheidenden Botenstoffes Dopamin im Gehirn. Dopamin wird für eine Vielzahl von motorischen Vorgängen benötigt.

Sind die Nervenzellen abgestorben, erneuern sie sich nicht. Forscher zeigen sich nun jedoch optimistisch, dass Parkinson-Patienten künftig trotzdem geholfen werden könnte: Wissenschaftlern vom Institut San Raffaele in Mailand ist es jetzt gelungen, Hautzellen direkt in Nervenzellen umzuwandeln, die das wichtige Dopamin produzieren.

Teresa Dell' Anno und ihre Kollegen konnten die Zellen umwandeln, indem drei Erbanlagen in die Hautzellen geschleust wurden und dort das angestrebte Programm zur Umwandlung starteten, wie sie im Wissenschaftsmagazin "Nature" berichten.

Den Biologen ist dies gelungen, ohne dafür den Umweg über das Stammzellstadium zu gehen. Um neue Zelltypen herzustellen, mussten Forscher Zellen bislang erst in ein Embryonalstadium beziehungsweise in induzierte pluripotente Stammzellen, sogenannte ips-Zellen, zurücksetzen.

Zuvor war Wissenschaftlern vom Scripps Research Institute im kalifornischen La Jolla der Verwandlungsprozess auf ähnliche Weise gelungen: In einem Versuch mit Mäusezellen konnten die Wissenschaftler in La Jolla ebenfalls eine Abkürzung nehmen und Hautzellen direkt in schlagende Herzzellen umwandeln.

Weitere Forschung für mögliche Therapie notwendig

Dell' Anno und ihren Kollegen gelang es, die Umwandlung auszulösen, indem sie drei Gene in Hautzellen von Mäusen und Menschen verschiedenen Alters einschleusten. Diese Zellen zeigten viele Eigenschaften jener Hirnzellen, die den Botenstoff Dopamin produzieren.

Dell' Anno betont jedoch, dass es vor einer möglichen Behandlung von Patienten noch viele Hürden gebe. So müsse die Wandlung der Zellen mit großer Effizienz gelingen. Zudem müsse sicher nachgewiesen werden, dass beim Umprogrammieren nur genau die gewünschten Zellsorten entstehen.

Ähnliche Erfolge konnten auch Malin Parmar und sein Team an der Universität Lund Anfang Juni erzielen, wie sie im Magazin "Proceedings of the National Academy of Sciences" berichteten. Die Forscher hatten allerdings eine andere Kombination von Genen verwendet.

Die Umwandlungsmethode gründet auf einem Verfahren, das erstmals 2006 angewendet wurde: Der Japaner Shinya Yamanaka schleuste vier zusätzliche Erbanlagen in tierische Hautzellen ein. In diesen startete daraufhin ein genetisches Programm, das die Hautzellen zu Stammzellen zurückentwickelte. Diese ähneln mit ihren Eigenschaften den embryonalen Stammzellen weitgehend und werden iPS-Zellen (induzierte pluripotente Stammzellen) genannt. Daraus können im Prinzip alle rund 200 Zelltypen des Menschen werden.

Marius Wernig vom Howard Hughes Medical Institute und seinen Kollegen gelang es dann, dieses Verfahren weiterzuentwickeln. Sie schafften es, den Umweg über die iPS-Zellen auszulassen und Hautzellen direkt in Nervenzellen zu verwandeln. Die neueste Studie zeigt nun, dass die auf diese Weise produzierten Nervenzellen sogar das gewünschte genetische Programm abrufen - was die Hoffnung auf eine Parkinson-Therapie nährt.

nih/dpa

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
zum Forum...
Sagen Sie Ihre Meinung!
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Wissenschaft
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Mensch
RSS
alles zum Thema Parkinson
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren
  • Zur Startseite
Fotostrecke
Umprogrammiert: Hautzellen zu Blutzellen
Fotostrecke
Reprogrammierung: Aus Körper- mach Stammzelle