Peter Singer: Kaltherziger Vordenker

Wann und wo immer Peter Singer auftritt ­ er entfacht Furor.

Philosoph Singer: "Einflussreichster lebender Ethiker"
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Philosoph Singer: "Einflussreichster lebender Ethiker"

In seiner Heimat Australien nannte man ihn den "berüchtigten Todesboten"; in England, wo er in Oxford studierte, brandmarkten die Medien ihn als "Mann, der behinderte Babys töten würde"; in Deutschland wurde er öffentlich beschimpft und von Konferenzen ausgeladen ­ die Veranstalter fürchteten, ihn nicht vor seinen Gegnern schützen zu können.

Trotzdem berief die amerikanische Eliteuniversität Princeton den umstrittenen Philosophen vor zwei Jahren auf ihren Lehrstuhl für Bioethik des Zentrums für menschliche Werte, der Uni-Präsident rühmt Peter Singer, 55, als "einflussreichsten lebenden Ethiker".

Als der frisch berufene Professor an einem Regentag im Herbst 1999 zu seinem ersten Seminar schritt, ketteten sich protestierende Rollstuhlfahrer an einen Zaun, andere versuchten, die Treppe zum Hörsaal hochzukriechen. Die Demonstranten verglichen Singer auf Plakaten mit Hitler und skandierten: "Princeton befürwortet den Mord an Behinderten." Der Milliardär Steve Forbes, ehemaliger Student der Vorzeige-Uni, hat seit Singers Berufung sämtliche Spenden storniert.

Der schlaksige und im Gespräch charmante Mann entfacht Furor, wann und wo immer er auftritt. Drei seiner Großeltern wurden im Holocaust ermordet; dennoch zieht er sich immer wieder den Vorwurf zu, dem Gedankengut der Nazis nahe zu stehen.

Singers 1975 erschienenes Buch "Befreiung der Tiere" verkaufte sich mehr als eine halbe Million Mal und begründete die Tierrechtsbewegung. In dem Werk plädiert Singer dafür, Tiere und Menschen gleichermaßen nach ihren kognitiven Fähigkeiten zu bewerten. Folgerichtig hält es der Philosoph, der Fleisch verabscheut und keine Schuhe aus Leder trägt, für verwerflicher, einen gesunden Schimpansen zu töten als ein schwer geistig behindertes Kind.

In seinem Hauptwerk "Praktische Ethik" beruft sich der umstrittene Denker auf die philosophische Schule der Utilitaristen, die jede Handlung danach beurteilen, ob sie das Glück möglichst vieler Individuen erhöht ­ wozu Singer auch Tiere zählt. Er erklärt zudem nicht das Glück, sondern die Interessen der Einzelnen zum höchsten Gut. Deshalb verdienten vitale Pferde oder Ratten das Leben mehr als Koma-Patienten, die auf Grund ihres Leidens weder Bewusstsein hätten noch eigene Interessen.

In seinen zwei Dutzend Büchern, die in 15 Sprachen übersetzt wurden, und in ungezählten Fachaufsätzen beschreibt Singer in kaltherziger Logik, warum er Menschenrechte und Menschenwürde nur solchen Menschen zugesteht, die über ein Bewusstsein verfügen. Aus dieser Sicht heraus verteidigt Singer die Euthanasie und die Tötung missgebildeter Babys. Embryonen für Stammzell-Forschung zu opfern bereitet ihm schon gar keine Probleme.

Singer denkt seine Gedanken in ungewöhnlicher Radikalität zu Ende ­ gerade deshalb gilt er vielen als Vordenker einer Welt, in der Menschen zum Objekt einer wachsenden biomedizinischen Industrie werden und ihre Würde immer weniger gilt.

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