Pestizid-Verbot in EU Umweltschützer sprechen von "Sieg der Giftlobby"

Das Europäische Parlament hat 22 besonders gefährliche Pestizide verboten, die Krebs auslösen oder das Erbgut schädigen können. Weil zugleich Ausnahmen erlaubt sind, kritisieren Umweltschützer die Pestizidverordnung als unzureichend.


"Sternstunde für Europa" oder "Sieg der Giftlobby"? Die Meinungen über die verschärften Auflagen der EU für Pflanzenschutzmittel gehen weit auseinander. Am Dienstag hatte das Europäische Parlament nach zweieinhalbjährigen Verhandlungen neue Vorschriften für die Zulassung und den Einsatz von Pestiziden beschlossen. Krebserregende und erbgutschädigende Wirkstoffe werden ebenso verboten wie Substanzen, die die Fortpflanzungsfähigkeit schädigen.

Sprühflugzeug in den USA: In der EU dürfen Pestizide künftig nicht mehr aus der Luft ausgebracht werden
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Sprühflugzeug in den USA: In der EU dürfen Pestizide künftig nicht mehr aus der Luft ausgebracht werden

Zwei besonders gefährliche Fungizide sollen bereits 2009 aus dem Verkehr gezogen werden. Rund 20 andere Substanzen werden nach und nach bis zum Jahre 2018 verboten - jeweils nach Ablauf der Zulassung. Für fünf Jahre können allerdings Ausnahmegenehmigungen erteilt werden, etwa wenn ganze Ernten durch einen bestimmten Schädling gefährdet sind und es keine nicht-chemischen Alternativen zur Bekämpfung gibt. Das Versprühen der Chemikalien aus der Luft ist künftig grundsätzlich verboten.

Die Europaabgeordneten sind mit dem neuen Gesetzeswerk zufrieden. Berichterstatterin Hiltrud Breyer sprach von "einer Sternstunde für Europa". "Gerade vor dem Hintergrund des massiven Lobbydrucks von Pestizidindustrie und Landwirtschaftsvertretern, die noch bis zuletzt die Verbote aufweichen wollten, ist die Abstimmung ein Riesenerfolg", jubelte sie. Noch enthalte 49 Prozent allen Obstes, Gemüses und Getreides in der EU einen "Pestizidcocktail" - so viel wie noch nie. Zuletzt waren erhöhte Pestizide in Wein entdeckt worden. In Frankreich mussten Winzer sogar Umsatzeinbußen hinnehmen.

Scharfe Kritik kam von Umweltschützern. "Der Gift-Lobby ist es gelungen, die guten Ansätze des EU- Parlamentes zum Schutz der Umwelt und der Verbraucher auszuhöhlen", sagte Greenpeace-Experte Manfred Krautter. "Die Mitgliedstaaten, darunter Deutschland, haben sich bei den Verhandlungen eher auf die Seite der Agroindustrie gestellt." Das neue EU-Pestizidrecht reiche nicht aus, um Verbraucher und Umwelt ausreichend zu schützen. Greenpeace verwies darauf, dass nur 22 von insgesamt 400 heute zugelassenen Mitteln verboten werden sollen. Dies seien zu wenig.

"Unverantwortliche Agrarromantik"

Die Chemieindustrie - wichtige Unternehmen in Deutschland sind etwa Bayer CropScience und BASF - wies den Vorwurf zurück, Lebensmittel in der EU enthielten Gift in gefährlichen Konzentrationen. Ebenso wie Pharmaprodukte zählten Pestizide zu den am strengsten geprüften Chemikalien, betonte der Generaldirektor des Europäischen Pflanzenschutzverbands (ECPA), Friedhelm Schmider. "Tatsache ist, dass die Vorteile für die Gesundheit durch eine ausgewogene Ernährung jedwede Bedenken über Pestizid-Rückstände bei weitem überwiegen."

BASF-Vorstand Stefan Marcinowski warnte vor "unverantwortlicher Agrarromantik". Heute müssten drei Milliarden Menschen mehr als noch Mitte des letzten Jahrhunderts weltweit ernährt werden, sagte der Chemiker und Vizepräsident der Max-Planck-Gesellschaft in München. In 50 Jahren wollten weitere drei Milliarden Menschen satt werden. "Das ist ohne permanente Innovationen wie Pflanzenschutzmittel und biotechnologisch verbessertes Saatgut, welches weltweit bereits auf über 110 Millionen Hektar ausgebracht wird, überhaupt nicht möglich."

Für die Landwirte könnten sich in absehbarer Zeit einige schmerzhafte Lücken im Pflanzenschutz auftun, erklärte Volker Koch-Achelpöhler, Hauptgeschäftsführer des Industrieverbands Agrar in Frankfurt. Gefährdet seien zum Beispiel wichtige Mittel gegen Schadpilze im Getreide.

Verbraucherschützer sehen das neue Regelwerk pragmatisch. "Das war längst überfällig", meinte Jutta Jaksche vom Bundesverband der Verbraucherzentralen vzbv. Allein die Verbote giftiger Substanzen brächten für die Verbraucher "konkrete Vorteile". "Worüber sie sich nicht freuen können, sind die Ausnahmeregelungen und Übergangsfristen." Hier werde der vzbv kontrollieren, welche Ausnahmen beispielsweise Deutschland plane. "Und dann werden wir eventuell warnen."

hda/dpa/Reuters



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