Raumzeit-Schwingungen Physik-Nobelpreis geht an Gravitationswellen-Forscher

Albert Einstein sagte Gravitationswellen vor hundert Jahren voraus, für den Nachweis bekommen nun drei Forscher den Physik-Nobelpreis. Die Auszeichnung geht an die US-Wissenschaftler Rainer Weiss, Kip Thorne und Barry Barish.

S. Ossokine/ A. Buonanno (Max-Planck-Institut)/ W. Benger (AHM)

Die Jury in Stockholm hat sich für die Favoriten entschieden: Für die Entdeckung von Gravitationswellen wurden die drei US-Amerikaner Barry Barish, Rainer Weiss und Kip Thorne mit dem Nobelpreis für Physik ausgezeichnet. Der renommierteste Preis der Wissenschaft ist mit neun Millionen schwedischen Kronen dotiert, was fast 940.000 Euro entspricht. Weiss (85), der in Berlin geboren wurde und 1938 in die USA emigrierte, erhält die Hälfte des Preisgeldes, Barish (81) und Thorne (77) teilen sich die andere.

Albert Einstein hat sie vor hundert Jahren vorhergesagt, 2015 gelang gleich einem ganzen internationalen Forscherkollektiv der Nachweis. Gemessen wurden Gravitationswellen erstmals am Advanced Laser Interferometer Gravitational-Wave Observatory (Ligo) in den USA. "Jeder der Preisträger war mit seinem Enthusiasmus und seiner Entschlossenheit von unschätzbarem Wert für den Erfolg des Ligo", hieß es von den Juroren.

Der Nachweis: eine Sensation

Gravitationswellen entstehen jedes Mal, wenn im Universum Massen beschleunigt werden. Wenn im All etwa Schwarze Löcher fusionieren, erreichen die dabei entstehenden Gravitationswellen auch die Erde. An den Ligo-Standorten Hanford (Bundesstaat Washington) und Livingston (Bundesstaat Louisiana) gelang es den Forschern am 14. September 2015 erstmals, die Folgen einer solchen Fusion zu messen - eine wissenschaftliche Sensation.

Inzwischen wurden bereits weitere Gravitationswellen nachgewiesen, erst in der vergangenen Woche verkündeten Forscher eine weitere Entdeckung.

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Als Einstein die Schwingungen der Raumzeit theoretisch vorhersagte, fehlte es noch an den notwendigen technischen Möglichkeiten, sie zu messen. Barish, Thorne und Weiss haben seit den Siebzigerjahren maßgeblich dazu beigetragen, diese zu schaffen.

Barish studierte Physik an der University of California in Berkeley. Später arbeitete er gemeinsam mit Thorne am California Institute of Technology (Caltech). 1994 übernahm Barish die Leitung des Ligo und machte aus einer kleinen Forschergruppe von etwa 40 Leuten ein internationales Projekt mit Tausenden beteiligten Forschern und Technikern.

Weiss forschte am Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Boston und entwickelte in den Siebzigerjahren eine laserbasierte Vorrichtung, die erstmals Störungen bei den hochsensiblen Detektoren ausklammern konnte.

"Ehrung für die Arbeit Tausender"

Etliche andere Institute weltweit haben an der Gravitationswellen-Messung mitgearbeitet. Die Veröffentlichung im Februar 2016 in den "Physical Review Letters"hat mehr als tausend Autoren. So stammte die Lasertechnik des sogenannten Ligo-Interferometers aus Deutschland. Sie wurde in Hannover vom Max-Planck-Institut für Gravitationsphysik unter der Leitung von Karsten Danzmann entwickelt. Auch der Deutsche wäre als Preisträger infrage gekommen.

In einem Telefonat mit dem Nobelpreiskomitee sagte Weiss: "Ich sehe die Auszeichnung vor allem vor dem Hintergrund, dass sie die Arbeit von Tausenden ehrt." Auch Thorne äußerte sich ähnlich. Er sagte zudem, dass die Entdeckung ein Gewinn für die gesamte Menschheit sei und eine neue Methode, mit der "das Universum erforscht werden kann - nicht nur in den nächsten paar Jahren oder Dekaden, sondern in den nächsten Jahrhunderten."

Gravitationswellen/ Ligo/ Sternenmonster
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Gravitationswellen/ Ligo/ Sternenmonster

In den vergangenen 25 Jahren wurde der Physikpreis stets von mehreren Gewinnern geteilt. Doch die Statuten der schwedischen Akademie der Wissenschaften erlauben höchstens drei Preisträger für eine Entdeckung. Das wurde schon häufiger kritisiert. Als Peter Higgs und François Englert 2013 für die Vorhersage des Higgs-Bosons ausgezeichnet wurden, gingen Forscher am Cern in Genf, die das Partikel mithilfe des Teilchenbeschleunigers LHC nachgewiesen hatten, leer aus.

Der Brite Ronald Drever und der deutsche Heinz Billing, die beide wichtige Beiträge zur Gravitationswellenforschung leisteten, haben den Nobelpreistriumph nicht mehr erlebt. Billing hatte vor allem im IT-Bereich und der Datenspeicherung gearbeitet. Den Nachweis der Wellen bekam er noch mit, er starb im Januar 2017. Drever, der das Ligo-Projekt mitgegründet und schon länger an Demenz erkrankt war, starb im März 2017 in einem Pflegeheim in Edinburgh.

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Einsteins Erben: Nobelpreis für Gravitationswellenforscher

Im Jahr 2016 war der Physik-Nobelpreis an drei Forscher gegangen, die exotische Materiezustände untersucht hatten - sogenannte topologische Phasenübergänge.

Die Medizin-Nobelpreisträger 2017 stehen seit Montag fest: Es sind drei Wissenschaftler aus den USA, die die innere Uhr bei Menschen, Tieren und Pflanzen erforscht haben. Der Nobelpreis für Chemie wird am Mittwoch vergeben.

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joe



insgesamt 70 Beiträge
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Tadeuz2 03.10.2017
1. Deutsche Beteiligung?
Waren daran nicht maßgeblich auch deutsche Wissenschaftler beteiligt? Und waren die nicht auch Favoriten?
Fernspäher 03.10.2017
2. Geschwindigkeit der Gravitationswellen?
Meine Gratulation an die Forscher. Hat man schon experimentelle Aussagen über die Geschwindigkeit der Gravitationswellen? Gemäß Einstein sollten sie sich mit Vakuumlichtgeschwindigkeit c bewegen, gemäß Heim als Scheinwellen mit 4/3 c. Sind die Messungen schon genau genau genug, dass man zwischen den beiden Vorhersagen differenzieren könnte?
k_janssen 03.10.2017
3. Moment mal!!
Hätte nicht eher Prof. Dr. Karsten Danzmann, Direktor des Instituts für Gravitationsphysik die Auszeichnung bekommen müssen?
Attila2009 03.10.2017
4.
Sehr schön und die haben den Preis redlich verdient. Aber wieso ist das eine Eilmeldung wert ?
Zaunsfeld 03.10.2017
5.
Zitat von Tadeuz2Waren daran nicht maßgeblich auch deutsche Wissenschaftler beteiligt? Und waren die nicht auch Favoriten?
Welche deutschen Wissenschaftler sollen das sein?
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