Phänomen Awareness Patienten erleben Operation bei vollem Bewusstsein

Es klingt wie ein Alptraum, für manche Patienten ist es jedoch schmerzhafte Realität. Trotz Narkose werden sie während einer Operation plötzlich wach - und erleiden bei jedem Schnitt des Chirurgen Qualen. Doch es gibt Abhilfe: EEG-Geräte können vor solchen Wachphasen warnen.


Würzburg/München - Mitten während der Operation wird Monika Siebert* plötzlich wach - und empfindet wahnsinnige Schmerzen. Sie will schreien, auf sich aufmerksam machen, aber sie kann nicht. Zu stark wirken die Medikamente, die sie beziehungsweise ihren Körper bewegungsunfähig gemacht haben. Und so schneiden die Chirurgen unten im Bauchraum der Patientin weiter und ahnen nicht einmal, dass diese gerade trotz Vollnarkose bei Bewusstsein ist und Höllenqualen erleidet.

Operation (im Wanfang Hospital in Taipei): Ängste, Alpträume, Persönlichkeitsveränderungen
AFP

Operation (im Wanfang Hospital in Taipei): Ängste, Alpträume, Persönlichkeitsveränderungen

Bei einem chirurgischen Eingriff auf dem Operationstisch wach zu sein, das klingt wie ein böser Traum. Aber es ist Realität und kommt in seltenen Fällen vor, auch in modernsten Kliniken. Monika Siebert konnte sich nach der Operation sogar an ihre Erlebnisse erinnern und gab sie zu Protokoll. Außer den Schmerzen sei das Schlimmste gewesen, dass sie sich "total hilflos" gefühlt habe, weil sie sich gegenüber den umstehenden Ärzten eben nicht verständlich habe machen können.

Schilderungen wie diese seien typisch für schwerste Fälle sogenannter intraoperativer Wachheitszustände, sagt Norbert Roewer, Direktor der Klinik und Poliklinik für Anästhesiologie am Universitätsklinikum Würzburg, den aus einem anderen Krankenhaus stammenden, beklemmenden Bericht zufolge.

Roewer und seine Kollegen haben sich mit den von vielen Menschen gefürchteten intraoperativen Wachheitsphasen (englisch: Awareness) intensiv auseinandergesetzt. Anders als in der Anästhesiologie üblich, wenn während einer Operation hauptsächlich die Vitalfunktionen Atmung, Herzfrequenz und Blutdruck überwacht werden, messen die Würzburger Mediziner neuerdings routinemäßig zusätzlich die Hirnströme eines Patienten. "Prozessiertes EEG" heißt die Technik und soll dem Anästhesisten helfen, potentielle Wachheitsphasen besser zu erkennen. Bahnt sich eine solche an, kann die Narkose mit einer höheren Dosierung der Narkosemittel wieder vertieft werden.

Probleme bei 1,3 Prozent der Kaiserschnittoperationen

Gewiss, Wachheitsphasen während chirurgischer Eingriffe sind selten. Studien zufolge ereignen sie sich bei gerade einmal 0,1 bis 0,2 Prozent aller Allgemeinanästhesien. Doch bei den rund fünf Millionen Vollnarkosen, die es laut Berufsverband Deutscher Anästhesisten jedes Jahr in Deutschland gibt, sind es dann doch gar nicht so wenige: 5000 bis 6000. Und grundsätzlich handele es sich bei Awareness um "schwerwiegende Fälle", deren Brisanz nicht dadurch relativiert werde, dass sie vergleichsweise selten vorkämen, betont Roewer.

Nun ist die moderne Medizin durchaus in der Lage, Patienten in einen ausreichend tiefen Schlaf zu versetzen, damit sie von Operationen nichts mitbekommen. Deshalb verlaufen Millionen Narkosen jedes Jahr auch komplikationslos. Doch bei manchen Risikopatienten darf der Cocktail an Schlaf- und Schmerzmitteln nicht zu stark sein. Dies gilt etwa für Entbindungen per Kaiserschnitt mit Allgemeinanästhesie. Zu hohe Dosen könnten da dem Kind schaden.

Zurückhaltung ist auch bei herzchirurgischen Eingriffen und Notoperationen bei schwerstverletzten Patienten (Polytrauma) angebracht. Doch dementsprechend häufiger kommen intraoperative Ereignisse beziehungsweise Erinnerungen bei diesen Eingriffen vor, wie Studien ergaben: Bei 1,3 Prozent der Kaiserschnittoperationen und auch bei mehr als einem Prozent der herzchirurgischen Eingriffe. Beim Polytrauma ist das Risiko noch höher.

Bewusstlos ist oder nicht?

"Jeder davon Betroffene ist einer zu viel", sagt auch Eberhard Kochs, Direktor der Klinik für Anästhesiologie der Technischen Universität München, Klinikum rechts der Isar. Viele von Awareness Betroffene hätten später "Riesenprobleme": Ängste, Alpträume, Persönlichkeitsveränderungen. Deshalb sei der Versuch der Würzburger Anästhesisten, die Häufigkeit von Awareness zu minimieren, prinzipiell begrüßenswert. Aber auch mit EEG-Gerät werde kein Narkosearzt eine intraoperative Wachheitsphase verlässlich vermeiden können, betont Kochs. Nicht nur, weil jedes medizinische Gerät Schwachstellen habe. Sondern vor allem, weil im Einzelfall trotz technischer Überwachung schwer zu beurteilen sei, ob ein Patient angesichts eines vagen Parameterwerts "jetzt bewusstlos ist oder nicht", erläutert Kochs. Letztendlich komme es vor allem auf die Erfahrung und Aufmerksamkeit des Anästhesisten an.

Anästhesist Roewer spricht deshalb beim prozessierten EEG auch nur von einem weiteren "Baustein" bei der Optimierung der Narkoseüberwachung. Gleich ob Hirnströme künftig auch in anderen deutschen Operationssälen gemessen werden oder nicht: Wichtigstes Kriterium - da sind sich Roewer und Koch einig - bleibe die Qualifikation des Arztes und seiner Assistenten. Sei das Anästhesieteam gut ausgebildet, müsse niemand große Angst haben, während der Operation aufzuwachen.

Kochs rät deshalb, vor einem planbaren Eingriff mit dem Narkosearzt ausführlich über mögliche Komplikationen und Ängste zu sprechen. Diese Möglichkeit werde von Patienten viel zu selten wahrgenommen: Kliniken würden hierzulande vor allem nach dem Ruf ihrer Chirurgen ausgesucht, aber nicht nach dem der Anästhesisten. So auch im Fall von Monika Siebert: Ihre Bauch-OP verlief nach Plan, die Narkose weniger.

*Name von der Redaktion geändert

Haiko Prengel, ddp



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