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Phantasie und Realität: Einbildung beeinflusst das Sehen

Bilder vor dem geistigen Auge beschränken sich nicht nur auf die Phantasie - sie können auch ganz real verändern, was man sieht. Forscher haben nach eigenen Angaben erstmals experimentell bewiesen, dass die Vorstellung das Sehen direkt beeinflusst.

Das geistige Auge trägt seinen Namen nicht umsonst. Schon lange ist bekannt, dass machtvolle Sinneseindrücke oder psychische Zustände das Sehen beeinflussen können. Wer etwa in seiner Küche Ungeziefer entdeckt, sieht plötzlich in jedem Staubfetzen einen kleinen Widerling. Wer im Dunkeln Angstattacken hat, erkennt hinter jedem Strauch ein Raubtier.

Hirn und Auge: Vorstellung beeinflusst die Wahrnehmung
Joel Pearson

Hirn und Auge: Vorstellung beeinflusst die Wahrnehmung

Jetzt aber hat ein Experiment ergeben, dass es schon ausreicht, sich einmal etwas vorzustellen - und schon hinterlässt es Spuren in der visuellen Wahrnehmung der Umwelt. "Wir haben herausgefunden, dass die Einbildung eine Kurzzeit-Spur im Gedächtnis hinterlässt, die künftige Wahrnehmungen beeinflussen kann", sagt Joel Pearson von der Vanderbilt University in Nashville (US-Bundesstaat Tennessee). Die Studie, die Pearson und seine Kollegen im Fachblatt "Current Biology" veröffentlicht haben, sei die erste, die "definitiv zeigt, dass sich das Sehen verändert, während man sich etwas vorstellt und nachdem man es getan hat".

Im Experiment mussten sich die Probanden einfache Muster aus vertikalen und horizontalen Linien vorstellen. Anschließend bekamen sie vor einem Auge ein grünes und vor dem anderen ein rotes Muster zu sehen. Die Forscher lösten damit eine sogenannte binokulare Rivalität aus, bei der man oft die beiden Bilder abwechselnd wahrnimmt.

Generell gaben die Probanden am Ende an, das Bild gesehen zu haben, das sie sich zuvor vorgestellt hatten. Damit bestätigten sie die Hypothese der Forscher, dass die Einbildung die anschließende tatsächliche Wahrnehmung beeinflussen würde. Je länger die Probanden sich die Muster vorgestellt oder angeschaut hatten, desto stärker wurde der Effekt.

"Diese Erkenntnisse sind wichtig, weil sie auf einen potentiellen Mechanismus hinweisen, mit dem Erwartungen oder Erinnerungen die Wahrnehmung selbst verändern können", schreiben die Forscher. "Man sollte meinen, dass man sich etwas zehn- oder hundertmal vorstellen muss, bevor es eine solche Wirkung hat", ergänzte Teammitglied Frank Tong. "Aber schon ein einziger Akt der Vorstellung kann beeinflussen, wie man die Welt sieht - unter den richtigen Bedingungen sogar auf dramatische Weise."

Die Forscher sehen ihr Experiment durch jüngste Daten von Hirnscans bestätigt. "Wir wissen, dass Teile des visuellen Hirns aufleuchten und dort Aktivität stattfindet, wenn man sich etwas vorstellt", sagt Pearson. "Es gibt immer mehr Hinweise, dass es eine riesige Schnittmenge zwischen der geistigen Vorstellung und der echten Wahrnehmung desselben Objektes gibt."

mbe

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