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PCB-Skandal in Dortmund: Envio-Manager vor Gericht

Das Recyclingunternehmen Envio soll über Jahre Mitarbeiter und Anwohner in Dortmund mit krebserregendem PCB vergiftet haben. Zwei Jahre nach der Aufdeckung eines der größten deutschen Umweltskandale müssen sich vier Manager dafür von heute an vor Gericht verantworten. 

Envio-Technologiepark in Dortmund (Archivbild): Mitarbeiter vergifteten sich mit PCB Zur Großansicht
DPA

Envio-Technologiepark in Dortmund (Archivbild): Mitarbeiter vergifteten sich mit PCB

Dortmund - Aus Gewinnsucht soll die Entsorgungsfirma Envio auf grundlegende Vorsichtsmaßnahmen bei der Beseitigung hochgiftiger Chemikalien verzichtet haben. Zahlreiche Mitarbeiter erlitten schwerste Vergiftungen. Der Umweltskandal zählt zu den schwersten in der deutschen Geschichte. Zwei Jahre nach seiner Aufdeckung beginnt am Mittwoch die juristische Aufarbeitung.

Auf der Anklagebank des Landgerichts in Dortmund sitzen vier Manager von inzwischen insolventen Envio-Tochterfirmen, unter ihnen der ehemalige Geschäftsführer Dirk Neupert.

Nach Überzeugung der Staatsanwaltschaft haben die Manager bei Envio auf grundlegende Vorsichtsmaßnahmen bei der Entsorgung der hochgiftigen Polychlorierten Biphenyle (PCB) verzichtet. Die Chemikalie schädigt das Erbgut und darf eigentlich nur unter strengen Sicherheitsauflagen entsorgt werden. Envio-Mitarbeiter sollen ohne ausreichende Schutzkleidung bis zur Wade in giftigen Schlämmen gestanden haben.

Was wird den Managern von Envio vorgeworfen? Wie kam es zu dem Umweltskandal im Dortmunder Hafen? SPIEGEL ONLINE beantwortet die fünf wichtigsten Fragen:

Was ist vor zwei Jahren im Dortmunder Hafen passiert?

Tatort des PCB-Skandals ist das Gelände der Entsorgungsfirma Envio im Dortmunder Hafen, dem größten Kanalhafen Europas. Dort ließ das Unternehmen Transformatoren und Kondensatoren von dem gefährlichen PCB befreien.

Über viele Jahre hinweg verdiente die Firma mit der Entsorgung der Bauteile aus deutschen Umspannwerken gutes Geld. Die elektrotechnischen Elemente enthalten Kupfer und in Spuren Gold, Platin und seltene Erden, deren Preise auf dem Weltmarkt steigen. Da PCB in Deutschland jedoch seit 1989 verboten ist, ging Envio als Giftmüllspezialist allmählich die Geschäftsgrundlage aus. Man schaute sich deshalb im Ausland um. Barbados, Lettland, die Ukraine - wo immer jemand giftigen Schrott loswerden wollte, Envio war stets zu Diensten.

Die Mitarbeiter des Entsorgers zerlegten am Dortmunder Hafen die ausgemusterten Bauteile, in denen PCB als Isolieröl und als Kühlflüssigkeit diente - für gerade mal 7,50 Euro die Stunde. Vorschriften des Arbeitsschutzes wurden dabei grob missachtet. Den Leihkräften in der Belegschaft stellte das Unternehmen nicht mal Monteuranzüge - die Arbeiter brachten ihre Kleidung nach Hause und kontaminierten so auch ihre Familien mit PCB.

Insgesamt 51 Mitarbeiter, Leiharbeiter und Beschäftigte von Fremdfirmen sollen sich bei der Entsorgung der Transformatoren hochgradig kontaminiert haben. Ihre PCB-Konzentration im Blut lag um bis zu 25.000-mal höher als beim Durchschnitt der Bevölkerung.

Auch in der Umgebung der Firma wiesen Menschen erhöhte Werte auf. Messungen ergaben bei 276 Menschen erhöhte PCB-Werte im Blut, darunter auch Kinder und Angehörige von ehemaligen Envio-Mitarbeitern.

Wochen nach Bekanntwerden des Skandals wurde der Entsorger Envio geschlossen. Die betroffenen Tochtergesellschaften der Hamburger Mutter meldeten Insolvenz an.

Was ist PCB?

Polychlorierte Biphenyle (PCB) sind hochgiftige Chemikalien. Die Substanzen wurden bis in die achtziger Jahre als Isolierflüssigkeit in Transformatoren verwendet und sind seit 1989 in Deutschland verboten. Bei der Entsorgung von PCB gelten besondere Vorsichtsregeln. PCB kann zu Erkrankungen des Immun-, Nerven- und Hormonsystems führen, ebenso zu Unfruchtbarkeit, Leberschäden, Hautveränderungen.

Wer sitzt im Dortmunder Landgericht auf der Anklagebank?

Neben dem ehemaligen Envio-Geschäftsführer Dirk Neupert, der auch Vorstand der Envio AG ist, müssen sich ein ehemaliger Betriebsleiter, ein externer Immissionsschutzbeauftragter und ein ehemaliger Werkstattmeister des Recycling-Unternehmens vor dem Landgericht Dortmund verantworten. Sie sollen grundlegende Vorsichtsmaßnahmen missachtet haben.

Der Kölner Anwalt Reinhard Georg Birkenstock, bekannt durch sein Mandat für den Meteorologen Jörg Kachelmann, soll nach einem Bericht der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung die Nebenanklage von 22 ehemaligen Mitarbeitern der PCB-Firma Envio übernommen haben. Finanziert wird sein Engagement durch die Gewerkschaft IG BCE. Auch die IG Metall unterstützt eine weitere Nebenklage der Geschädigten. Zu den Nebenklägern zählt ein 30-jähriger Mann aus Lünen, der bei Envio gearbeitet hat, berichtet die Zeitung.

Ohne es zu ahnen, soll er das krebserregendes PCB in seiner Kleidung mit nach Hause geschleppt haben. Jetzt haben seine Frau und sein fünfjähriger Sohn das Gift im Blut. Auch das Baby der Lüner Familie ist krank. Dem einjährigen Jungen musste bereits eine Niere entfernt werden.

Welche Rolle spielten die Behörden?

Die Firma Envio stand nicht allein im Fokus. In dem Umweltskandal wurde auch die staatliche Kontrolle durch die Bezirksregierung in Arnsberg kritisiert. Gegen die Kontrollbehörde gingen Strafanzeigen ein, weil sie illegale Entsorgungspraktiken geduldet haben soll. Diese Ermittlungen wurden eingestellt.

Tatsächlich hatte das nordrhein-westfälischische Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz schon 2008 bei einer Routinekontrolle eine erhöhte PCB-Belastung im Dortmunder Norden festgestellt. Anwohner wurden gewarnt, kein Gemüse aus ihrem Garten zu verzehren. Ein Zusammenhang zu der nicht weit entfernt tätigen Firma Envio wurde nicht hergestellt. Erst nach neuerlichen Proben, genommen im April 2010, deckten die Kontrolleure der Bezirksregierung Arnsberg den PCB-Skandal auf. Gemessen wurden damals bis zu 7,7 Gramm pro Quadratmeter, erlaubt sind gerademal 50 Milligramm.

Zwei von der Landesregierung in Auftrag gegebene Gutachten im Jahr 2010 kamen zu dem Schluss, dass "Schwachstellen und Defizite im behördlichen Vollzug und in der Behördenstruktur dazu beigetragen haben, dass gravierende Verstöße der Firma Envio gegen Schutz- und Vorsorgepflichten erst festgestellt wurden, nachdem bereits erhebliche Belastungen eingetreten waren".

Als Konsequenz kündigte die Landesregierung an, mehr Stellen im Arbeits- und Umweltschutz zu schaffen und eine Beschwerdestelle für Arbeitnehmer einzurichten.

Was passiert mit dem kontaminierten Gelände?

Das Areal im Dortmunder Hafen ist bis heute nicht saniert, weil das Geld fehlt und das Ergebnis des Insolvenzverfahrens noch nicht feststeht. Vermutlich muss der Steuerzahler den Großteil der Sanierungskosten übernehmen.

nik/dpa/dapd

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insgesamt 12 Beiträge
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1. Wichtigste Frage "vergessen" ?
tampa514 09.05.2012
Wer hat abkassiert ?
2. War ja klar
vrdeutschland 09.05.2012
Sehr traurig für die Betroffenen, die nun wohl ein Leben lang unter den Folgen leiden müssen. Mich wundert nur, daß das Verfahren gegen die Behörden eingestellt wurde und als einzige Handlung MEHR Stellen genehmigt wurden. Wofür ? Noch mehr Nasenbohrer, die ihrer Aufsichtspflicht nicht nachkommen ? Noch mehr Formulare, die es auszufüllen gilt ? Ob Verwahrlosung oder Mißbrauch von Kindern, Umweltskandalen, Baupfusch oder sonstigen Verbrechen: was nötig ist, sind Leute, die mal ihren breitgesessenen Hintern hochkriegen und vor Ort gehen und nicht Excel-Tabellen am Schreibtisch befüllen.
3. naja
copperfish 09.05.2012
Zitat von sysopDPADas Recyclingunternehmen Envio soll über Jahre Mitabeiter und Anwohner in Dortmund mit krebserregendem PCB vergiftet haben. Zwei Jahre nach der Aufdeckung eines der größten deutschen Umweltskandale müssen sich vier Manager dafür von heute an vor Gericht verantworten. http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,832129,00.html
Wird auf 1000 € "Strafe" hinauslaufen, und die Geschädigten werden sich dann noch Jahrzente privatgerichtlich mit diesen Monstren, wegen etwaiger "Entschädigungen" auseinandersetzen dürfen. Nur dann wird diese Monstren "pleite", auf Kosten ihrer Ehefrauen, in irgend einem Millionärsparadies dahinvegetieren. Bei dieser "Staatsanwaltschaft" wird jeder Schwarzfahrer oder Ladendieb wird mit einer höheren Strafe rechnen müssen.
4. Leiharbeiter - "Zwangsarbeiter"?
cheechago 09.05.2012
Zitat von sysopDPADas Recyclingunternehmen Envio soll über Jahre Mitabeiter und Anwohner in Dortmund mit krebserregendem PCB vergiftet haben. Zwei Jahre nach der Aufdeckung eines der größten deutschen Umweltskandale müssen sich vier Manager dafür von heute an vor Gericht verantworten. http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,832129,00.html
Wie schon vor "1000 Jahren": da hat man die Zwangsarbeiter Jobs übernehmen lassen die zum Tod führen (konnten). Hier setzt man Leiharbeiter ungeschützt ein - und wenn keiner die Drecksarbeit machen will, wird dem die Pistole auf die Brust gesetzt: "Der Nächste oder Übernächste macht dann deinen Job, zieh Leine!" Geistesmässig sind Envio-Verantwortliche nicht weit vom Tausendjährigen entfernt. Meinen Sie das gesagte ist zynisch? Ich denke, was dort bei Envio lief ist zynisch...
5. der eigentliche Skandal ist
indosolar 09.05.2012
Zitat von sysopDPADas Recyclingunternehmen Envio soll über Jahre Mitabeiter und Anwohner in Dortmund mit krebserregendem PCB vergiftet haben. Zwei Jahre nach der Aufdeckung eines der größten deutschen Umweltskandale müssen sich vier Manager dafür von heute an vor Gericht verantworten. http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,832129,00.html
1. 2. 3. 4. 5. 6.
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