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02. März 2007, 12:58 Uhr

Peru

Ältestes Sonnen-Observatorium Amerikas identifiziert

Archäologen ist in Peru eine spektakuläre Entdeckung gelungen: Eine bereits bekannte, monumentale Anlage ist offenbar keine Festung, sondern ein Sonnenkalender. Damit wären die Bewohner Südamerikas schon vor 2300 Jahren in der Lage gewesen, den Verlauf des Jahres zu berechnen.

An der Pazifikküste Perus, etwa 400 Kilometer nördlich von der Hauptstadt Lima, erhebt sich ein steinernes Zeugnis der Vergangenheit: Die Kultstätte Chankillo, eine Linie aus 13 Türmen, die auf einem leicht geschwungenen Bergkamm stehen. In Abständen von rund fünf Metern sind die würfelförmigen Türme aneinander gereiht, jeder von ihnen ragt zwischen zwei und sechs Metern in die Höhe. Im Inneren führen Treppen auf Aussichtsplattformen.

Bisher hielten Forscher die Türme für Kultstätten oder Wehranlagen. Jetzt aber fanden Archäologen bei Erkundungen des Terrains Gebäudereste, die auf eine ganz andere Nutzung hindeuten. Seitlich der Turmreihe, mehrere hundert Meter entfernt, haben Ivan Ghezzi vom Nationalen Kulturinstitut in Lima und Clive Ruggles von der University of Leicester die Fundamente weiterer Gebäude entdeckt. Von ihnen aus gesehen bilden die Türme einen kammartigen Horizont.

Die Erklärung, die Ghezzi und Ruggles jetzt im Fachblatt "Science" anbieten: Bei der bis zu 2300 Jahre alten Anlage handelt es sich um ein Sonnen-Observatorium. Die einzelnen Türme und die zwischen ihnen liegenden Zwischenräume markierten ziemlich exakt die über das Jahr verteilten wichtigsten Sonnenpositionen in der Zeit um 300 vor Christi Geburt. Damit wäre die Anlage das älteste bekannte Sonnenobservatorium Amerikas.

Präzise Bestimmung wichtiger Tage

Mithilfe von Satellitennavigationsgeräten bestimmten die Forscher die Lage der Türme und Beobachtungsposten. Daraus konnten sie errechnen, dass die Erbauer der Anlage Winter- und Sommersonnenwende auf wenige Tage genau bestimmen konnten. Auch andere Termine wie religiöse Feste oder Aussaat- und Erntedaten könne man mit dem Sonnenobservatorium im Jahresverlauf festlegen. Einiges deute darauf hin, dass die Zeit in Perioden von zehn bis zwölf Tagen eingeteilt wurde.

Mit radiochemischen Methoden bestimmten Ghezzi und Ruggles die Baumaterialien und Fundstücke auf ein Alter von 2000 bis 2350 Jahren. Damit hätten die indianischen Stämme Süd- und Mittelamerikas 500 bis 800 Jahre vor den Inkas den Jahresverlauf mithilfe eines Sonnenobservatoriums strukturieren können.

Der Zugang zu den beiden Beobachtungspunkten sei wahrscheinlich nur einem kleinen Kreis von Menschen zugänglich gewesen. Grabungsfunde im Umfeld der Anlage hätten Hinweise auf spirituelle Zeremonien gegeben. Das Wissen um die Zeit und die Fähigkeit, religiöse Feiertage oder wichtige Erntedaten festzulegen, hätten diesem Kreis große Macht verliehen. Es sei nicht auszuschließen, dass das Sonnenobservatorium auch deshalb errichtet worden sei, um sich herausbildende Herrschaftsstrukturen und Elitenbildung Ausdruck zu verleihen.

Das der Anlage zugrunde liegende astronomische Wissen sei vermutlich noch viel älter. Das werfe auch ein neues Licht auf die Vorläufer des Sonnenkults der Inkas.

mbe/dpa/ddp

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