Von Christiane Gelitz
Aber worauf gründen diese Verbindungen? Den Musikgeschmack halten die meisten Forscher für einen Aspekt des Lebensstils - eine Konsumgewohnheit, die Gleichgesinnte miteinander teilen. So auch das Fazit einer Befragung von mehr als 2500 Briten zwischen 18 und 60 Jahren, mit der Adrian C. North von der University of Leicester und David J. Hargreaves von der Roehampton University 2007 den jeweils typischen Lebensstil verschiedener sozialer Gruppen identifizierten. Demnach verhalten sich Musicalfans am vorbildlichsten - sie halten sich von Alkohol und Drogen fern, bleiben dem Gesetz treu und engagieren sich eher für wohltätige Zwecke. Ein Faible für Klassik, Jazz, Blues und Opern deutet auf einen Uniabschluss und Zugehörigkeit zur Mittel- oder Oberschicht hin. HipHop- und Dancefloor-Hörer treiben es am buntesten: Sie konsumieren die meisten Drogen, und mehr als die Hälfte von ihnen hat bereits eine Straftat begangen.
Doch Musik und Drogen verbinden sich offenbar nur dann zu einem Lebensstil, wenn Gleichaltrige dies vorleben. Das berichteten Sozialwissenschaftler um Juul Mulder von der Universität in Utrecht 2010. Ihre Auswertung von Daten der beschriebenen niederländischen Längsschnittstudie mit mehr als 7000 Jugendlichen ergab zunächst wie erwartet: Die Anhänger von Punk/Hardcore, Techno und Reggae konsumierten mehr Drogen, die von Pop und Klassik weniger. Als Bindeglied fungierte der Kontakt zu gleichaltrigen Drogenkonsumenten mit ähnlichem Musikgeschmack. Mit anderen Worten: Wer Punk hört, trinkt nur dann mehr Alkohol als ein Anhänger von Brahms oder Beethoven, wenn er auch Punkfans zu Freunden hat, die viel trinken.
Ob abstinent in der Oper oder betrunken auf einem Punkfestival - damit jemand an den betreffenden Aktivitäten Gefallen findet, braucht er wahrscheinlich eine gewisse Veranlagung, die es ihm zum Beispiel erlaubt, eine lärmende Band genießen zu können. Sensation Seeking etwa gilt als rund zur Hälfte erblich, ist also zu einem großen Teil biologisch bedingt.
Tatsächlich legt eine Reihe von Befunden nahe, dass biologische Prozesse bei der Entwicklung des Geschmacks mitmischen. Demnach spiegelt sich Musikgenuss zum einen in der Aktivität des Belohnungszentrums im Gehirn wieder, zum anderen in vegetativen Reaktionen wie Herzklopfen und Atemtiefe.
Wie sich musikalische Hochgefühle körperlich niederschlagen, untersuchte ein Team um Valorie Salimpoor von der McGill University in Montreal 2009. Die kanadischen Neuropsychologen spielten ihren Probanden zwei Arten von Musik vor: ihre Lieblingssongs sowie Stücke, die sie als neutral empfanden. Wie erwartet hing das Hochgefühl, das bei den Lieblingsliedern an bestimmten Stellen auftrat, eng mit der autonomen Erregung zusammen. Wann immer sich musikalische Glücksmomente einstellten, stiegen Hautleitfähigkeit, Atemfrequenz und Herzrate, während Blutdruck und Körpertemperatur sanken.
Musik und Drogen verbinden sich offenbar nur dann zu einem Lebensstil, wenn Gleichaltrige dies vorleben
Was parallel dazu im Gehirn abläuft, beschrieben die Neurowissenschaftler Daniel J. Levitin von der McGill University und Vinod Menon von der Stanford University in Kalifornien 2005. Demnach verändert sich beim Musikgenuss die Aktivität in einem Netzwerk neuronaler Strukturen, die auch bei anderen positiven Emotionen aktiv sind: Das ventrale tegmentale Areal vermittelt das Zusammenspiel zwischen Nucleus accumbens, Hypothalamus und Insula, die wiederum die beschriebenen vegetativen Reaktionen regulieren.
Hirnaktivitätsmuster sind ein Spiegelbild des musikalischen Hochgefühls, egal um welche Art von Musik es sich handelt, bestätigt Eckart Altenmüller, Direktor des Instituts für Musikphysiologie an der Universität Hannover. Der Mediziner zeigte 2002: Musikgenuss geht mit einer deutlich stärkeren Aktivität in der linken Hirnrinde einher, während negative Gefühle eine rechtshemisphärische Basis haben.
Doch warum begeistert uns ein bestimmtes Musikstück - und ein anderes nicht? Eine wichtige Rolle spielt offenbar der harmonische Wohlklang der Melodie, wie ein Team um die Neuropsychologin Anne J. Blood von der McGill University schon 1999 demonstrierte. Je mehr Dissonanzen die Forscher in ein selbst komponiertes Stück einbauten, desto weniger gefiel es den Probanden, und desto stärker war ihre Durchblutung in bestimmten rechtshemisphärischen Regionen. Wenn unser Lieblingslied uns einen Schauer über den Rücken jagt, spiegelte sich dies dagegen in jenen ventralen, limbischen Strukturen, die auch beim Konsum von Schokolade aktiv werden, so ein Fazit aus einer weiteren Studie von Blood.
Der Durchschnittshörer erlebt deshalb wohl vor allem dann musikalische Hochgefühle, wenn die harmonischen Melodien von Popsongs ertönen. Ein Sensation Seeker benötigt stärkeren Nervenkitzel, um sein optimales Stimulationsniveau zu erreichen, und Menschen mit hoher Offenheit für neue Erfahrungen brauchen wiederum komplexere Reize.
Dafür sprechen auch Studien, die den Sinn und Zweck des Musikhörens kulturübergreifend unter die Lupe nahmen. Demnach nutzen offene Menschen ihre Lieblingsmusik häufig zur intellektuellen Stimulation, während sie extravertierten Zeitgenossen eher zur Zerstreuung und Neurotikern zur emotionalen Regulation dient, so Chamorro-Premuzic und Kollegen in einer internationalen Studie von 2009.
Bislang sind allerdings keine Untersuchungen bekannt, welche die biologischen Reaktionen auf Kunst und Musik mit der Persönlichkeit oder mit den Motiven für den Kulturgenuss in Verbindung bringen. Noch dazu unterliegen die schönen Künste dem ständigen Wandel der Moden: Was einst als Zeichen einer Rebellion gegen das kulturelle Establishment galt, zählt längst zum Mainstream. Wenn Sie also mal wieder das CD-Regal Ihres Gastgebers inspizieren, bedenken Sie, zu welcher Generation er gehört. Rolling Stones und Popart mögen den Sensation Seekern in den sechziger Jahren intensive Eindrücke verschafft haben, aber heute sorgen sie kaum mehr für Nervenkitzel. Vielleicht gibt es deshalb bis dato kein Handbuch zum Entschlüsseln ästhetischer Vorlieben: Man müsste es immer wieder neu schreiben.
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