Placebo-Effekt Scheinmedikamente aktivieren Endorphine

Lange Zeit galt er als eine Art umgekehrte Hypochondrie, eingebildete Gesundheit gewissermaßen: der Placebo-Effekt. Jetzt haben Forscher erstmals gezeigt, wie genau Scheinmedikamente Schmerz lindern.


Hirnscan: Körpereigene Schmerzmittel sichtbar gemacht
University of Illinois at Chicago

Hirnscan: Körpereigene Schmerzmittel sichtbar gemacht

Der Glaube und die Erwartung, ein schmerzlinderndes Mittel zu bekommen, animiert das Gehirn zur Produktion körpereigener Schmerzmittel, so genannter Endorphine. Diese setzen die Schmerzempfindlichkeit herab - auch dann, wenn gar kein zusätzlicher Wirkstoff verabreicht wird, berichten die Forscher um Jon-Kar Zubieta von der University of Michigan in Ann Arbour in der Fachzeitschrift "The Journal of Neuroscience" (Bd. 25, Nr. 34).

Erst während der vergangenen Jahre konnten Wissenschaftler nachweisen, dass die aus vielen Berichten bekannte Wirkung eigentlich wirkstofffreier Medikamente durchaus eine körperliche Ursache hat: Die Placebo-Medikamente - unter anderem Scheinschmerzmittel - aktivieren nämlich dieselben Gehirnregionen wie die echten Wirkstoffe. Was in den aktivierten Hirnarealen der Getäuschten tatsächlich abläuft, war bislang aber unklar.

Bereits in früheren Studien gab es jedoch Hinweise auf eine Beteiligung des so genannten Endorphinsystems: Als Reaktion auf Schmerzreize kann der Körper natürliche opiumähnliche Substanzen bilden, die an den Rezeptoren von Nervenzellen andocken und so die Weiterleitung des Schmerzreizes blockieren.

Direkter Blick auf die Endrophinausschüttung

Um diese These zu testen, erzeugten die Forscher bei den 14 gesunden Freiwilligen künstlich Schmerzen, indem sie ihnen eine Salzlösung in den Kiefermuskel spritzten. Nach einer gewissen Zeit erklärten die Wissenschaftler den Versuchspersonen, sie würden ein Schmerzmittel erhalten, verabreichten ihnen jedoch lediglich ein Scheinmedikament. Gleichzeitig scannten die Forscher die Gehirne der Testteilnehmer, wobei sie mit Hilfe einer speziell markierten Substanz direkt sehen konnten, ob und wo im Gehirn das Endorphinsystem der Probanden aktiv war.

Kurz vor und während der Placebo-Gabe erhöhte sich die Endorphinausschüttung in vier für die Wahrnehmung und Verarbeitung von Schmerzen zuständigen Gehirnregionen. Gleichzeitig empfanden die Probanden deutlich weniger Schmerz. Je höher die Aktivität des Endorphinsystems dabei war, desto ausgeprägter war auch die Schmerzlinderung. "Diese Ergebnisse sind ein weiterer gravierender Schlag für die These, dass der Placebo-Effekt ein rein psychologisches Phänomen ist", kommentiert Studienleiter Zubieta.

Wie ein Placebo dafür sorgt, dass Endorphine frei werden, ist aber weiterhin unklar: Ganz ohne die menschliche Psyche kommen die Modelle der Neurowissenschaftler auch weiterhin nicht aus. Denn wer nicht ans Scheinmedikament glaubt, bei dem wirkt es auch nicht.



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