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Persönlichkeitsforschung: Warum Soul-Fans warmherziger sind

Von Christiane Gelitz

Brahms oder Black Eyed Peas, Braque oder Bauhaus - aus den ästhetischen Vorlieben eines Menschen schließen wir intuitiv auf seine Persönlichkeit. Zu Recht, sagen Psychologen: "Gehirn und Geist" erklärt, warum eine CD mit unseren Lieblingsliedern wie eine Visitenkarte ist.

Schlüssel zur Seele: Was das Lieblingsgenre über den Charakter verrät Fotos
AP

Ein Freund von Ihnen hat Sie in seine neue Wohngemeinschaft eingeladen. Während er eine Jazzplatte auflegt, schauen Sie sich um: ein Regal mit anspruchsvoller Literatur, ein Kunstdruck von Mondrian. Die Mitbewohnerin Ihres Gastgebers ist nicht zu Hause, doch auf dem Weg zur Küche werfen Sie einen verstohlenen Blick in ihr Zimmer: Monets Seerosen hängen hübsch gerahmt an der Wand, davor ein CD-Ständer mit Musik aus den aktuellen Charts, und auf dem Boden liegen Klatschmagazine und DVDs der Fernsehserie "Friends".

Was verraten diese Details über die Charaktere der beiden WG-Mitglieder? Wenn Sie die psychologische Forschung zu Rate ziehen, kommen Sie zu folgendem Schluss: Statistisch gesehen dürfte Ihr Gastgeber mit seiner Zimmernachbarin nicht viel gemeinsam haben. Seine kulturellen Vorlieben deuten auf eine Persönlichkeit mit hoher Offenheit für neue Erfahrungen und hoher emotionaler Stabilität hin. Sie hingegen dürfte weit weniger offen für Neues und emotional eher instabil sein, außerdem extravertiert und verträglich.

Worauf gründen sich diese Vermutungen? Seit einigen Jahren beleuchten zahlreiche Forscher weltweit den Zusammenhang zwischen ästhetischen Vorlieben und Persönlichkeitsmerkmalen. Die wohl größte Untersuchung dieser Art stammt aus dem Jahr 2009: Einem Team um den Psychologen Tomas Chamorro-Premuzic von der University of London gelang es, per Online-Befragung Daten von rund 90.000 Menschen im Alter von 13 bis 90 Jahren zu sammeln. Die Probanden bewerteten 24 verschiedene Gemälde danach, wie gut sie ihnen gefielen, und absolvierten zudem einen Persönlichkeitstest, der die "Big Five" erfasste: Extraversion, Offenheit für neue Erfahrungen, Neurotizismus, Verträglichkeit und Gewissenhaftigkeit.

Eines der Ergebnisse: Ein Faible für impressionistische Kunst deutet auf einen vergleichsweise verträglichen, gewissenhaften Charakter und eine geringe Offenheit für neue Erfahrungen hin. Kubistische Gemälde dagegen gefallen besonders extravertierten Menschen gut.

Eine Frage des Charakters

Gemeinsam mit dem Psychologen Adrian Furnham vom Londoner University College hatte Chamorro-Premuzic schon einige Jahre zuvor herausgefunden, dass sich anhand der Big Five etwa 20 Prozent der Unterschiede im Kunstgeschmack zweier Menschen vorhersagen lassen - das ist rund fünfmal treffsicherer als auf der Basis ihrer Intelligenzwerte! Anders formuliert: Was uns gefällt, hat herzlich wenig damit zu tun, wie klug wir sind. Unsere ästhetischen Vorlieben sind weit mehr eine Typfrage. Umgekehrt verhält es sich beim künstlerischen Sachverstand, denn er hängt stärker von der Intelligenz ab als von den Big-Five-Persönlichkeitsfaktoren.

Chamorro-Premuzic, der in England mehrere Fernsehsender berät und dort unter anderem die Realityshow "Big Brother" betreut, untersucht derzeit, was der Filmgeschmack über einen Menschen verrät. Im Aufspüren solcher Indizien wetteifert er mit einem Shootingstar der Persönlichkeitspsychologie, Sam Gosling von der University of Texas in Austin. Seit den späten neunziger Jahren erforscht der Amerikaner, wie wir die Persönlichkeit unserer Mitmenschen einschätzen. Seine Hypothese: Der Charakter hinterlässt Spuren im unmittelbaren Lebensraum, und diese nutzen wir, um uns ein Bild von einem Menschen zu machen.

2005 untersuchte Gosling, wie wir aus den Merkmalen eines Raumes auf dessen Bewohner schließen - und worin wir uns dabei am ehesten täuschen. Nachdem seine Probanden sich in authentischen Zimmern umgesehen hatten, sollten sie die Persönlichkeit des betreffenden Bewohners einschätzen. Ergebnis: Die Versuchspersonen meinten zum Beispiel oft, dass eine Tageszeitung sowie eine hohe Anzahl von CDs und Büchern eine große Offenheit für neue Erfahrungen anzeigten. Ein besseres Indiz jedoch, so Gosling, sei die Vielfalt der Medien, darunter vor allem die thematische Bandbreite von Zeitschriften. Der Inhalt des Lesestoffs spiele eine geringere Rolle.

Während Bücher über Musik und Philosophie sowie Comics überraschenderweise nichts über die kulturelle Offenheit ihrer Besitzer aussagten, ließen Kunst- und Lyrikbände, Bücher über Psychologie sowie Nachrichtenmagazine auf einen offenen Charakter schließen. Witzesammlungen und Bücher über Politik fanden sich sogar häufiger im Besitz von Menschen mit geringer Offenheit für neue Erfahrungen!

Der bevorzugte Lesestoff verrät aber auch so manches über andere Charakterzüge, wie die Psychologen Nicola Schutte und John Malouff von der University of New England in Armidale (Australien) bereits 2004 berichteten. Bei ihren studentischen Versuchspersonen deutete eine Vorliebe für klassische Literatur und für das Feuilleton einer Zeitung ebenfalls auf höhere Offenheit hin. Dasselbe galt für die Leser von wissenschaftlichen Büchern oder Magazinen, wobei sich diese zusätzlich durch hohe Gewissenhaftigkeit auszeichneten. Aus der Reihe fielen die Fans von Klatschpresse und Liebesromanen: Im Schnitt waren sie weniger offen, aber überdurchschnittlich extravertiert.

Eine Vorliebe für Lovestorys deutet auch auf seelische Turbulenzen hin, wie niederländische Forscher 2005 herausfanden. Im Rahmen einer Langzeitstudie befragten Gerbert Kraaykamp von der Universität Nijmegen und Koen van Eijck von der Universität Tilburg mehr als 3500 repräsentativ ausgewählte Niederländer zwischen 18 und 70 Jahren. Auch hier zeigte sich: Menschen, die sich als offen für Neues beschreiben, sind kulturell aktiver - und zwar unabhängig von Alter, Geschlecht und Bildungsniveau. Dabei hegen sie keineswegs nur eine Vorliebe für Hochkultur, sondern besuchen auch häufiger Popkonzerte oder lesen Thriller.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 48 Beiträge
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1. Spektakuläre Einsichten
rennix, 15.08.2010
Soso, verschiedene Charaktere bevorzugen also unterschiediche Musikstile. Wie überraschend! Ein Triumph der Wissenschaft!
2. .
baschy 15.08.2010
Nicht wirklich neu diese Erkenntniss. Neu ist nur das sich jetzt endlich mal jemand auf gemacht hat diese Ursache wisentschaftlich zu untersuchen und somit zu belegen.
3. Wundersame Welt der Kultur
Iggy Rock, 15.08.2010
Zitat von baschyNicht wirklich neu diese Erkenntniss. Neu ist nur das sich jetzt endlich mal jemand auf gemacht hat diese Ursache wisentschaftlich zu untersuchen und somit zu belegen.
Der Artikel liest sich wie die Suche nach der Nadel im Heuhaufen, kleine Belege fallen nur am Rande. Natürlich kann man die eigenen Vorlieben einfach bestimmten Charaktereigenschaften zuordnen, doch das ist viel zu einfach gedacht. Bei der Musik z.B. entsteht eine Wundersame Mischung aus eigenen Erfahrungen bis hin zu den Vorlieben der eigenen Eltern, dem Freundeskreis, der eigenen Identitätssuche, dem was Musikkonzerne als Trend vorgeben und bewerben, dem Zeitgeist und vielem mehr. Beschrieben wird in diesem Artikel auch kaum die Reflektion die zu Reaktionen führt. Letztlich können sich Hörer von Musik, die sich daraufhin in die entsprechende Szene begeben, durchaus zu einem bestimmten Prozentsatz wandeln und anpassen, was sich wiederum direkt auf ihren Lebensstil auswirkt.
4. Hihi...
Glossolalia, 15.08.2010
Zitat von baschyNicht wirklich neu diese Erkenntniss. Neu ist nur das sich jetzt endlich mal jemand auf gemacht hat diese Ursache wisentschaftlich zu untersuchen und somit zu belegen.
Neu? Erkenntnis? Ich habe noch selten simplere und lächerlichere, aneinandergereihte Klischees gelesen, die sich auch noch als Wissenschaft ausgeben. "Während er eine Jazzplatte auflegt, schauen Sie sich um: ein Regal mit anspruchsvoller Literatur, ein Kunstdruck von Mondrian. Die Mitbewohnerin Ihres Gastgebers ist nicht zu Hause, doch auf dem Weg zur Küche werfen Sie einen verstohlenen Blick in ihr Zimmer: Monets Seerosen hängen hübsch gerahmt an der Wand, davor ein CD-Ständer mit Musik aus den aktuellen Charts, und auf dem Boden liegen Klatschmagazine und DVDs der Fernsehserie "Friends"." ...noch platter geht es wohl kaum, oder? Abgesehen davon deutet der als "elitär" gedeutete Kunstdruck von Mondrian wohl allenfalls darauf hin, daß der als "Kunstliebhaber" dargestellte wohl die letzten 80 jahre Kunstgeschichte verschlafen hat, bzw. sein Kunstverständnis scheinbar nie über die klassische moderne hinaus gegangen ist ;-).
5. Genau...
unente, 15.08.2010
...und vor Klipklop war die Welt schwarz-weißer! Für jeden Forschungsblödsinn gibt es bestimmt gutes Geld. Was kommt als Nächstes - 'Lena-Hörer leben rosaroter'?
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Auf einen Blick

Charakterfragen

1. Kunst- und Musikgeschmack verraten viel über unsere Persönlichkeit.

2. Besonders offene Menschen bevorzugen komplexe ästhetische Erfahrungen; emotional labile Gemüter meiden anspruchsvolle kulturelle Aktivitäten.

3. Bestimmte Musikvorlieben korrelieren mit Drogenkonsum.

Die "Big Four"

Psychologen fassen die zahllosen musikalischen Genres zu vier Stilrichtungen zusammen:

1. nachdenklich-komplex/"Elite": Blues, Jazz, Klassik, Folk, Gospel

z. B. Ray Charles: Ray's Blues, Duke Ellington: The Feeling of Jazz, Debussy: Clair de Lune, Bob Dylan: Blowing in the Wind

2. intensiv-rebellisch/"Rock": Rock, Heavy Metal, Alternative, Punk, Hardcore, Gothic

z. B. Pink Floyd: Money, Marilyn Manson: Fight Song, Pearl Jam: Why Go

3. fröhlich-konventionell/"Pop": Country, religiöse Musik, Pop, Charts, Trance, Techno

z. B. Dixie Chicks: Ready to Run, Third Day: Your Love, oh Lord, Britney Spears: I'm a Slave

4. dynamisch-rhythmisch/"Urban": Rap/Hiphop, Soul/Funk, Electronic/ Dance, R&B

z. B. Missy Elliott: She's a Bitch, Kool and the Gang: Celebration, Kraftwerk: Trans-Europe Express


Sensation Seeking - die Sehnsucht nach dem Kick

Unstillbarer Reizhunger hat vier Facetten:

1 - Neigung zu Langeweile

2 - Suche nach Abwechslung

3 - Suche nach Nervenkitzel

4 - ungehemmter Lebensstil

Öfter mal was Neues?

Diese sechs Eigenschaften kennzeichnen eine Person mit hoher Offenheit für neue Erfahrungen:

1 - starke Vorstellungskraft und rege Fantasie

2 - vielseitiges Interesse an Kunst, Musik und Literatur

3 - Wertschätzung emotionaler Erfahrungen

4 - Lust auf unbekannte Aktivitäten und Orte

5 - intellektuelle Neugier

6 - Bereitschaft, alte Werte und Normen zu hinterfragen



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