Personen-Faltboot: Im Papierschiff über den Kanal

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Papierboote dieser Art schwimmen sonst nur in Badewannen. Ein Künstler hat jetzt aus Safttüten-Pappe ein neun Meter langes Boot gefaltet, mit dem er den Elbe-Lübeck-Kanal befahren will. Schiffbauexperten geben der Konstruktion durchaus Chancen - nur die Behörden sind skeptisch.

Frank Bölter hat großes Vertrauen in das Material, in dem sonst Obstsaft oder Milch schwappen. Die beschichtete Pappe, aus der die Verpackungen hergestellt sind, soll den 37-Jährigen über Wasser halten. Nicht nur für ein paar Sekunden, sondern für mehrere Tage. Bölter hat aus 175 Quadratmetern der Pappe ein neun Meter langes Boot gefaltet - mit der Origami-Technik. "Das Material ist erstaunlich stabil", sagte der Künstler im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Zum Falten habe er viele helfende Hände gebraucht. "Was man mit einem Blatt Papier macht, funktioniert mit einer zehn Meter breiten Tetrapak-Bahn nicht."

Am gestrigen Donnerstag war der Stapellauf in Lauenburg, ab heute wollte Bölter das Boot die Elbe stromabwärts schleppen lassen, durch Hamburg bis nach Brunsbüttel - oder "bis ans Ende der Welt", wie Bölter sein Projekt genannt hat. Für ihn ist die Spritztour im gefalteten Boot "eine poetische Geste der Schiffsreise", die die Wirkung des "Kultivierungsweges der Elbe" veranschaulichen soll - so erklärt es Bölter in der Beschreibung des Projekts.

Bölters Vertrauen in die beschichtete Pappe wird allerdings im Wasser- und Schifffahrtsamt Lauenburg nicht geteilt. Ohne einen sogenannten Schwimmfähigkeits-/Schleppfähigkeitsnachweis könne man die Aktion nicht erlauben, teilte die Behörde dem Künstler mit. Weil eine solche schifffahrtspolizeiliche Erlaubnis aber Tausende Euro kostet, geriet das ganze Projekt in Gefahr. Bölter wurde schließlich nur gestattet, den Elbe-Lübeck-Kanal mit seiner Faltkonstruktion zu befahren - die Elbe ist tabu, das anvisierte "Ende der Welt" somit nicht mehr erreichbar.

Die behördliche Skepsis steht im scharfen Kontrast zu dem Enthusiasmus, den etwa Schiffbauexperten der Universität Rostock in Sachen Papierbootbau an den Tag legen. Im April hat die Fakultät Schiffstechnik bereits zum elften Mal den Internationalen Papierschiff-Wettbewerb veranstaltet. Das Ziel: ein Papierschiffchen zu bauen, das nicht mehr als zehn Gramm wiegen darf, und mit möglichst vielen Bleikugeln beladen wird, ohne dass es untergeht.

Ist das Boot wirklich sicher?

Was wie eine Spielerei klingt, betreiben die vielen Schüler und Studenten, die am Wettbewerb teilnehmen, mit großem Ernst. Mit Querstreben erhöhen sie die Stabilität der Konstruktion, mit der Doppelwandtechnik versucht mancher, die typischen Schwächen von Papier auszugleichen, das leicht zusammengedrückt werden kann.

Die Origami-Konstruktion von Bölter wirkt im Vergleich dazu geradezu antiquiert. Pentscho Pentschew, Professor für Schiffbau an der Universität Rostock, sieht gleich mehrere Schwächen in der klassischen Falttechnik: "Da unter dem Schiff ein Hohlraum entsteht, bin ich mir nicht sicher, ob die notwendige Schwimmfähigkeit gewährleistet ist", sagte er im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Zumindest in diesem Punkt bewies der gestrige Stapellauf jedoch, dass die Zweifel unbegründet sind.

Für noch kritischer hält Pentschew jedoch die Stabilität der Konstruktion: "Wenn der Tiefgang größer wird, dann ist die Querfestigkeit nicht mehr gewährleistet." Die Folge: Das Schiff werde vom Wasser zusammengedrückt. Zumindest beim Material hat Bölter nach Pentschews Meinung eine gute Wahl getroffen. Die Safttüten-Pappe habe eine größere Festigkeit als Papier oder Wellpappe, was der Stabilität zugute komme.

Hinten, in der Mitte, oder vorne?

"Wo sitzt der Mann?" - dies sei ebenfalls eine wichtige Frage, sagte der Rostocker Schiffbauexperte. Für das Schiff wäre es das Beste, wenn es trimmfrei und ohne Schräglage fährt, so Pentschew. "Dann müsste man sich oben auf die Spitze setzen, die genau aus der Bootsmitte herausragt." Denn bei einer Sitzposition rechts oder links davon bekomme das Schiff Schlagseite.

Nur: Rittlings auf der Pappspitze dürfte sich niemand über längere Zeit wohlfühlen. Deshalb bleibt dem Papierboot-Passagier als einzig sinnvolle Position nur noch der Platz dahinter. "Dann wird das Schiff hecklastig, und der Widerstand sinkt", sagte Pentschew. Diese Position erhöhe die Chancen, über Wasser zu bleiben. Bei Testfahrten mit einem verkleinerten Papierschiff im Juli hatte Bölter genau diese Sitzposition eingenommen. Intuitiv hat der Künstler also alles richtig gemacht.

Im Vergleich zu den Konstruktionen, die jedes Jahr in Rostock beim Papierschiff-Wettbewerb mit Bleikügelchen gefüllt werden, würde sein Faltboot allerdings schlecht abschneiden. "Bleimatratze", der Sieger des Jahres 2006, hielt bei einer Eigenmasse von 9,8 Gramm mehr als 4,7 Kilogramm über Wasser. Das Papier hat also das 485-fache seines Eigengewichts getragen. Der Konstrukteur Bodo Walther aus Berlin hatte sein Boot durch doppelte Außenwände besonders stabil gemacht (siehe Fotostrecke oben).

Käme Bölters 25 Kilogramm schwere Konstruktion auf das gleiche Verhältnis zwischen Nutzlast und Leergewicht, müsste es zwölf Tonnen über Wasser halten können. Solche Spitzenleistungen sind zum Glück nicht gefragt, denn das Schiff muss nur Bölter tragen - und der wiegt gerade mal 70 Kilogramm.

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