Philosophie: Wie Mensch und Tier denken

2. Teil: Ich zeige, also bin ich

Das Hauptstück der Untersuchung ist der Titelfrage gewidmet: Können Tiere denken? Vermutlich können sie es nicht. Den Tieren fehlen elementare Voraussetzungen oder wenigstens Vorformen des Urteils wie zum Beispiel die Fähigkeit, als Individuum die Aufmerksamkeit von anderen durch den Akt des Zeigens auf einen bestimmten, nur optisch wahrnehmbaren Gegenstand oder Sachverhalt zu lenken. Das auf etwas Entferntes referierende, blickbegleitete Zeigen geschieht mit der Hand, dem "Organ der Organe", oder dem Arm, nicht aber mit dem Rumpf oder den Beinen oder dem Kopf. Die übrigen mit Armen und Händen ausgestatteten Primaten hätten problemlos die physische Möglichkeit, diese für uns Menschen ganz einfache Handlung zu vollziehen; sie tun es jedoch nie und können es, wiewohl im Besitz der dazu nötigen Glieder, auch nicht lernen. Es wird auch nie außer vielleicht in Märchen berichtet, ein Elefant habe mit seinem physisch dazu geeigneten Rüssel auf etwas gezeigt, zum Beispiel auf einen besonders schönen Tempel oder den aufgehenden Mond. Es gibt bei den Tieren auch kein irgendwie geartetes Surrogat für das Zeigen, das den gleichen epistemischen und öffentlichen Effekt hätte.

Die Sachverhalte nun, auf die wir die Aufmerksamkeit anderer nicht durch den Blick und die Hand, sondern durch sprachliche Urteile lenken, teilen mit den gestisch gezeigten Gegenständen die Eigentümlichkeit, dass sie entfernt sein können und dass sie nicht unsere unmittelbaren Lebensinteressen betreffen müssen, beim Urteil braucht es sie nicht einmal zu geben, sei es jetzt oder überhaupt. Worüber wir urteilen, ist dem Urteil selbst so extern wie der Gegenstand des Zeigens, er ist davon im wörtlichen Sinn nicht berührt (im Gegensatz zu Gebrauchshandlungen, die sich auf den Gegenstand beziehen). Die zeigende oder urteilende Person, zweitens der Adressat oder die Adressaten, und drittens der Gegenstand, um den es geht, sind drei Elemente, die einen Raum der Öffentlichkeit aufspannen, den die Tiere nicht betreten. Der Gegenstand, auf den hingezeigt wird, ist dadurch öffentliches Objekt einer interessierten oder auch interesselosen Neugier. Nicht nur das Zeigen fehlt den Tieren, sondern auch die Neugier, speziell gibt es keine tierischen Handlungen, die sich nur als Suche nach Ursachen erklären lassen; das aufgeweckte Kind dagegen blickt und zeigt auf etwas, auf das auch die anderen sehen oder hören sollen, und es sucht zweitens nach der Ursache eines Geschehens.

Wenn Kausalität im Verhalten von Tieren eine Rolle spielt, dann immer bezogen auf das eigene körperliche Tun; Tiere können Hebel bewegen und dadurch die (vielleicht nur durch assoziierte Zeichen wie ein Klingelgeräusch vermittelte) Freigabe von Futter bewirken; aber keine der selbstbezogenen, von uns kausal genannten Tätigkeiten berechtigt zu der Vorstellung, Tiere hätten einen Begriff von kausalen Zusammenhängen.

Ja oder Nein? Der Mensch kann entscheiden

Der sprachliche Ausdruck der interessierten oder interesselosen Neugier ist die Frage. Sie ist strukturell möglich durch die vorgegebene Urteilsform, "Ist S P oder nicht?" "Können Tiere denken?" Jedes Urteil lässt sich als Antwort auf eine Frage fassen, und auf die Nachfrage folgt konsequent auch die Begründung, das Warum des Urteils. Bei dieser genetischen Ableitung der Urteilsform versuchen wir, die Integration der Verneinung in das ursprünglich nur bejahende Urteil als Produkt der korrigierenden Intervention oder Frage einer oder mehrerer anderer Personen zu interpretieren, so dass die Urteilseinheit von Bejahung oder Verneinung als Synthese einer dialogischen Situation erscheint. Zweitens: Wenn es so etwa gibt wie mentale Freiheit, sollte man sie vielleicht nicht im Willen suchen, sondern in der kontrollierbaren geistigen Möglichkeit der Überlegung von bejahenden oder verneinenden Antworten auf Fragen.

REUTERS
Die Naturwissenschaft prägt das Weltbild in den westlichen Staaten. Hat Gott ausgedient? Kommt die Wissensgesellschaft vom Weg ab? Wie findet das Individuum seinen Platz in einer immer schnelleren und komplexeren Welt? In der "edition unseld" des Suhrkamp-Verlags definieren Forscher und Schriftsteller das Verhältnis zwischen Mensch und Forschung. Exklusiv für SPIEGEL ONLINE haben die Autoren ihre Bände, die im Buchhandel erhältlich sind, zu Essays verdichtet.

Editorial von Ulla Unseld-Berkéwicz
Tiere können auf nichts zeigen, sie sind partout nicht neugierig, speziell nicht kausal neugierig, und es lässt sich bei ihnen keine Kommunikation beobachten, die die Struktur von Urteilen hätte, es bleibt immer bei einer nur additiven, vielleicht grammatisch geordneten Sequenz von positiven Zeichen, die keine Möglichkeit bietet, in eine Frage oder Negation umgeformt zu werden. Zeigen, Neugierigsein und Urteilen oder Fragen kann den klügsten Tieren auch durch die härteste oder einfühlsamste Dressur nicht beigebracht werden. Wenn Elterntiere ihre Jungen zum Beispiel in der Technik des Jagens unterweisen, dann machen sie es vor und halten auch die Jungen zum eigenen Tun an; aber sie zeigen nicht auf Objekte der Fernsinne, sie weisen auf keine Ursachen und stellen ihnen keine vernünftigen oder unvernünftigen Fragen.

Umgekehrt haben isolierte taubstumme Menschen spontan eine Zeichensprache entwickelt, die sprachliche Urteilsakte der Form "S ist / ist nicht P" enthält; etwas Derartiges ist bei Tieren nie beobachtet worden. Wenn es somit höchst unwahrscheinlich ist, dass Tiere über das uns geläufige Urteilsdenken verfügen, dann lautet die Folgerung für die einschlägige Forschung, nach der mentalen Ausstattung zu suchen, die die oben genannten kognitiven oder mentalen Leistungen ohne Urteilsdenken ermöglicht, besonders dann, wenn sie denk- oder urteilsähnlich sind, wenn etwa Tiere uns oder andere Tiere zu täuschen scheinen. Aber hiermit ist bereits das Gebiet der biologischen Detailforschung betreten.

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