Patent-Atlas 2006 Wo Deutschlands Erfinder sitzen

Deutschland, Heimat der Tüftler und Erfinder. Der neue Patent-Atlas 2006 enthüllt auf 400 Seiten die kreativsten Ecken des Landes. SPIEGEL ONLINE verrät die Zentren der Innovation - und enthüllt, wo es noch Genies gibt.


Siemens, Haber, Bosch - die Vaterfiguren deutscher Industriegeschichte haben als Erfinder angefangen. Auch Albert Einstein, weithin als kopflastiger Hardcore-Theoretiker bewundert, hat sich in jungen Jahren an einer höchst praktischen Erfindung versucht, einem verbesserten Kühlschrank.

Wie es im Land der Ingenieure und Erfinder um die Innovationskraft bestellt ist, zeigt ein neues Überblickswerk, der "Patent-Atlas", den das Deutsche Patent- und Markenamt (DPMA) in München heute vorstellt. SPIEGEL ONLINE zeigt daraus Karten der deutschen Erfinderlandschaft.

Das Land der Tüftler und Erfinder, zeigt sich darin, ist vor allem ein Ländle: Die Region Stuttgart liegt deutlich vorn. Nirgendwo sonst wurden zwischen 2000 und 2005 mehr Patente angemeldet. Insgesamt liegt Baden-Württemberg auf dem ersten Platz, gefolgt von Bayern. Am unteren Ende des Bundesländer-Rankings finden sich das Saarland, Mecklenburg-Vorpommern und Bremen. In keinem anderen Land wird weniger patentiert als dort.

Die Daten für diese minutiöse Darstellung der Innovationslandschaft - immerhin zählt der "Patentatlas Deutschland - Ausgabe 2006" 386 Seiten, und in der Papierform wiegt das Buch kiloschwer - stammen aus den Statistiken des DPMA und des europäischen Patentamts, das gleich nebenan an der Isar steht.

Süden dominiert, Hoffnungsschimmer im Osten

Von einer "mehrjährigen Arbeit" spricht Dieter Schmiedl zurückhaltend, der Autor des Werks. "Jedes Jahr muss man die relevanten Veröffentlichungen herunterladen, bearbeiten, sortieren und so weiter" - eine ungeheure Fleißarbeit. Der DPMA-Statistiker hatte bereits in den Jahren 1998 und 2002 ähnliche Patentatlanten vorgelegt. Sie stehen heute in jeder Universitätsbibliothek, in vielen Industrie- und Handelskammern. Schmiedl, kurz vor dem Pensionierungsalter, blickt auf Jahrzehnte der Erfinderstatistik in Deutschland zurück. Beim neuen Werk ist ihm besonders der Trend zur Konzentration aufgefallen.

"Wir haben Regionen, die dominieren", sagte der Patent-Experte. Er hat die Entwicklung der Patentanmeldungen in den einzelnen Bundesländern von 1995 bis 2005 verglichen. "Der durchschnittliche Zuwachs betrug 50 Prozent", sagte er. Die stärksten Bundesländer, Bayern und Baden-Württemberg seien gar um rund 70 gewachsen. In Bremen hingegen seien im Vergleich zu 1995 nur etwa sechs Prozent mehr angemeldet worden. Positive Signale, wenn auch auf niedrigem Niveau, gibt es aus Ostdeutschland.

Beispielsweise landet bei Elektrotechnik-Patenten die Region um Dresden (Oberes Elbtal/Osterzgebirge) auf dem fünften Platz: Wurden dort 1995 nur zehn entsprechende Patente angemeldet, waren es im Jahr 2005 bereits 200 Stück. Diese Region hatte zwischen 2000 un 2005 auch den größten relativen Zuwachs (61 Prozent) aller Raumordnungsregionen, gefolgt von zwei anderen Gebieten in Ostdeutschland: Mittelthüringen mit 49 Prozent und Westmecklenburg mit 44 Prozent Plus.

Rückgang der Privat-Patente

Die allermeisten Patente werden in Deutschland von Wirtschaftsunternehmen angemeldet - mit steigender Tendenz. Betrug ihr Anteil 1995 erst 73,3 Prozent, wuchs er auf 75 Prozent im Jahr 2000 und schließlich auf 83,5 Prozent fünf Jahre später. Schmiedl weiß: Das geht zu Lasten der sogenannten natürlichen Personen, also derjenigen Innovatoren, die dem Klischee vom genialischen Tüftler und Bastler am ehesten entsprechen, das im Wort "Erfinder" immer noch mitschwingt. Nur noch 13 Prozent der Anmeldungen kommen von ihm.

Ist dieser Daniel Düsentrieb vom Aussterben bedroht? "Den gibt es schon noch", sagt Schmiedl, aber nicht nur der Anteil der Privaten gehe zurück, sondern auch deren absolute Zahl der Patentanmeldungen. In der Wirtschaft beißen Privaterfinder häufig auf Granit mit ihren Ideen, auch weil dort selbst viele eigene Patente nicht verwertet werden: 60.000 Patente sind im Jahr 2005 in Deutschland angemeldet worden, schätzungsweise 40 Prozent davon blieben ungenutzt, meldete das "Handelsblatt" Ende Januar.

Auch Promi-Erfinder Einstein hatte seinen Alternativ-Kühlschrank 1926 zum Patent angemeldet. Eine Hamburger Firma zeigte zwar zwei Jahre darauf einen Prototypen, dann verschwand der Entwurf jedoch in der Versenkung. Und der Denker jobbte bald selbst als Patentprüfer in Bern, um sich in seiner Freizeit der Tüftelei mit den Naturgesetzen widmen zu können.

stx



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