Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Passivrauchen: Philip Morris soll Tabakrisiken erforscht und verschwiegen haben

Bereits seit 30 Jahren erforscht der Tabakkonzern Philip Morris an einem Kölner Institut die Folgen des Passivrauchens, behaupten zwei Wissenschaftler. Die brisanten Ergebnisse habe der Konzern jedoch für sich behalten. Ein Unternehmenssprecher wies die Anschuldigungen als "verzerrt" zurück.

Raucher: "Vorwürfe falsch, ungenau und in höchstem Maße verzerrt"
AP

Raucher: "Vorwürfe falsch, ungenau und in höchstem Maße verzerrt"

Jahrelang behaupteten die Tabakkonzerne, die Gesundheitsrisiken des Aktiv- und Passivrauchens nicht zu kennen. Eine Aussage, die sehr wahrscheinlich nicht stimmt, wie nun drei Wissenschaftler herausgefunden haben.

Martin McKee von der Londoner School of Hygiene and Tropical Medicine und seine Schweizer Kollegen Pascal Diethelm und Jean-Charles Rielle hatten interne Dokumente der Firma Philip Morris durchstöbert, die diese nach einem Prozess in den USA zur Verfügung stellen musste.

Beim Sichten der Papiere stießen die Forscher auf brisante Informationen: Seit Anfang der siebziger Jahre habe Philip Morris heimlich die gesundheitlichen Folgen des Rauchens erforschen lassen - an einem Institut in Köln mit dem Namen Inbifo (Institut für biologische Forschung GmbH). Wie McKee und Diethelm im Fachblatt "Lancet" berichten, wurden brisante Ergebnisse der Untersuchungen nicht publiziert.

Passivrauchen besonders gefährlich

"Unveröffentlichte Studien lieferten Beweise dafür, dass Passivrauchen sogar noch gesundheitsgefährdender ist als Aktivrauchen." Dies sei vor allem deshalb von besonderer Bedeutung, weil die Industrie immer wieder behauptet habe, dass vom Passivrauchen keine Gefahren ausgingen.

Passivrauchen: Noch gefährlicher als aktives Rauchen
DPA

Passivrauchen: Noch gefährlicher als aktives Rauchen

Die Forschungsergebnisse des Kölner Instituts Inbifo seien nur selektiv publiziert worden, sagte "Lancet"-Herausgeber Richard Horton, um die öffentliche Meinung zum Passivrauchen im Interesse der Tabakindustrie zu beeinflussen.

Philip Morris wies die in dem Magazin erhobenen Anschuldigungen zurück. Sprecher John Wunderli sagte, die Vorwürfe seien "falsch, ungenau und in höchstem Maße verzerrt" und auch nicht neu. Bereits bei den Prozessen in den USA gegen Philip Morris seien diese aufgetaucht. "Wir haben uns erfolgreich dagegen zur Wehr gesetzt", sagte Wunderli.

McKee, Rielle und Diethelm werfen Philip Morris vor, eine direkte Verbindung zu Inbifo bewusst verschleiert zu haben. Nachdem der Konzern das Institut zunächst übernommen hatte, sei es Anfang der siebziger Jahre an eine Schweizer Tochter von Philip Morris übergegangen. Auch die Bezahlung der in Köln angefertigten Studien wurde über den Umweg der Schweizer Tochter abgewickelt, schreiben McKee und Diethelm.

Firmenbosse wollten genau Bescheid wissen

Das Bedürfnis, alles über mögliche Risiken des Rauchens zu wissen, bestand unter den Tabakmanagern offenbar schon vor Jahrzehnten. "Wir müssen mehr über unsere Produkte wissen als jeder beliebige andere, damit wir nicht überrascht werden, wenn Konkurrenten oder Widersacher Informationen über unsere Produkte veröffentlichen", zitieren die Autoren der "Lancet"-Studie Helmut Wakeham, Vice-President bei Philip Morris. Das Statement stammt aus dem Jahr 1969, kurze Zeit später stieg der Konzern bei Inbifo ein.

Stenge US-Sitten: New-Yorker Bar mit Rauchverbot
AP

Stenge US-Sitten: New-Yorker Bar mit Rauchverbot

Wie genau man in der Philip-Morris-Zentrale die Studien in Köln gekannt haben muss, zeigt ein Report aus dem Jahr 1982, der sich mit den Folgen des Passivrauchens beschäftigt. Alle Ratten zeigten allgemeine Erschöpfungserscheinungen nach Ende der täglichen Rauchdosis, heißt es in dem nach Richmond, Virginia gesendeten Bericht. Im Unterscheid zu den Ratten mit Aktivrauch, die sich am nächsten Morgen wieder erholt hätten, zeigten die passiv rauchenden Ratten ein ungepflegtes Fell und einige von ihnen ausgeprägte Atemprobleme. Um die gleichen Effekte beim Aktivrauchen zu bewirken, hätte die Konzentration des Rauchs um den Faktor drei erhöht werden müssen, heißt es in dem Bericht.

"Bis zum Jahr 1994 haben die Forscher von Inbifo offensichtlich keine einzige Studie zu den Folgen von Passivrauchen veröffentlicht", schreiben McKee, Rielle und Diethelm. Insgesamt seien am Kölner Institut zwischen 1981 und 1989 jedoch mehr als 800 Studien dazu durchgeführt worden.

Wichtige Ergebnisse blieben in Schublade

Die Wissenschaftler am Inbifo-Institut publizierten in dieser Zeit sehr wohl Forschungsergebnisse. Allerdings nur solche, deren Aussagen als industriefreundlich einzustufen seien, betonen die beiden Autoren der "Lancet"-Studie. In den veröffentlichten Arbeiten seien beispielsweise Methoden zur Ermittlung der Folgen von Passivrauchen in Frage gestellt worden.

Das Kölner Institut lehnte auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE eine Stellungnahme ab und verwies auf den Mutterkonzern. Den Namen Inbifo hat man inzwischen abgelegt. Seit mehr als zwei Jahren firmiert das Institut unter Philip Morris Research Laboratories.

Holger Dambeck

Diesen Artikel...
Forum - Rauchen - Kein blauer Dunst mehr an allen öffentlichen Plätzen?
insgesamt 6237 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Appetit bewirkt mehr als Appelle
jehrhart, 12.04.2005
Horrorszenarien, Regulierungswahn, prohibitionsähnliche Zustände, Diskriminierung der Raucher - das führt zu nichts, wenn nicht gar zu Trotzreaktionen. Ich wage zu behaupten: Würde all die Kreativität und letztendlich all das Geld, das aufgewendet wird, um den Rauchern die schrecklichen Gefahren ihrer Sucht und das Asoziale ihres Tuns vor Augen zu führen, für das Gegenteil eingesetzt, für Kampagnen also, die den Gewinn an Lebensqualität durch Nichtrauchen begehrenswert machen - dann sähe die Welt ganz anders aus. Ein Sprichwort sagt: "Ein Mensch, der will, kann mehr, als zehn, die müssen." Andersrum, verehrte Gesundheitsapostel: Erst wenn es euch gelingt, mich aufs Nichtrauchen geil zu machen, habt ihr eine Chance bei mir. jehrhart (Raucher) Nachtrag: Noch nie hatte ich so viele spontane Plaudereien mit Wildfremden wie seit der Einführung der Raucherinseln an den Flughäfen. Na bitte.
2.
DJ Doena 12.04.2005
Theoretisch müsste sich doch die neue gehypte Feinstaubgefahr ein absolutes Rauchverbot (Prohibition) durchsetzen lassen. Die Leute, die dann illegal weiterrauchen sind mir egal, sie können es ja nicht mehr vor meiner Nase tun. So hätte dieses Feinstaub-Gespinst (nein nicht Gespenst) wenigstens etwas gutes
3.
Thorsten Hopf, 12.04.2005
---Zitat von jehrhart--- Andersrum, verehrte Gesundheitsapostel: Erst wenn es euch gelingt, mich aufs Nichtrauchen geil zu machen, habt ihr eine Chance bei mir. ---Zitatende--- Muss man ein Gesundheitsapostel sein, wenn man nicht in Rauchschwaden sitzen will? Niemand (naja, ich jedenfalls nicht ;)) will Raucher von ihrem Tun abbringen (auch wenn ich jedesmal Unverständnis verspüre, wenn ich Eltern mit kleinen Kindern und Zigarette sehe). Es ist aber mit der Freiwilligkeit (also dem, was man gemeinhin als "Rücksichtnahme" bezeichnet) der Raucher erfahrungsgemäß nicht so weit her. Also müssen eben andere Maßnahmen her...
4.
Patricia Brandt, 12.04.2005
Letzten Sonntag saß ich gemütlich in einem netten Lokal und verspeiste mein Jägerschnitzel, als so eine komische Tussi anfing, ihren blauen Dunst zu verteilen. Die störte es nicht im Geringsten ob ihr Freund/Mann aß (der saß gegenüber) oder ob die Leute am Nebentisch (wir) essen wollten. Nein es wurde fleißig weiter gequalmt ohne den Blick von der Zeitung zu nehmen, mit der sie dann auch munter weiter raschelte. Ich wollte mir den Sonntag nicht versauen, also verzichtete ich auf eine Diskussion und wartete bis sie fertig war (freilich hielt dieser Zustand nicht lange, die nächste folgte). Ich frage mich nur ernsthaft, wieso ich als "normaler" Mensch, einen Raucher bitten soll mit der Qualmerei aufzuhören, zumindest solange ich mich daneben aufhalte? Rauchen ist eine Sucht und kein "Normalzustand", solange das aber fein ignoriert wird, wird die Akzeptanz von Rauchern in der Öffentlichkeit immer gegeben sein. Ich finds nur beschämend für unsere Gesellschaft, dass man sich als Nichtraucher wie ein Verbrecher vorkommt wenn man einen Raucher bittet die Kippe auszumachen. Und das nur, weil Raucher nicht als das angesehen werden, was sie sind: Suchtkranke. Einem Junkie erlaubt man auch nicht, sich im Restaurant ne Spritze zu setzen.
5. Alle Raucher sind Suchtkranke ???
Hans-Joachim Grüßner, 12.04.2005
Moin auch, zum einen kann ich Sie verstehen, es gehört sich einfach nicht (und war schon immer unfein) zu rauchen während andere in unmittelbarer Nähe essen. Siehe auch das Standardwerk 'der' Pappritz aus den 50er Jahren. Zun anderen war es noch nie hilfreich, zu pauschalisieren. Ich rauche - wenn die Gelegenheit stimmt - mal gerne ein gute Zigarre oder eine Pfeife. Das summiert sich auf max 5 - 8 Zigarren pro Jahr (aber dann auch besonders gute!) Ich bin mit Sicherheit kein 'Junkie' und würde mich gegen eine solche Bezeichnung schärfstens wehren. Ich kann andererseits nicht verstehen, was man an Zigarretten finden kann. Schmecken tun sie jedenfalls nicht. Jedoch soll ja angeblich die Zigarrettenindustrie suchterzeugende Stoffe beimischen lassen. Na dann prost. Wenn die Raucher einfach mal 'was richtiges' rauchen würden, und das mit Genuß (wirklichem und nicht von der Werbung vorgegaukelten) und in Maßen, die Nichtraucher andererseits darauf verzichten würden, auf jeden Raucher einzureden, auch wenn er sie (unter freiem Himmel z.B.) nicht persönlich, physisch belästigt, dann wäre das ganze schon viel friedlicher... Gruß von der Ostsee Hanjo Grüßner
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2004
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: