Persönlichkeitstests In zehn Minuten das Ich ergründen

Was für ein Mensch bin ich? Online-Persönlichkeitstests teilen uns mithilfe von Antworten in Kategorien ein. Ein neuer Test aus den USA liefert sehr schnelle Analysen - dank einer raffinierten Fragetechnik.

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Von Stefanie Uhrig


Ein Wort erscheint vor mir auf dem Bildschirm: "Optimistisch". Mit der rechten Hand tippe ich auf die Tastatur und signalisiere "Trifft auf mich zu." Sofort folgt das nächste Wort: "Chaotisch". Meine linke Hand sagt "Trifft nicht auf mich zu." Weiter geht es. Im Sekundentakt erscheinen die Wörter. In der Eile antworte ich ein paar Mal falsch, aber das haben die Entwickler erwartet.

PerSight nennt sich der neue Persönlichkeitstest, der mir nach nur etwa zehn Minuten meinen Charakter beschreibt. Dabei vergleicht er mich in fünf Kategorien und Unterkategorien mit früheren Teilnehmern. Wie extravertiert bin ich? Wie steht es um meine Offenheit, meine Gewissenhaftigkeit? Kann ich mich gut anpassen? Wie stabil ist meine Psyche?

Diese fünf Persönlichkeitszüge werden in vielen solcher Tests abgefragt, nicht nur in dem neuen, den Wissenschaftler um Adam Meade von der North Carolina State University entwickelt haben. Oft muss man dazu Hunderte von Fragen beantworten, was lange dauern kann. Ist es da nicht besser, einen schnellen Test zu nehmen?

"Wir sind unsicher, wer wir wirklich sind"

Zum Vergleich klicke ich mich 40 Minuten lang durch einen Onlinetest von John A. Johnson. Der Professor der Psychologie-Abteilung der Penn State University fragt ebenso die sogenannten Big Five ab. Laut den PerSight Entwicklern sollten beide Tests etwa gleich akkurat sein. Richtig vergleichbar sind die Ergebnisse nicht, zumal die Kategorien unterschiedlich eingeteilt und die Bewertungen anders geregelt sind. Doch insgesamt scheinen mich beide Tests recht gut zu beschreiben.

Trotz der schwierigen Interpretation, eine gewisse Faszination übt es auf mich aus, die Ergebnisse über meinen Charakter zu lesen. Woran liegt das eigentlich?

Professor Johnson hat eine Theorie. "Wir sind alle ein wenig unsicher, wer wir wirklich sind", sagt er. "Wir sind alle mehrdimensionale Wesen mit vielen Gedanken, Gefühlen und Impulsen, die sich teilweise widersprechen." Daher suchten wir nach einer stabilen Struktur in uns selbst.

Wer bin ich?
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Wer bin ich?

Dazu komme, so Johnson, dass wir uns darüber Gedanken machten, wie andere Menschen uns sehen. Durch die Evolution sind wir soziale Wesen geworden, die voneinander abhängig sind. Also hoffen wir, dass uns die Tests zeigen, wie unsere Umwelt uns wahrnimmt. "Dadurch wollen wir verstehen, was wir tun müssen, um die Liebe und den Respekt zu bekommen, den wir benötigen."

Manche haben Angst, dass sie eine Art blinden Fleck haben: Einen Aspekt ihrer Persönlichkeit, den sie selbst nicht wahrnehmen. Der ihren Mitmenschen vielleicht einen Vorteil ihnen gegenüber verschafft. "Ich habe einige Onlinetests gesehen, die sich verkaufen, indem sie große Enthüllungen versprechen. Aber das ist sehr unwahrscheinlich." Johnsons eigener Test enthüllt ausdrücklich keine Geheimnisse. Dazu seien viel ausgeklügeltere Fragen nötig, als man im Internet stellen kann.

Segensreicher Zeitdruck

Auch der neue, deutlich schnellere PerSight-Test liefert keine überraschenden Neuigkeiten. Die Geschwindigkeit, mit der man antworten muss, soll allerdings die Genauigkeit verbessern und es gleichzeitig schwieriger machen zu lügen.

Dass man unter Zeitdruck eher seinen wahren Charakter zeigt, fanden auch Fadong Chen von der Zhejiang University und Ian Krajbich von der Ohio State University heraus. Sie ließen Probanden entscheiden, ob sie einen Teil ihres eigenen Geldes an einen Empfänger geben wollten, der bisher deutlich weniger besaß als sie selbst. Es zeigte sich, dass sozialere Menschen sogar noch sozialer reagierten, wenn sie unter Zeitdruck standen. Selbstsüchtige Personen waren dagegen in Stresssituationen seltener bereit zu teilen.

Die Autoren erklären das Phänomen folgendermaßen: Menschen reagieren instinktiv so, wie sie es in früheren Situationen getan haben - also gemäß ihrem Charakter. Haben sie jedoch mehr Zeit, denken sie genauer über ihre Optionen nach. Dann verschwimmen die Charakterzüge mehr: Sozialere Menschen geben weniger, während selbstsüchtige eher mal etwas abgeben.

Vier Schubladen für alle?

Eine Gemeinsamkeit der beiden Persönlichkeitstests ist es, dass sie nur die fünf Persönlichkeitszüge beschreiben, und das auch noch in Prozentzahlen ausgedrückt. Andere Tests stellen ihre Ergebnisse anders dar und stecken die Menschen etwa in Kategorien wie den Myers-Briggs-Typenindikator, der 16 Typen umfasst. Das sei allerdings nicht sehr sinnvoll, sagt Johnson. "Nur wenige passen genau auf einen speziellen Typ."

Das leuchtet ein: Kein Mensch ist wie der andere. Aber wo liegen die Grenzen - ab wann zählt jemand zu der einen Typengruppe und ab wann zur anderen? Das ist eine in der wissenschaftlichen Psychologie häufig vorgebrachte Kritik an allen Tests, die versuchen, Menschen in Typen oder Schubladen einzuordnen. Zwar gibt es auch heutzutage statistische Hinweise auf Gruppenbildungen. So untersuchten Wissenschaftler der Northwestern University die Daten von mehr als 1,5 Millionen Teilnehmern. Dabei kristallisierten sich vier Persönlichkeitstypen heraus: Durchschnittlich, Reserviert, Vorbild, und Ichbezogen.

Die vier Typen werden jeweils durch die "Big Five" beschrieben, und in welche Kategorie man fällt, wird von Faktoren wie Geschlecht und Alter beeinflusst. Da kann es durchaus vorkommen, dass man mit der Zeit von einem Persönlichkeitstyp zu einem anderen wechselt. Innerhalb der Gruppen gibt es Schattierungen.

Lieber durchsetzungsfähig als verträglich

Doch eine klare und einfache Typenzuordnung bleibt schwierig - nicht zuletzt, weil schon die statistischen Messfehler jedes Verfahrens keine saubere Trennung in Kategorien erlauben.

Für Personalchefs sind Persönlichkeitstests gleichwohl ein verlockendes Instrument - etwa um potenzielle Arbeitnehmer einzuschätzen oder Führungskräfte zu entwickeln. Manche Firmen greifen auf teils unseriöse Standardtests zurück, die mit ein paar Fragen alle Aspekte einer Person erklären möchten.

Eine falsche Herangehensweise, findet Andreas Frintrup, Vorstand bei der HR Diagnostics AG, die auf wissenschaftlich belegte Testverfahren spezialisiert ist. "Zuerst muss man herausfinden, welche Merkmale eine Person benötigt, um in einem Job erfolgreich und auch glücklich zu werden", erklärt Frintrup.

So müsse man als Polizist zwar die Rechtschreibung gut beherrschen, um auch rechtlich stichfeste Berichte schreiben zu können. Mindestens genauso wichtig sei aber die emotionale Stabilität, mit belastenden Situationen umgehen zu können. Anders als ein Kundenberater muss ein Polizist aber nicht besonders "verträglich", sondern vor allem durchsetzungsfähig sein.

Jede Arbeitsstelle habe ihre eigenen Anforderungen - Arbeitgeber sollten darauf zugeschnittene Tests verwenden, meint Frintrup. Für Unternehmen könne sich der Psycho-Check von Mitarbeitern durchaus auszahlen, weil die "Persönlichkeit letztendlich den Unterschied macht".



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