Ausgegraben

Erster Weltkrieg Das unbekannte Krankenlager der Pferde

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Library of the Department of Congress

In der Nähe der Steinkreise von Stonehenge graben Archäologen ein ungewöhnliches Feldlazarett aus dem Ersten Weltkrieg aus - für kranke Pferde. "Es war schlimmer, ein Pferd zu verlieren, als einen Mann", schrieb ein Soldat.

In London trabt in der Nähe des Hyde Parks ein erschöpftes Bronzepferd durch eine Mauerlücke, gefolgt von einem Hund und zwei schwer beladenen Mauleseln. Das Mahnmal heißt "Animals in War" und die Tiere stehen stellvertretend für alle, die in Kriegen und Konflikten von britischen Truppen eingesetzt, verletzt und getötet wurden. "They had no choice" ist auf der Mauer zu lesen - sie hatten keine Wahl.

Allein im Ersten Weltkrieg wurden acht Millionen Pferde im Dienste der britischen Armee zu Tode geschunden, erschossen oder auf den Schlachtfeldern vergast. Auf jeden toten britischen Soldaten dieses Krieges kommen damit mehr als acht tote Pferde. Und die Briten waren nicht die Einzigen - im Ersten Weltkrieg dienten Tiere in allen beteiligten Armeen.

Viele Tiere wurden direkt getötet

Über die verwundeten Pferde - die lahmen, angeschossenen, erschöpften, traumatisierten - hat niemand eine Statistik geführt. In Larkhill, ganz in der Nähe der Steinkreise von Stonehenge auf der Ebene von Salisbury, graben im Rahmen des Projektes "Digging War Horse" Archäologen der University of Bristol gemeinsam mit Veteranen der Operation Nightingale derzeit ein ungewöhnliches Feldlazarett aus - für kranke Pferde.

Das Nightingale Projekt bildet Veteranen, die selbst im Krieg Verletzungen davontrugen, zu Archäologen aus - oder bietet ihnen andere ähnliche neue berufliche Möglichkeiten, bei denen ihnen die ursprüngliche Ausbildung im Feld zu Nutze ist. "Die meisten von ihnen wurden hier wahrscheinlich wegen Lahmheit oder anderer Krankheiten behandelt", erklärt Richard Osgood, leitender Archäologe der Operation Nightingale. "Die meisten Pferde, die an der Westfront verwundet wurden, hat man aber natürlich dort vor Ort behandelt - oder umgebracht."

Pferde von Privatpersonen eingezogen

Pferde waren im Ersten Weltkrieg ein kostbares Gut. Sie zogen schwere Geschütze, aber auch Kranken- und Küchenwagen durch die tief verschlammten Felder Europas. Ihre Reiter überbrachten Pläne für bevorstehende Schlachten und Nachrichten über den Ausgang geschlagener. Zur Schlacht von Gravenstafel im Oktober 1917 notierte der Soldat Bert Stokes: "Es war jetzt schlimmer, ein Pferd zu verlieren, als einen Mann, denn Männer lassen sich ersetzen - Pferde aber nicht.

In der Tierklinik von Larkhill werden allerdings nicht viele wirklich schwer verletzte Pferde, die von der Front zurückkamen, behandelt worden sein. Wahrscheinlich diente die Einrichtung eher als Quarantänestation - bevor die Tiere in den Krieg zogen. Denn der eigene Pferdebestand der Kavallerie reichte bei weitem nicht aus, um den Bedarf an der Front zu decken. Wie Michael Morpurgo in seinem Kinderroman "Gefährten" erzählt, zog die Armee bald schon auch Pferde von Privatpersonen ein, um sie an die Front zu schicken. Auch aus Spanien und sogar aus Amerika wurden Pferde für den Krieg geholt. Alle diese Tiere mussten untersucht, geimpft und eine Zeit lang unter Quarantäne gestellt werden, bevor sie zum Einsatz an die Front kamen - und dafür dienten wahrscheinlich die Ställe in Larkhill.

Eigentlich ist er Ort bekannt für seine militärischen Trainingslager. Schon 1899 entstand hier eine Zeltstadt, in der Artilleristen ausgebildet wurden. Noch heute hat die Royal School of Artillery hier ihr Hauptquartier. Später kam der erste Flugplatz der britischen Armee hinzu. Im Schatten der menschlichen Kriegsteilnehmer spielte die Tierklinik wohl nur eine untergeordnete Rolle.

"Wir glauben, dass dieses Tier-Krankenhaus nur flüchtig existierte", sagt Osgood. "Das spätere Lazarett für verwundete Soldaten ist archäologisch sehr viel sichtbarer." Das zeigt sich auch in den alten Dokumenten. Während es über die militärischen Anlagen viele Aufzeichnungen und Berichte gibt, sind es gerade einmal ein paar Randnotizen, die das Pferde-Hospital erwähnen - es bleibt weitgehend unbekannt.

Als die Ausgräber und freiwillige Helfer Larkhill jedoch mit Metalldetektoren abschritten, hörte das Fiepen der Geräte gar nicht mehr auf: Der Boden steckte voller Hufeisen und Hufnägel. Von den Gebäuden und Ställen selber fehlt allerdings immer noch jede Spur. Die Mauern konnten Osgood und sein Team selbst bei Probegrabungen nicht finden, nur spätere Gebäude.



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7 Leserkommentare
licorne 26.11.2014
emporda 26.11.2014
cobaea 26.11.2014
reever_de 26.11.2014
T C 26.11.2014
stauss4 27.11.2014
efbeck 21.12.2014

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