Passives Radar Lauschangriff im Wellenmeer

Eine neuartige Überwachungs-Technologie lehrt Militärs und Datenschützer das Fürchten: Passives Radar sendet keine eigenen Signale aus und kann dennoch Flugzeuge, Schiffe, Autos und Menschen orten - und sogar "Stealth"-Bombern die Tarnkappe entreißen.

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Mobilfunkanlage: Basis für das Radar der Zukunft?
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Mobilfunkanlage: Basis für das Radar der Zukunft?

Als der Professor zum Vortrag anhob, spitzten die Geheimdienstler die Ohren. John Sahr von der University of Washington dozierte unter Ausschluss der Öffentlichkeit über ein wundersames Gerät, das in der Lage sei, selbst kleinste Partikel in einer Höhe von 500 Kilometern zu entdecken - und zwar ohne einen eigenen Suchstrahl in den Äther zu schicken. Zudem sei das System "unglaublich billig": 20.000 US-Dollar habe es gekostet - Peanuts im Vergleich zu den 25 Millionen Dollar, die laut Sahr ein vergleichbares konventionelles Radar verschlungen hätte.

Seattle, vergangene Woche: Handverlesene Experten aus aller Welt, Rüstungs- und Kommunikationsunternehmen stellten ihre jüngsten Fortschritte auf dem Gebiet des Passivradars vor. Die westlichen Militärs und Sicherheitsbehörden kamen mit allem, was Rang und Namen hat: aus den USA der Militärgeheimdienst DIA, der Nationale Sicherheitsdienst NSA, die Spionagesatelliten-Betreiber vom National Reconnaissance Office (NRO), der Überwachungsdienst für feindliche Bodentruppen NGIC, die Missile Defense Agency und Schlapphüte der verschiedenen Truppengattungen, dazu die für die Bewertung technischer Neuerungen verantwortliche Nato-Abteilung C3 sowie Vertreter der Verteidigungsministerien Großbritanniens und Australiens - um nur einige zu nennen. Der bemerkenswerte Aufmarsch hatte einen guten Grund: Es ging um das Ortungssystem der Zukunft.

Radar, kurz für "radio detection and ranging", funktioniert nach einem einfachen Prinzip: Man sendet ein starkes Signal aus und berechnet anhand des Echos die Position des Ziels. Fortschrittliche Systeme können auch die Geschwindigkeit eines Objekts messen, indem sie Verschiebungen in der Frequenz des Signals auswerten - den so genannten Doppler-Effekt, der im Alltag hörbar wird, wenn ein Krankenwagen mit heulender Sirene vorbeirast.

Echos aus der Wellensuppe

Als der Erfinder Christian Hülsmeyer 1904 mit dem ersten funktionierenden Radar Schiffe auf dem Rhein ortete, war es noch recht still im Äther. Heute aber überschwemmen Radio- und Fernsehsender, Satelliten und Mobilfunkanlagen die Atmosphäre mit einer Flut an elektromagnetischen Wellen. Flugzeuge, Schiffe, Autos, einzelne Personen: Praktisch jedes Objekt bewegt sich durch die Wellensuppe wie ein Fisch durchs Wasser - und wirft zwangsläufig messbare Echos zurück.

Schon lange versuchen Ingenieure, sich diesen Effekt für ein Ortungssystem nutzbar zu machen. Die Vorteile eines solchen passiven Radars sind verlockend: Man könnte alle möglichen Objekte verfolgen, ohne sich selbst durch eigene Suchsignale zu verraten. Leistungsstarke Sendeanlagen wären überflüssig, was die Kosten enorm senken würde. Allerdings verursachen tausende von Sendern aller Art und Myriaden von Reflexionen ein Wellenchaos, dessen Entschlüsselung nur mit Hilfe gigantischer Rechenpower vorstellbar ist.

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REUTERS

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Die steht nun offenbar zur Verfügung: Nach Jahren der Forschung steht die Technologie des passiven Radars kurz vor der Serienreife. Gleich mehrere Unternehmen melden Durchbrüche, die Termine für Feldtests und Konferenzen häufen sich derzeit auffallend. Roke Manor Research mit Sitz im britischen Hampshire etwa hat gemeinsam mit BAe Systems ein System namens "Celldar" ("Cellphone Radar") konstruiert, das die Echos von Mobilfunk-Sendeanlagen erfasst - und auf eigene Ortungssignale verzichtet. Die Allianz ist potent: BAe ist ein Gigant in der Luft- und Raumfahrtbranche, Roke Manor ein Kommunikations- und Elektronik-Unternehmen mit langer Tradition im Rüstungssektor - und Teil des Siemens-Konzerns, einem der weltweit größten Hersteller von Mobilfunk-Technologie.

Roke Manor will dem britischen Verteidigungsministerium die Leistungsfähigkeit von "Celldar" in diesen Tagen bei einem Manöver in der Ebene von Salisbury vorführen. Während der Übung soll das System die Bewegungen von Panzern, Lkw und gepanzerten Truppentransportern verfolgen. Der US-Rüstungskonzern Lockheed Martin (Motto: "Wir vergessen nie, für wen wir arbeiten") demonstrierte dem Pentagon bereits im vergangenen Herbst, dass die dritte Generation des Passivradars "Silent Sentry" ("Stiller Wächter") den gesamten Luftverkehr über Washington anhand der Echos von Rundfunksignalen erfassen kann.

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