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Politik und Glück: Linke sind unzufriedener als Rechte

Von André Anwar

Gehen Sozialisten weniger glücklich durchs Leben als andere? Ja, glauben Forscher, die Fragebögen Tausender Menschen aus 70 Ländern ausgewertet haben. Wie zufrieden man sich fühlt, ist demnach eine Frage der politischen Orientierung.

Deutschlands Sozialdemokraten haben schon länger keine Glücksmomente mehr erlebt. Die Umfragen sind schlecht, in der Regierung erntet in erster Linie die CDU die Lorbeeren, und ein wirklich charismatischer Kanzlerkandidat ist nicht in Sicht.

Die Bluesstimmung, in der sich manches SPD-Mitglied befindet, könnte jedoch kein Zufall sein, glauben Wissenschaftler nun, nachdem sie Daten von Tausenden Menschen aus 70 Ländern analysiert haben. Das subjektive Glücksgefühl des Individuums hängt demnach eindeutig mit der politischen Orientierung zusammen.

Die umfangreiche Untersuchung, die Christian Bjørnskov von der Aarhus School of Business in Dänemark gemeinsam mit zwei Kollegen angefertigt hat, zeigt: Je weiter links eine Person in ihrer politischen Einstellung steht, desto unglücklicher ist sie und umgekehrt.

Das Forscherteam nutzte für seine Studie Daten aus dem sogenannten World Value Survey, der Antworten von 90.000 Testpersonen auf 400 Fragen beinhaltet. In der Umfrage geht es unter anderem um die politische Haltung, das Vertrauen in andere Menschen, die Zufriedenheit mit dem eigenen Leben, das Verhältnis zu Religion und die Haltung zur Korruption.

"Dass Menschen im Durchschnitt unzufriedener und unglücklicher sind, je weiter links sie auf der politischen Skala stehen, könnte natürlich mit ihrem Einkommen und ihrem materiellen Wohlstand zu tun haben", sagte Bjørnskov im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Deshalb habe man diese materiellen Faktoren auch genau untersucht. Aber die Hypothese habe sich als falsch herausgestellt. "Unzufriedenheit scheint stattdessen sehr viel mit der Auffassung des Begriffes 'Fairness' zu tun zu haben", erklärte der dänische Leiter der Studie.

Ist das Geld gerecht verteilt?

Mit dem Begriff Fairness beschreiben die Glücksforscher die subjektive Betrachtung des Gesellschaftssystems. Hierbei spiele für das erlebte Glücksniveau auch das Gefühl eine Rolle, ob die vorhandenen Reichtümer einer Gesellschaft gerecht verteilt seien, so Bjørnskov.

Axel Dreher von der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) Zürich verwies allerdings auch auf sprachliche Probleme beim World Value Survey. Wenn Testteilnehmer angeben müssten, wie glücklich sie sich auf einer Skala von 1 bis 10 fühlten, dann seien die Antworten nicht unbedingt von Land zu Land vergleichbar, weil das Wort "glücklich" je nach Sprache leicht differierende Bedeutungen habe. Bei der Frage nach der persönlichen Zufriedenheit sei dieses sprachliche Problem weniger groß.

Die Studie zeige, dass Linke im Durchschnitt unzufriedener seien als Konservative und bestätige tatsächlich für alle 70 beteiligten Länder exakt die gleichen, uralten Stereotype des links- und rechtsgerichteten politischen Lagers, berichteten die Forscher kürzlich auf einer Konferenz der International Association for Research in Economical Psychology. Linke betrachteten Ungleichheiten bei Einkommen und Status als so problematisch, dass diese sie auch in ihrer privaten Sphäre unglücklich machen könnten.

Selbst wenn es einem sehr linksorientierten Menschen gesellschaftlich und materiell gut gehe, sehe er die großen Unterschiede zwischen Reichen und Armen als Indikator dafür an, dass etwas in der Gesellschaft, in der er lebe, falsch und unfair sei. Das wirke sich deutlich auf das persönliche Lebensglücksgefühl aus, schreiben die Forscher im Fachblatt "Social Choices and Welfare".

Frauen ticken links

Bürgerlich-konservativ orientierte Menschen hingegen sind eher der Auffassung, das Fleiß bei der Arbeit, Talent und angelernte Fähigkeiten belohnt werden, indem Personen, die diese Eigenschaften besitzen, reicher sind als andere. "In Ungleichheiten, welche Sozialisten abschaffen wollen, sehen rechtsorientierte Individuen den Beweis dafür, dass das gesellschaftliche System dynamisch und gerecht verläuft", sagte Bjørnskov.

Interessant sei, dass es beispielsweise in Dänemark, einem klassischen Wohlfahrtsstaat, im globalen Vergleich nur relativ geringe Unterschiede zwischen Reich und Arm gebe. "Dementsprechend ist auch die Spannbreite von Links nach Rechts auf dem dänischen Glücklichkeitsbarometer verhältnismäßig klein", sagte er. Aber die Unterschiede in der Auffassung von erlebtem Glück bei Linken und Rechten seien dennoch da - selbst in Dänemark. Daran gebe es keinen Zweifel.

Ein Nebenergebnis der Studie ist auch, dass Frauen in den 70 Ländern stärker auf Ungleichheiten in der Gesellschaft reagieren als Männer, also eher eine linksorientiertes Perspektive einnehmen, so Bjørnskov.

Auf die Frage, ob der Preis dafür, politisch links zu stehen, ein chronisches schlechtes Gefühl sei, antwortet Bjørnskov mit einer Gegenfrage: "Ist die Henne zuerst da oder das Ei?" Anders ausgedrückt: Folgt die subjektive Unzufriedenheit der linken Position oder ist sie ihre Ursache? Eine Frage, die die Forscher noch beantworten müssen.

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Anschauungsfrage: Unglückliche Linke - glückliche Rechte

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