Dortmund - 17 Seiten umfasst die Anklageschrift, eineinhalb Stunden dauerte der Vortrag: Der Prozess um den Umweltskandal beim Dortmunder Abfallentsorger Envio begann mit einem langen Auftritt von Staatsanwalt Dirk Stickeln. Dirk Neupert, der frühere Geschäftsführer der inzwischen insolventen Envio Recycling GmbH, und drei weitere Manager sollen demnach zahlreiche Arbeiter über Jahre hinweg ungeschützt dem hochgiftigen Kühl- und Isoliermittel PCB ausgesetzt haben. Außerdem sollen die Giftstoffe ungefiltert in die Umgebungsluft gelangt sein.
Neupert weist alle Vorwürfe zurück. Sein Verteidiger sagte vor dem Dortmunder Landgericht: "Mein Mandant würde es bedauern, wenn Personen an ihrer Gesundheit geschädigt worden sein sollten."
Blutuntersuchungen bei den 51 Arbeitern hätten zwar deutlich erhöhte PCB-Werte ergeben. Es sei aber nicht nachgewiesen, dass diese auf Fehler im Anlagenbetrieb von Envio zurückzuführen seien. "Sie lassen sich vielmehr plausibel mit ungesunden Lebensstilfaktoren dieser Mitarbeiter erklären", sagte der Anwalt. Außerdem sei bis heute nicht erwiesen, dass eine erhöhte PCB-Belastung überhaupt zu den von der Staatsanwaltschaft angenommenen Gesundheitsschäden führen würde.
Akte "Staub" offenbart Umweltsünden
Die Staatsanwaltschaft wirft Neupert und drei weiteren Envio-Managern hingegen vor, Gefahrstoff-Messgeräte in den Werkhallen ausgeschaltet zu haben, um den laufenden Betrieb nicht ständig unterbrechen zu müssen. Darüber hinaus wurden die Arbeiter angeblich nur mit nutzlosen Schutzanzügen und Handschuhen ausgestattet, die billiger waren als die eigentlich erforderlichen.
Grundlage der Anklage ist der im Mai 2011 fertiggestellte Schlussbericht der Ermittlungskommission "Staub", die ein Jahr lang die Betriebsabläufe auf dem Gelände der Envio im Dortmunder Hafen untersucht hatte. Zehn Kriminalbeamte, zwei Wirtschaftsinformatiker, ein Wirtschaftsreferent und drei Staatsanwälte hatten 460 Aktenordner und -mappen mit Betriebs- und Genehmigungsunterlagen, 200 digitale Datenträger, über tausend Blutuntersuchungen und zahlreiche Bodenproben ausgewertet.
Von besonderer Bedeutung waren die Ergebnisse der Blutkontrollen bei 86 Envio-Mitarbeitern, von denen mehr als 80 Prozent eine erhöhte Belastung mit Polychloriertem Biphenylen (PCB) oder mehreren der 209 bekannten verwandten Chemikalien ähnlicher Grundstruktur aufwiesen.
Polychlorierte Biphenyle sind hochgiftige Chemikalien. Die Substanzen wurden bis in die achtziger Jahre als Isolierflüssigkeit in Transformatoren verwendet und sind seit 1989 in Deutschland verboten. Bei der Entsorgung von PCB gelten besondere Vorsichtsregeln. PCB kann zu Erkrankungen des Immun-, Nerven- und Hormonsystems führen, ebenso zu Unfruchtbarkeit, Leberschäden und Hautveränderungen.
Nebenkläger fordern Bestrafung der Verantwortlichen
Der Kölner Anwalt Reinhard Georg Birkenstock, bekannt durch sein Mandat für den Meteorologen Jörg Kachelmann, hat die Nebenanklage von zahlreichen der ehemaligen Mitarbeitern der PCB-Firma Envio übernommen. Finanziert wird sein Engagement durch die Gewerkschaft IG BCE. Auch die IG Metall unterstützt eine weitere Nebenklage der Geschädigten.
Vor dem Prozessauftakt erklärten Ex-Mitarbeiter, sie erhofften eine Bestrafung der Verantwortlichen. "Das alles macht mich fertig. Ich erwarte Gerechtigkeit", sagte ein 56-jähriger Dortmunder.
Die Staatsanwaltschaft wirft der früheren Geschäftsführung und Betriebsleitung von Envio vor, von Mai 2006 bis zur Stilllegung des Betriebes im Mai 2010 vorsätzlich und zum "Zweck der Gewinnmaximierung" gegen behördliche Vorgaben verstoßen zu haben. Die PCB-Kontamination einer Vielzahl von Mitarbeitern, Leiharbeitern und Beschäftigten von Fremdfirmen sei dabei zumindest billigend in Kauf genommen worden.
Transformatoren im Freien geöffnet
Seit Mai 2006 sollen der Geschäftsführer und der Betriebsleiter der Envio-Anlage die Behandlung von ursprünglich untertage eingelagerten PCB-belasteten Transformatoren fortgeführt haben - ohne Genehmigung und trotz des Ablaufs einer behördlichen Frist für einen Probebetrieb. Die Transformatoren sollen verbotswidrig auf dem Gelände zwischengelagert und teilweise vor der Entsorgung im Freien geöffnet worden sein. Die Entfernung des PCB-haltigen Bindemittels aus den Trafos soll ohne funktionierende Absaugeinrichtung durchgeführt worden sein, so dass der kontaminierte Staub freigesetzt wurde.
Bei der Behandlung der Trafos soll PCB-Öl unkontrolliert auf den Boden der Halle 1 getropft sein. Die vom Unternehmen beschaffte Schutzkleidung sei nach dem Ergebnis eines Arbeitsschutzgutachtens in weiten Teilen für den Umgang mit PCB nicht geeignet gewesen.
Neben dem ehemaligen Envio-Geschäftsführer Neupert, der auch Vorstand der Envio AG war, müssen sich ein ehemaliger Betriebsleiter, ein externer Immissionsschutzbeauftragter und ein ehemaliger Werkstattmeister des Recycling-Unternehmens vor dem Landgericht verantworten.
Um alle Vorfälle im Dortmunder Hafen aufzuklären, hatte das Gericht zunächst 15 Verhandlungstage angesetzt. Schon jetzt deute sich an, dass dies nicht zu halten sein werde, sagte ein Sprecher. Allein die Durchsicht aller Genehmigungen, die Envio beantragt hatte - insgesamt 16 Aktenordner - würde sieben Sitzungen beanspruchen. Erst danach könne mit der Vernehmung von Zeugen begonnen werden. Der nächste Termin ist der 30. Mai.
nik/dpa/dapd
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