Polonium-210 Der strahlende Killer

Alexander Litwinenko wurde mit Polonium-210 getötet. Die Substanz ist für den Menschen nur unter bestimmten Bedingungen gefährlich und äußerst schwierig zu beschaffen - da sie Experten zufolge nur in staatlichen Hightech-Labors produziert wird.


Polonium-210 ist hochradioaktiv, gibt aber lediglich Alphastrahlung ab - was äußerst selten ist für ein instabiles Isotop. Im Unterschied zur Gammastrahlung, die etwa bei der Explosion einer Kernwaffe frei wird, können Alphateilchen schon von einem Blatt Papier gestoppt werden und die menschliche Haut kaum durchdringen. Neben der Alpha- besteht auch die Betastrahlung aus Partikeln, während die Gammastrahlung - die dritte Form der Radioaktivität - eine elektromagnetische Strahlung wie etwa das Licht ist.

Polonium-210 ist deshalb relativ ungefährlich, solange es nicht in den Körper gelangt. Wird die Substanz aber geschluckt, inhaliert oder über eine Wunde aufgenommen, kann es zu schweren Schäden an den Organen kommen, da die Alphastrahlung nun lebendige Zellen angreifen kann und nicht in den toten Zellen der oberen Hautschichten hängenbleibt.

Einsatz in der Raumfahrt

Polonium-210 hat eine Halbwertzeit von etwas mehr als 138 Tagen. Beim Zerfall werden enorme Energiemengen frei: Schon ein Gramm gibt eine Leistung von 140 Watt ab und entwickelt Temperaturen von mehreren Hundert Grad Celsius, weshalb Polonium-210 unter anderem als Wärmeenergiequelle an Bord von Satelliten genutzt wurde.

Die Substanz kommt in winzigen Spuren überall in der Natur vor. Die Menge, die für einen Mordanschlag auf einen Menschen nötig wäre, kann nach Meinung von Experten allerdings nur in einem militärischen oder wissenschaftlichen Labor hergestellt werden. Ohne staatliche Hilfe, so die Aussage zahlreicher Fachleute in den vergangenen Tagen, sei das kaum denkbar - was den Verschwörungstheorien im Zusammenhang mit Litwinenkos Tod reichlich Nahrung gibt.

Nach Angaben der britischen Royal Society of Chemistry reicht schon ein Mikrogramm Polonium-210 - eine Menge, die in etwa einem Staubkorn entspreche - aus, um einen Menschen zu töten. Zudem werde die Substanz nur sehr langsam ausgeschieden: Sie verbleibe etwa einen Monat lang im menschlichen Körper und könne in dieser Zeit erheblichen Schaden an den inneren Organen anrichten.

Polonium tötete Forscherin

Zudem ist eine Kontaminierung mit Polonium-210 schwierig nachzuweisen. Selbst angesichts der hohen Dosis entdeckten die Londoner Ärzte erst wenige Stunden vor Litwinenkos Tod den Grund für dessen Erkrankung. Eine Theorie über den Anschlag besagt daher, dass die Mörder ihre Tat durchaus verschleiern wollten und sich lediglich in der Dosierung geirrt haben. Wäre Litwinenko erst nach Wochen behandelt worden, wäre das Polonium möglicherweise nicht mehr gefunden worden.

Dass Polonium-210 nicht nur schnell, sondern auch extrem langsam töten kann, wurde auf tragische Weise deutlich: Irène Joliot-Curie, die Tochter der berühmten Physikerin und Polonium-Entdeckerin Marie Curie, starb nach Angaben des Giftexperten John Emsley an Polonium-210. Die Substanz sei versehentlich in Curies Labor freigesetzt worden, doch Irène Joliot-Curie starb erst 1956 - rund ein Jahrzehnt nach dem Vorfall - an Leukämie.

mbe



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