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Pestizide: Gift-Weine trüben Frankreichs Weingeschäft

Von , Bordeaux

Pestizidrückstände, tausendfach höher als im Trinkwasser erlaubt: In Frankreich wurde hochgiftige Chemie in Weinen entdeckt. Die Branche spielt die Gefahren herunter, die Behörden verweisen auf nicht vorhandene Grenzwerte. Die Winzer fürchten nun um ihr lukratives Geschäft.

"Eine rubinrote Farbe, das Aroma von schwarzer Johannisbeere und Blaubeere", sagt Arnaud Thomassin und lässt im Verkaufsraum oberhalb seines Anwesens den 2007-Jahrgang "Château de France" durch das Glas kreisen. Der Weinbauer, dessen Familienbetrieb zur renommierten Lage Pessac-Léognan gehört, nippt noch einmal, spitzt den Mund zum Gurgeln und verkündet: "Ein voller Geschmack rund, lebhaft."

Insektizid-Einsatz auf elsässischem Weingut: "Die Leute haben Angst"
DPA

Insektizid-Einsatz auf elsässischem Weingut: "Die Leute haben Angst"

Rhetorisches Klingeln gehört zum Geschäft, wenn Winzer die geschmacklichen Charakteristika und die olfaktorische Palette ihrer Spitzengewächse in Worte fassen. Die Poesie umfasst freilich nicht immer den ganzen Inhalt der Flaschen aus der Region zwischen Médoc, Graves und Saint Émillion. Hinter manchen der prestigeträchtigen Etiketten verbergen sich noch andere, weniger appetitliche Spuren - etwa: Carbendazim, Azoxystrobin, Procymidon. Denn einige der Weine sind kontaminiert durch Rückstände von Pestiziden, deren Konzentration bis zu tausendfach über den gesetzlichen Grenzwerten für Leitungswasser liegt. Das Problem: Für Wein existieren in Frankreich bislang noch keine verbindlichen Grenzwerte für Pestizide.

Entdeckt wurden die toxischen Substanzen von "Pesticides Action Network Europe" (PAN-Europe), die Weine des Jahrgangs 2002 untersucht hatte. In allen 40 Proben fanden sich Reste von vier bis zehn Pestiziden. Die Stoffe mit den wenig poetischen Namen stammen allesamt aus dem Arsenal der Agro-Chemie. Laut EU-Direktive zu gefährlichen Substanzen gelten die meisten als krebserregend; andere werden als Mutagene eingestuft - Stoffe, die das menschliche Erbgut verändern. Nachgewiesen wurden sie freilich nicht nur in Flaschen aus dem Bordeaux, sondern auch in Weinen aus dem Burgund. Aber auch in Wein aus anderen Ländern: Deutschland, Österreich, Italien, Portugal, Südafrika, Australien und Chile. Nur Weine aus biologischem Anbau erwiesen sich als fast rückstandsfrei.

"Es geht um ein lukratives Business"

Ein Skandal - der jedoch fast ungehört verhallte: Der Allgemeine Verband der landwirtschaftlichen Genossenschaften der Europäischen Union und der Ausschuss der berufsständischen Organisationen Copa-Cogeca reagierte mit einer dürren Verlautbarung, die Zweifel an der Methodik der Untersuchung andeutete. Und in Frankreich, wo unter den zehn beanstandeten Weinen - drei aus dem Burgund, sieben aus dem Bordeaux - immerhin drei Grands Crus mit Flaschenpreisen von über 200 Euro vertreten sind, wird der önologische Gau als Sturm im Weinglas abgetan oder verschwiegen: Winzer giften gegen die Schreckensanalyse als "Botschaft von Bio-Fundis", die Behörden wiegeln ab. Die Publizität der Pestizide passt so gar nicht zum gepflegten Image vom fröhlichen französischen Winzer.

Dabei sind die Fakten bekannt: Der Rebenanbau macht gerade mal drei Prozent der Anbaufläche aus, verbraucht jedoch knapp 20 Prozent der in Frankreich eingesetzten Pestizide. "Die Leute haben Angst", kommentiert Bio-Winzer Nicolas Despagne vom Weingut "Château Maison Blanche" das eisige Schweigen. "Die Analyse hat die ganze Branche aufgeschreckt. Bei den Grands Crus geht es ja nicht nur um einen nationalen Mythos", so der Chef des 40 Hektar großen Familienbetriebes im Gebiet Montagne Saint-Émillion, "es geht vor allem um ein höchst lukratives Business."

Tatsächlich stiegen die Exporte von Wein, Champagner und Spirituosen im vergangenen Jahr auf 9,4 Milliarden Euro; der Rekord verdeckt jedoch, dass gerade die kleineren Betriebe zunehmend unter Druck stehen - wegen veränderter Trinkgewohnheiten, sinkender heimischer Nachfrage und Konkurrenzdruck durch Billigimporte. Und jetzt belastet auch noch die Wirtschaftskrise das Geschäft.

"Der Weinanbau wird heute von großen Gütern bestimmt, die nicht mehr in Privatbesitz sind, sondern zu Großkonzernen gehören", sagt Despagne, Vorstand der Bio-Landwirtschaft für die Region. "Die schmücken sich mit prestigeträchtigen Namen, aber wickeln die Fabrikation nach industriellem Muster ab. Und die Vertreter von Agrar-Chemikalien spielen die Rolle von Dealern, die für jede angebliche Bedrohung der Ernte mit neuen Wundermitteln aufwarten." Deshalb, so der Winzer, "wird der Skandal unter den Teppich gekehrt."

Das Landwirtschaftsministerium versteckt sich seit Anfang des Jahres hinter einer Presseerklärung des für Wein, Gemüse und Blumen zuständigen Wirtschaftsverbandes "Viniflohr". Das staatliche Büro, nach eigener Darstellung bemüht um die "Stärkung der wirtschaftlichen Effizienz", beruft sich auf die Gesetzeslage. Alle nachgewiesenen Substanzen seien für den konventionellen Weinbau zugelassen und orientierten sich an EU-Normen. Und überhaupt: "Die Werte liegen weit unter den autorisierten Höchstgrenzen für Trauben".

"Kein Risiko für den Konsumenten"

"Stimmt", sagt Natalie Lauverjat, vom französischen Verein für "Respekt und Rechte künftiger Generationen" (MDRGF), der maßgeblich an der Untersuchung beteiligt war: "Für Weine existieren nämlich bislang überhaut keine Grenzwerte. Deswegen haben wir uns bei der der Prüfung an den Vorgaben für Leitungswasser orientiert und Schadstoffkonzentration in Mikrogramm pro Liter ausgemacht, die so kein städtisches Wasserwerk unters Volk bringen würde."

Der Agrarverband gibt sich dennoch kämpferisch: "Ein absolut unzulässiger Vergleich", rügt "Viniflohr" und die Föderation der "Großen Weine des Bordeaux" beschließt ihre fast wortgleiche Mitteilung zu den aufgetauchten Rückständen mit dem Hinweis: "Kein Risiko für den Konsumenten."

Vor Ort stellen sich Zweifel ein. Wie die konventionelle Herstellung aussieht, kann man derzeit rund um Bordeaux bestaunen: Hochbeinige Zugmaschinen mit wuchtigen Plastiktanks schieben sich durch die Reben und versprühen weiße Wolken streng riechender Chemikalien. Ganz gesund können die Substanzen nicht sein - in den geschlossenen Traktorkabinen sitzen Fahrer in Schutzanzügen. Der Boden ähnelt einer Mondlandschaft und selbst da, wo die Grasnarbe zwischen den Reben erhalten bleibt, wächst am Fuß der Weinstöcke kein Halm mehr. Junge Setzlinge müssen mit Plastik-Hüllen vor den aggressiven Substanzen - Herbiziden, Fungiziden, Pestiziden - geschützt werden, die bis zur Weinlese immer wieder über den Feldern niedergehen.

Diese Art der Landwirtschaft könnte sich freilich bald erledigt haben. Durch die alarmierenden Ergebnisse aufgeschreckt, will die EU die lange geplanten Grenzewerte für Rückstände im Wein möglichst rasch festschreiben. Doch solange die Richtlinien noch in Arbeit sind, wird weiter fleißig gesprüht. "Ohne die Mittel, die auf dem Markt sind", bekennt Winzer Thomassin, "könnten wir doch gar nicht existieren." Und nach einem weiteren Schluck des "Château de France" meint er treuherzig: "Mir hat mein Wein noch nie geschadet."

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