Pica-Syndrom Wenn Menschen Abartiges essen

Sie sind süchtig nach dem Ungenießbaren: nach Seife, Haaren, Buntstiften, Kondomen, Zahnpasta und Lack. Pica-Kranke essen alles - auch wenn es tödlich endet. Mediziner sind kaum in der Lage, die seltene Krankheit zu erkennen.

Von Chris Löwer


Appetit auf Insekten: Pica-Kranke stopfen fast alles in sich hinein - vom Streichholz bis zum Seifenstück
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Appetit auf Insekten: Pica-Kranke stopfen fast alles in sich hinein - vom Streichholz bis zum Seifenstück

Die kleine Stärkung für zwischendurch hatte die rheinische Hausfrau reichlich eigenwillig interpretiert: Sie naschte mehrmals täglich an einem Pfundpäckchen Stärke, bis es nach zwei drei Tagen vertilgt war. So wie andere zum Zigarettenautomat gehen, griff sie dann bei Schlecker zu einem neuen Päckchen.

Das ging so lange gut, bis sie wegen akuten Eisenmangels in eine Klinik eingeliefert worden ist. Stärke bindet Eisen, das ungenutzt wieder ausgeschieden wird. Ein Ganzkörpercheck brachte keinen Befund. Die Ratlosigkeit der Ärzte legte sich an dem Tag, als sie die arglose Frau auf frischer Tat ertappten. Mit sich und der Welt unzufrieden, überkam die 57-Jährige vor der Visite eine Fressattacke.

Ihr absonderlicher Appetit hat einen Namen: Pica-Syndrom. Benannt ist die wenig bekannte Krankheit nach der diebischen Elster (Pica pica), die sich alles in ihren Schnabel steckt, um damit ein Nest zu bauen. Pica-Patienten plagen meist über Jahre abnorme Essgelüste. Sie vertilgen Asche, Austernschalen, Buntstifte, Babypuder, Haare, Holz, Kot, Kondome, Seife, Stärke, Staub, Styropor, Stoff, Zahnstocher, Zahnpasta und vieles mehr - manchmal mit tödlichem Ausgang.

Zahl der Betroffenen liegt im Dunkeln

Medizinisch wird Pica als Essstörung wie Mager- oder Fresssucht eingestuft. "Das Krankheitsbild ist selbst unter Ärzten unzureichend bekannt und wird häufig übersehen", klagt Psychotherapeut Steffen Heger aus Köln. Er hat über das Syndrom geforscht und sagt: "Pikazistisches Verhalten kommt häufiger in armen Regionen Indiens, Mittel- und Südamerikas vor. In unseren Breitengraden auftretende Fälle werden häufig nicht erkannt, weil sie sich hinter anderen Diagnosen verbergen."

Deshalb gebe es auch keine Schätzungen über die Zahl der Betroffenen. Was die Sache nicht leichter macht: "Es gibt kein einheitliches Krankheitsbild. Ursachen des Syndroms können körperlicher, seelischer oder soziokultureller Natur sein", so Heger. Als Risikogruppen gelten schwangere Frauen, Kleinkinder, Hirnverletzte, Epileptiker, Demente und Psychotiker. Ist eine geistige Behinderung Ursache, merken die Betroffenen oft gar nicht, was sie essen, was genießbar ist oder nicht.

Geistig Gesunde greifen auch schon mal intuitiv zu Gips, um tatsächlichen Kalziummangel auszugleichen. Gerade Schwangere entwickeln solche Gelüste, weil sie spüren, welche Nährstoffe sie benötigen. Diese Form der Pica ist nicht krankhaft. So erklärt sich auch, warum manche Naturvölker Erde, Lehm und Kiesel essen - wegen der Mineralien und Spurenelemente, die zum Beispiel die Verdauung anregen oder Gifte binden. Das Verhalten gleicht dem von Tieren, die instinktsicher ihre eigenen Exkremente fressen, um einen Vitamin- und Enzymmangel auszugleichen.

Psychosen, Appetitstörungen oder schlichte Langeweile

Weniger heilkundlich beseelt sind jene, die Kot, Kondome, Insekten oder Streichhölzer in sich hineinstopfen - ein Verhalten, das auf Psychosen hindeuten kann. Oder auf eine Störung des Appetitzentrums, das zum Beispiel Kohldampf auf Kohle verursacht, wenn es dem Körper an Kohlenhydraten mangelt. Auslöser kann aber auch pure Langeweile, Einsamkeit oder ein eintöniger Job sein, schildert Heger - so wie bei der Stärke schlemmenden Hausfrau.

Seifen-Produktion: Pica-Kranke machen auch vor dem Verzehr von Reinigungsmitteln nicht Halt
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Seifen-Produktion: Pica-Kranke machen auch vor dem Verzehr von Reinigungsmitteln nicht Halt

Aber es müssen nicht immer fremde Stoffe sein. Gerade Nervöse, Gestresste und Gelangweile greifen gern zum eigenen Haupthaar. Dann zupfen und zwirbeln sie so lange an ihren Haaren, bis sie ausgehen, um sie dann herunterzuschlucken. "Das dient der Entspannung. Ähnlich wie bei verwandten Störungen wie Daumenlutschen, Nägelkauen und Nasebohren", erklärt Klaus Lieberz, Leiter der Klinik für Psychosomatik und Psychotherapeutische Medizin am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim.

Der Haken an der haarigen Entspannungsmethode: Sie können nicht verdaut werden und bilden im Verdauungstrakt wie im Abflussrohr ein Knäuel, was letztlich zum Darmverschluss und damit zum Tod führen kann. "Wegen ihrer Seltenheit und ihrer unspezifischen Symptome werden solche Ansammlungen unverdaulicher Stoffe, so genannte Bezoare, häufig sehr spät diagnostiziert", erklärt Lieberz.

Wie bei dem in eine schwere Lebenskrise geratenen Discothekenbetreiber, der seinen Job und seine Frau mit einem Schlag losgeworden ist. Der 30-Jährige kam mit Depressionen in die Mannheimer Klinik, klagte über Oberbauchschmerzen, was bei Depressiven nicht sonderlich ungewöhnlich ist. Eine eingehende organische Untersuchung brachte keinen krankhaften Befund, und die Psychotherapie schlug an.

Blutige Haarknäuel aus dem Darm

Merkwürdig nur, dass seine Brusthaare immer spärlicher wurden, sich deren Wurzeln entzündeten und sich auch das Haupthaar lichtete. Eines Tages erbrach der junge Mann ein blutdurchsetztes Gewölle. Die endoskopische Untersuchung ergab: Durch Magen und Darm schlängelte sich ein meterlanger mit Speiseresten durchmengter Zopf, der sich nach jahrelangem Haarkonsum gebildet hatte - die eigentliche Ursache für unbestimmte Bauchschmerzen, Völlegefühl und Verstopfung des ehemaligen Frisörs. Die schleimige Haarpracht musste operativ entfernt werden.

Für Lieberz ein in seiner Monstrosität noch heute kurioser Fall, zumal an der so genannten Trichophagie normalerweise Frauen erkranken, die augenfällig kahle Stellen auf dem Kopf und keine Augenbrauen mehr haben. "Bei Männern hatte ich vorher noch nie davon gehört", sagt der Professor.

Weil in der Regel Frauen davon betroffen sind und sich gerade ihre langen Haare im Magen-Darm-Trakt verhaken, wird diese Form der Pica auch "Rapunzel-Syndrom" genannt. Manchmal ist eine zurückgebliebene Persönlichkeitsentwicklung schuld, wenn Erwachsene immer noch mit allem möglichen das frühkindliche Von-der-Hand-in-den-Mund-Verhalten praktizieren. Bei Kot-Kandidaten attestieren Mediziner knapp eine "Perversion".

Lebensgefährliche Gesundheitsschäden

Je nach Vorliebe kann die Essabart schwere Folgen haben: So führt der vor allem bei Kindern verbreitete Genuss von Farben zu Bleivergiftungen, das Verspeisen von Zigaretten zu Nikotinvergiftungen. Selbst durch das harmlos klingende Mampfen von Erde und rohen Kartoffeln kann es zu schweren Krankheiten kommen, die durch Parasiten übertragen werden. Verletzungen des Speiseweges durch harte, scharfe und grobe Gegenstände können tödlich enden.

Wird die Pica früh erkannt, greifen psychotherapeutische und medikamentöse Methoden. Steffen Heger nennt verhaltenstherapeutische Maßnahmen wie Selbstkontrolltechniken, positive und negative Verstärkung sowie den Aufbau alternativer Verhaltensweisen, etwa autogenes Training. Werden als Ursache Depressionen, Psychosen, Zwangserkrankungen sowie kindlicher Autismus erkannt, wird mit Neuroleptika und Antidepressiva, begleitend zur Psychotherapie, behandelt.

Andere Ärzte empfehlen die Methode der "negative practice", bei der Patienten so lange im Übermaß Dinge in sich hineinstopfen, bis sie ihrer überdrüssig sind. Hilft auch das nicht oder ist gar das Leben bedroht, gibt es nur eins: Zwang ausüben, Patienten fesseln oder Gesichtsmasken anlegen.



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