Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Physik-Nobelpreis 2007: "Phantastisch, die Kraft unserer Entdeckung zu sehen"

Ein bisschen Physik-Nobelpreis steckt fast in jedem Computer. Selten hat die Stockholmer Akademie eine Entdeckung ausgezeichnet, die so schnell ihren Weg in den Alltag fand. Denn der Jülicher Physiker Peter Grünberg und der Franzose Albert Fert haben Festplattenspeicher revolutioniert.

Stockholm/Jülich - Wenn die Königlich-Schwedische Akademie der Wissenschaften die neuesten Physik-Nobelpreisträger bekanntgibt, herrscht in den Momenten danach meist verdutztes Schweigen - zumindest unter Nicht-Physikern. "Für die Entdeckung der Schwarzkörperform und der Anisotropie der kosmischen Mikrowellenhintergrundstrahlung" wurden etwa John Mather und George Smoot im vergangenen Jahr in Stockholm geehrt. 2004 bekamen drei US-Forscher den Nobelpreis für ihre Arbeit über die asymptotische Freiheit von Quarks in der Theorie der starken Wechselwirkung. Alles klar?

Daneben wirkt die Entdeckung von Peter Grünberg und Albert Fert um Lichtjahre näher an der Alltagspraxis. Nur neun Jahre vergingen zwischen der Entdeckung des Riesenmagneto-Widerstandseffekts, für den die beiden Forscher jetzt den Nobelpreis bekommen haben, und der erstmaligen Verwendung der Technologie in einer IBM-Computer-Festplatte im Jahr 1997.

Dennoch traf Grünberg der Anruf aus Stockholm offenbar nicht gänzlich überraschend. "Ich bin ja schon seit einiger Zeit als Kandidat gehandelt worden", sagte der 68-Jährige am heutigen Dienstag an seiner Wirkungsstätte, dem Forschungszentrum Jülich. "Da wird man zu einer gewissen Erwartung erzogen." Der Nobelpreis sei schließlich nicht der erste, wenn auch der bedeutsamste Preis, den er erhalten habe. "Ich war bei dem Anruf heute Morgen total überwältigt, hatte aber insgeheim gehofft, diesen Preis einmal zu bekommen."

Was die Auszeichnung für ihn bedeute, werde sich erst in den kommenden Monaten zeigen. "Das Geld ist ja auch ganz schön", meinte Grünberg. Der Nobelpreis ist in diesem Jahr mit umgerechnet knapp 1,1 Millionen Euro dotiert; Grünberg kann sich also über rund 550.000 Euro freuen.

Sofort Patent angemeldet

Grünberg und Albert Fert von der der Université Paris-Sud hatten den Riesenmagneto-Widerstandseffekt 1988 unabhängig voneinander entdeckt. Das auch als GMR (Giant Magneto Resistance) bezeichnete Phänomen hat in den vergangenen Jahren dazu geführt, dass Festplatten erheblich kleiner und zugleich mit wesentlich größerer Speicherkapazität angeboten werden konnten, erklärte die Königlich-Schwedische Akademie der Wissenschaften.

Der Riesenmagneto-Widerstandseffekt wird heute in allen gängigen Festplatten genutzt, um magnetische Bits und Bytes auszulesen. Der Effekt beruht auf der quantenmechanischen Kopplung der Elektronen-Spins in den Materialschichten. Grünberg und Fert gelten deshalb auch als Gründerväter der Spin-Elektronik.

Grünberg hatte seine Entdeckung sofort patentieren lassen - und kam damit den Kollegen in Frankreich zuvor, die unabhängig von ihm geforscht hatten. Ihm sei sofort klar gewesen, wie man mit Hilfe des Effekts die Speicherkapazität deutlich erhöhen könne, sagte er später in einem Interview. Viele Forscher hätten damals nach so etwas gesucht. Nur wenige Jahre später schloss IBM einen Lizenzvertrag mit dem Forschungszentrum Jülich ab. 1997 stellte der Elektronikkonzern das erste Festplattenlaufwerk her, das den GMR-Effekt nutzte. Heute wird er in fast allen Laufwerken eingesetzt.

"Wir platzen vor Stolz"

In Jülich zeigte man sich begeistert über die Ehrung Grünbergs. "Wir platzen vor Stolz", sagte Forschungszentrumsmitarbeiterin Angelika Staudte zu SPIEGEL ONLINE. "Uns war klar, dass er den Preis verdient hat. Aber wir hatten vier Jahren lang die Daumen gedrückt und die Hoffnung schon fast aufgegeben."

Dass Grünberg den Nobelpreis mit Fert teilen muss, sei weder enttäuschend noch überraschend. "Er wurde schon früher zusammen mit Fert ausgezeichnet, etwa im Januar mit dem Japanischen Forschungspreis", sagte Staudte. "Deshalb war es für uns immer klar, dass die beiden sich auch den Nobelpreis teilen würden, falls sie ihn bekommen sollten."

Fert selbst fühlte nach der Zuerkennung "Demut" und war tief bewegt. "Ich wusste, dass der Preis für mich möglich war", sagte der 69-Jährige. "Aber ich bin noch immer überrascht. Ich bin mehr als glücklich, den Preis mit Peter Grünberg zu teilen, ich habe gerade mit ihm gesprochen. Wir haben die Ergebnisse unserer Forschungsarbeit in fairer Weise ausgetauscht, selbst nachdem wir nicht mehr direkt kooperiert haben. Es ist phantastisch, die Kraft unserer Entdeckung zu sehen."

Am gestrigen Montag wurden die beiden US-Forscher Mario R. Capecchi und Oliver Smithies sowie der Brite Sir Martin J. Evans für ihre bahnbrechenden Verdienste in der Humangenetik mit dem Nobelpreis für Medizin geehrt.

Bis zum 12. Oktober werden die Preisempfänger für Chemie, Literatur und Frieden bekanntgegeben. Am 15. Oktober wird der Träger des erst später gestifteten Wirtschaftsnobelpreises bestimmt. Diese Auszeichnung wurde 1968 von der Schwedischen Reichsbank im Einvernehmen mit der Nobel-Stiftung geschaffen. Die Verleihung der mit jeweils zehn Millionen Kronen (1,09 Millionen Euro) dotierten Preise erfolgt alljährlich am 10. Dezember, Nobels Todestag.

mbe/hda/AFP/ddp/dpa

Diesen Artikel...

© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Fotostrecke
Physik-Nobelpreis: Ehrung für Magnetforschung
Fotostrecke
Von Röntgen bis Grünberg: Deutsche Physik-Nobelpreisträger


Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: