Röntgenanalyse Forscher entdecken verstecktes Bild unter Picasso-Gemälde

In seiner berühmten blauen Periode malte Pablo Picasso düstere Außenseiter der Gesellschaft. Bei einem der Werke haben Forscher nun Erstaunliches gefunden.

Picasso Estate

Aus Austin berichtet


Der junge Pablo Picasso war nicht gerade gut drauf, als er 1901 nach Spanien zurückkehrte. Zuvor hatte er unter ärmlichen Verhältnissen eine Zeitlang in Paris gelebt, der Kunstmetropole jener Zeit. Hier lernte er Impressionisten wie Cézanne oder Toulouse-Lautrec kennen und bewunderte ihre Arbeiten. Doch zurück in der spanischen Heimat schockierte ihn die Nachricht vom Tod seines Freundes Carlos Casagemas - er hatte sich aus verschmähter Liebe zu einer Tänzerin das Leben genommen.

Schwermütig malte das Genie, das schon mit 14 Jahren die Aufnahmeprüfung zur Kunstakademie brillant absolvierte und die ersten zwei Klassen überspringen durfte, für ein paar Jahre nur in blau-grünen Tönen - die Nachwelt sollte einmal von der blauen Periode sprechen. Vor allem gesellschaftliche Außenseiter interessierten Picasso zu dieser Zeit. Er hielt Obdachlose oder Bettler auf der Leinwand fest, dokumentierte die Welt der Einsamen und Armen in düsterer Umgebung.

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Picasso und Co.: Die verborgenen Meisterwerke

Aus dieser Zeit stammt auch das Bild "La Miséreuse accroupie", übersetzt etwa die kauernde Bettlerin. Es zeigt eine dürre Frau, die die Augen zu Boden richtet. Das Bild gilt als eines der bemerkenswerten Stücke jener Picasso-Phase, es hängt heute in der Art Gallery of Ontario (AGO) in Kanada.

Spezielle Verfahren aus der Röntgen- und Infrarotspektroskopie

Doch unter der sichtbaren Ölfarbe verbirgt sich nicht nur die Leinwand. Eine Forschergruppe um den Materialwissenschaftler Marc Walton von der Northwestern University in Chicago entdeckte ein bisher unbekanntes weiteres Bild unter den Picasso-Farben. Ihre Entdeckung wurde nun auf der Wissenschaftskonferenz AAAS in Austin vorgestellt. Das Original zeigt eine Landschaft und stammt wohl von einem anderen Maler, vermutlich von Joaquin Torres-Garcia, Picassos Künstlerfreund aus jenen Tagen.

Um der gebeugten Bettlerin ihr Geheimnis zu entlocken, verwendeten die Experten spezielle Verfahren aus der Röntgen- und Infrarotspektroskopie, bei denen die Bilder nicht beschädigt werden. Die Technik wird schon länger bei der Analyse von Kunstwerken eingesetzt, sie wurde immer weiter verbessert. Auch weil Fortschritte in der Rechnertechnik inzwischen die großen Datenmengen verarbeiten können, die bei der Röntgenfluoreszenzanalyse entstehen - hier wird über die individuelle Strahlung der Elemente auf der Leinwand die chemische Zusammensetzung erkannt. Die Daten können so den einzelnen Farben zugeordnet werden.

Das Bild unter dem Bild - auch bei Degas und van Gogh

Doch bisher war es notwendig, die Bilder ins Labor zu schicken. Solche für ein Kunstwerk riskanten Transporte scheuen Museen oft - auch weil allein die Versicherungskosten enorm sind. Die Forscher haben deshalb portable Geräte entwickelt, die erstmals in etwa mit dem Laborgerät mithalten können. "Die Technik kann sehr schnell vor Ort im Museum eingesetzt werden, und das Bild muss nicht mehr ins Labor", sagt Walton.

Mittels Bildanalysetechniken konnten bereits verschiedene Übermalungen von berühmten Gemälden entdeckt werden. Auch ein weiteres verborgenes Picasso-Bild wurde so schon gefunden. 2016 konnten Forscher ein Bild unter einem Gemälde von Edgar Degas sichtbar machen. Und auch bei van Gogh liegen Kunstwerke unter der Leinwand verborgen. Denn die war damals teuer - deshalb war es durchaus üblich, dass Maler sie mehrfach verwendeten.

Für Kunstexperten sind solche Verfahren ein Glücksgriff, sie erlauben wertvolle Einblicke in den Entstehungsprozess von Gemälden. Die Malschichten werden einzeln durchdrungen und bis zum Grund verfolgt. "Wir sind so in der Lage, eine Chronologie für ein Kunstwerk zu ermitteln und seine ganze Geschichte zu erfahren", sagt Francesca Casadio vom Art Institute of Chicago.

Im Fall des Picasso-Bildes ist die Chronologie bemerkenswert: Offenbar hat der Meister bei der Bettlerin große Teile seines Bildes häufiger übermalt und verändert, bis er mit dem Ergebnis zufrieden war. Unter dem Gemälde, ein Hochformat, befand sich einst ein Landschaftsbild. Doch Picasso drehte das Bild einfach um 90 Grad nach rechts, bevor er selbst zum Pinsel griff.

"Picasso muss lange rumgewerkelt haben"

"Außerdem hat er einige Landschaftsformen in seiner eigenen Komposition der 'Miséreuse accroupie' verwendet, die schon da waren", erklärt Walton und hält eine Kopie hoch, die er nach Austin mitgebracht hat. Der Rücken der Frau war in dem Ursprungsbild eine Klippenformation, sagt er. Zudem hatte Picasso die Frau wohl zunächst so gezeigt, dass ihr rechter Arm freiliegt. Doch dann entschied er sich anders und malte einfach ihren Mantel darüber. "Picasso muss lange an dem Arm rumgewerkelt haben", sagt Walton.

In einer weiteren Untersuchung haben die Forscher mit ähnlichen Methoden einige Skulpturen von Picasso analysiert. So konnten sie etwa herausfinden, aus welchen Metalllegierungen sie bestehen. Bisher war es bei einigen Stücken schwer zu sagen, woraus sie genau gemacht wurden, da sie bemalt waren.

Doch zur Zeit ihrer Entstehung war Picasso bereits endgültig nach Paris gezogen. Die Zeit des düsteren Blaus war vorbei. Nun revolutionierte der Spanier aus Málaga mit bunten Farben die Kunstwelt.

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insgesamt 3 Beiträge
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Ähhhh?? 17.02.2018
1. Was ist daran erstaunlich?
Es ist allgemein bekannt, dass Leinwände wieder verwendet wurden und werden - weil sie teuer sind. Es wäre eher ungewöhnlich, wenn man nichts finden würde.
BrunoGlas 18.02.2018
2. Lieber Herr Jörg Römer ....
angenommen, die Historiker würden, statt einem Picasso aus der Blauen Periode, einfach einem x-beliebigen Bild aus dem Volkshochschulkurs mit solchem Röntgeninfluencer auf den Leib rücken. Was wäre da der Unterschied? In der Kunstgeschichte sind tausende Bilder so übermalt, genauso wie es tausende Coverversionen von bekannten Musikstücken gibt. Außer, dass Sie eine Reihe bekannter Namen hier aufzählen, was ist der besondere kunsthistorische Aspekt der Untersuchungen, von denen Sie uns berichten. . Ich selbst wohne am Prenzlauer Berg in einer der typischen Berliner Altbauwohnungen, die auch unter Denkmalschutz steht. Dort sind z. B. unter neueren Putzschichten noch Textdokumente von alten Hausmeistern aus der DDR-Zeit zu sehen, ebenso farbige Urfragmente aus der Bauzeit um 1898 herum. Der ganze Innenhof zeigt noch die ursprüngliche rot-gelbe Ziegelsteinbemusterung aus dieser Zeit. All dies erzählt eine präzise chronologische Schichtung, die auch aus alter Zeit mit Bildern und Plänen zusätzlich dokumentiert ist. Jetzt wieder zurück zu Ihrem Artikel. Der Punkt ist nur, außer den klangvollen Namen, die man auch auslassen kann, ergibt sich bei Ihrer Story nicht wirklich ein relevanter historischer Gehalt. Was wollen Sie uns eigentlich mit Ihrem Bericht sagen? Geht es etwa um die neueren mobilen Röntgengeräte. Der andere Aspekt, dass etwa eine frühere Landschaftssilhouette in eine Figurenkomposition mit eingebaut wird, ist letztlich völlig kongruent in fast jeder künstlerischen Gestaltung zu finden - aus Alt wird Neu, das ist völlig normal.
GiniX 23.02.2018
3. Picasso übermalt gebrauchte Leinwand
Das Wort "versteckt" impliziert, Picasso habe bewußt da unter eines seiner blau-düsteren Werke eine geheime Botschaft versteckt, die es gilt wie bei einem Wimmelbild nun in vielen kleinen Details zu entschlüsseln. So ist es wohl eher nicht. Weniger reisserischer wäre gewesen: "Auch Picasso übermalte aus Armut gebrauchte Leinwand" Der Nimbus von der Genialität des Meisters leidet jedoch weniger unter dessen begrenzter pekuniäreren Lage, denn durch die Entdeckung, dass er an Details wie dem Arm offenbar lange herumgewerkelt habe, ehe er ihn dann lieber durch einen Mantel überdeckte. Offenbar auch nur ein Mensch.
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