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Pest in Venedig: Das große Sterben

Von Walter Saller

Keine europäische Metropole des frühen 17. Jahrhunderts war besser auf die Pest vorbereitet als Venedig: strikte Hygienevorschriften, eine Gesundheitsbehörde, die ankommende Schiffe kontrolliert, die erste Quarantänestation der Welt. Und doch kam es zur Katastrophe.

Das Venedig der Patrizier ist im frühen 17. Jahrhundert eine Stadt des Wohlstands und des grandios in Szene gesetzten Reichtums. Gleich neben den prächtigen Palästen der nobili aber liegt ein anderes Venedig.

Hand eines Pestopfers: Der Schwarze Tod erschütterte die Stadt Venedig immer wieder
CDC / Dr. Jack Poland

Hand eines Pestopfers: Der Schwarze Tod erschütterte die Stadt Venedig immer wieder

Es ist das Venedig der Arbeiter und der Armen. Der Weber und der Wachszieher, der Färber, Flößer, Seifensieder und Kanalreiniger, der Tagelöhner und der Bettler. Ein Venedig übervölkerter Mietshäuser. Und es ist das Venedig des Hafens, der Seeleute und der Pilger. Weil die Stadt das Tor zum Orient und nach Afrika ist.

Ein buntes Gewirr von Völkern und Sprachen beherrscht Plätze und Gassen. Man sieht türkische Muslime mit Turban und Juden mit Schläfenlocken, arabische Kaufleute, schwarzafrikanische Gondolieri. Hier betreten Händler und Reisende aus aller Welt erstmals europäischen Boden. Auch Söldner aus ganz Europa. Denn in Oberitalien herrscht Krieg um Mantua. Und die Pest.

Wieder einmal.

Am 8. Juni 1630 kommt ein Diplomat des Herzogs von Mantua mit seinem Gefolge nach Venedig. Und mit ihm die Pest. Schon oft ist die Stadt von der Seuche erschüttert worden. Allein zwischen 1348 und 1575 wurde sie mehr als 20-mal heimgesucht. Meist kommt die Epidemie mit den großen Handelsschiffen nach Venedig. Eingeschleppt von Rattenflöhen, die den Erreger in sich tragen. Stirbt die Ratte an der Seuche, springen die Flöhe auf einen anderen Wirt. Auch auf Menschen.

Ratten sind in Venedig allgegenwärtig. Sie krabbeln vor der Kirche Santo Stefano, auf der Piazza San Marco und bei den Läden an der Rialtobrücke. Bei den Armeniern in der Calle degli Armeni, bei den Griechen um San Giorgio dei Greci und bei den Juden im Ghetto. Bei den Albanern am Campo San Maurizio, im Kaufhof der Deutschen und am Fondaco dei Turchi, dem Handelssitz der Türken.

Venedig ist der Schnittpunkt von Okzident und Orient. Die Handelsmetropole gewährt Fremden mehr Freiheiten als andere Städte. Und sie gestattet ihnen, eigene Kirchen zu errichten.

Eine der größten ausländischen Gemeinden ist die der Griechen. Schon vor der Jahrtausendwende lebten Hellenen in Venedig. Seit der Eroberung Konstantinopels durch die Osmanen im Jahr 1453 zählt ihre Gemeinschaft mehr als 10.000 Mitglieder. 1514 erhalten sie die Genehmigung für den Bau ihrer orthodoxen Kirche: San Giorgio dei Greci.

Auch Armenier wohnen seit langem in Venedig. Ihre Kirche Santa Croce weihen sie im Jahr 1496. Früh, seit 1228, verfügen auch deutsche Händler und Handwerker über einen Handelsstützpunkt in der Stadt, gleich neben der Rialtobrücke.

So herrscht in Venedig ein beständiges Kommen und Gehen. Und wenn es in Europa eine Pforte für die Seuchen der Welt gibt, dann ist es meist die Hafenstadt in der Lagune mit ihren Schwärmen von Schiffen und dem Heer der Händler und Reisenden.

In den Gassen der Armen, wo sich Schmutz und Unrat sammeln, werden die Ratten mitunter zur Plage. Etwa am Rio Marin im Stadtteil Santa Croce, nahe dem westlichen Ende des Canal Grande. In dem dicht bebauten Viertel drängen sich einfache Handwerker, Hilfsarbeiter, Fischer und die Angehörigen der niedrigsten Berufe. Totengräber, Abfallsammler, Huren, Kastrierer, Brunnenreiniger, Bettler. Schäbige Mietshäuser und Spelunken prägen das Bild.

Die Wohnungen sind häufig dunkel und feucht. Schimmel überzieht die Wände. Manchmal sind die Treppenhäuser so eng, dass ein in den oberen Stockwerken Verstorbener nicht auf der Bahre ins Freie gebracht werden kann, sondern nur auf dem Rücken eines Trägers.

Der Hausrat der Menschen ist bescheiden. Sie besitzen in der Regel Bett, Sitzbank und casse – Truhen aus Holz, die gelegentlich rot oder grün bemalt sind. Den billigsten der Farben. In den Truhen lagert die Kleidung. Teure Möbel wie Stühle und Schränke sind in den Häusern am westlichen Ende des Canal Grande dagegen selten.

Zu Ostern verschenken die Menschen würziges Fladenbrot aus Hefeteig. Zu Weihnachten süßen Mandelkuchen und in Senfsirup eingelegte Früchte. Zu Sankt Martin essen sie Maronen und Quittenbrot, im Karneval in Fett gebratenes Gebäck. Andere Speisen – Fasane, Pfauen und Rebhühner etwa oder Süßwasserfische – sind der Tafel des Dogen vorbehalten.

Aber solche Delikatessen sind in den Mietskasernen am Rio Marin ohnehin nicht zu finden. Dort nehmen die Venezianer Gnocchi aus Mehl zu sich sowie Brot, Sardellen, Makrelen und Brassen. Dazu trinken sie Wasser aus den öffentlichen Zisternen und einfache Weine.

Viele Handwerker arbeiten daheim. So die Schneider und Seidenspinner mit ihren Scheren, Spinnrädern, Schneidertischen, Ballen von Stoff oder Werg. Und in jedem der Häuser sammeln sich Ratten.

Sie tummeln sich am Rialto, wo man die Geldgeschäfte abwickelt und Schiffsladungen löscht und lagert. Wo ein gewaltiger Kornspeicher steht und die öffentliche Waage und es Mehl, Getreide und Wein in Tavernen gibt, Märkte mit Fisch und Fleisch sowie Tausende von Huren, die in Hauseingängen auf Kunden warten.

Auch auf dem Mittwochsmarkt am Campo San Polo und auf dem großen Samstagsmarkt auf der Piazza San Marco mit seinen Ständen für Obst, Gemüse, Kräuter und Geflügel krabbeln Ratten. Ebenso auf dem weitläufigen Gelände des Arsenal, der größten Schiffswerft Europas. Und auf Murano, der Glasbläser-Insel, wo Spezialisten das hoch begehrte venezianische Glas fertigen. Pokale, Kelche, Vasen sowie Spiegel und Fensterglas.

Meist klagen als Erste die Obdachlosen über geschwollene Drüsen in der Leiste und unter den Achseln. Über Fieber und über Schmerzen im Kopf und in den Gliedern. Dann breiten sich dunkle Flecken an ihren Hüften aus.

Der Schwarze Tod.

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