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04. Februar 2005, 11:13 Uhr

Pompejis Bordell

Wo Liebe so billig war wie Brot

Von Karl-Wilhelm Weeber

In Pompeji steht das einzige zweifelsfrei identifizierbare Bordell der Antike. Das Haus, speziell für seinen Zweck gebaut, beweist: Die Prostitution war eine Normalität des römischen Alltags, eine Dienstleistung, die für Kleinstbeträge wie am Fließband verkauft wurde.

Erotisches Fresko im öffentlichen Bad von Pompeji: Erinnerung an das pralle Leben der Antike
REUTERS

Erotisches Fresko im öffentlichen Bad von Pompeji: Erinnerung an das pralle Leben der Antike

"Lustgewinn" überschrieb die "Süddeutsche Zeitung" im vergangenen Oktober einen Artikel im Feuilleton, der von einem pompejanischen Bordell handelte. Für die Ohren der professionellen Führer, die Tag für Tag Touristengruppen durch die Ausgrabungen Pompejis schleusen, eine bittere Überschrift - denn sie werden ein Jahr lang auf das Highlight ihrer Tour verzichten müssen. Der Höhepunkt im Bordell entfällt - das sogenannte Lupanar des Africanus ist wegen Restaurierungsarbeiten geschlossen. 400.000 Euro sind dafür veranschlagt.

Ein teures Vergnügen, mag mancher Skeptiker denken, zumal ganze Viertel der ausgegrabenen Vesuvstadt durch Wind, Wetter und Touristen dem Verfall ausgesetzt sind. Muss da ausgerechnet in ein Freudenhaus so viel investiert werden? Die zuständige Soprintendenza wird dem entgegenhalten können, dass das Haus einer der Stars in Pompejis Sightseeingprogramm ist. Es ist das einzige wirklich zweifelsfrei identifizierbare Bordell der Antike.

Vieles spricht dafür, dass es als solches von vornherein konzipiert war. Das Haus liegt an der Gabelung zweier Straßen und hat zwei für "Laufkundschaft" leicht erreichbare Eingänge. Vom Flur aus, lateinisch Atrium genannt, gehen fünf Zimmer ab, die unverkennbar Arbeitsplätze von Prostituierten waren. Die kleinen, fensterlosen Räume verfügten lediglich über eine gemauerte Liege. Sonstige Möbel passten nicht hinein. Das Obergeschoss hatte fünf weitere, ähnlich spartanisch eingerichtete Räume. Nur einer von ihnen hat ein Fenster. Unter dem Treppenaufgang befand sich eine Latrine.

Ein "Eros-Center", das in seiner architektonisch funktionalen Schlichtheit alles andere als einladend wirkt! Tatsächlich war dieses Freudenhaus von einem ausgesprochen freudlosen Ambiente geprägt. Kultivierte Freude jedenfalls konnten die engen, ungemütlichen, muffigen, von Kerzenrauch verrußten Kammern keineswegs verströmen.

Mit provinzieller Kargheit hatte der fehlende Ausstattungsluxus des Bordells jedoch nichts zu tun. Literarische Berichte über lupanaria in Rom - lupa, also Wölfin, war ein ziemlich deftiger Begriff für Prostituierte - bestätigen den archäologischen Befund aus Pompeji.

Der Satiriker Juvenal beschreibt in seinem fiktiven "Bericht" sehr realitätsnah die nächtlichen Eskapaden der "kaiserlichen Hure" Messalina (meretrix Augustana): wie die Gattin des Kaisers Claudius nach Einbruch der Dunkelheit vom Palatin in den Mief eines "schwülen Bordells" am Circus Maximus herabschleicht, wo ein stickiger, dämmriger Raum für sie als Arbeitsplatz reserviert ist. Stundenlang geht sie dort unter dem Fantasienamen Lycisca ihrem verschwiegenen Gewerbe nach, bis der Strom der Bordellbesucher versiegt und sie "hässlich, die Wangen geschwärzt und entstellt vom Rußen der Lampe" mit dem "üblen Geruch des Bordells auf der Haut" in den Kaiserpalast zurückkehrt.

Schein und Wirklichkeit

Juvenals drastische Darstellung und die Trostlosigkeit der Hurenkammern im Bordell des Africanus werfen ein Schlaglicht auf die miserablen Arbeitsbedingungen im römischen Bordellbetrieb. Die düsteren, übel riechenden Billigbordelle boten raschen Sex-Service im Zehnminutentakt. Abdruckstellen auf den steinernen Liegen zeigen, dass viele Besucher sich nicht einmal die Mühe machten, ihre Schuhe auszuziehen.

Fresko aus Pompeji: Liebe in bräunlichen Tönen
REUTERS

Fresko aus Pompeji: Liebe in bräunlichen Tönen

Lycisca nahm ihren Hurenlohn selbst in Empfang, bevor "sie die Stöße von vielen verschlang". In unserem pompejanischen Bordell mögen die Zahlungsmodalitäten auch so gewesen sein. Als Alternative käme aber auch eine Art Zentralkasse im Atrium in Frage, an welcher der Bordellwirt oder sein Manager saß. Die Gestaltung des Empfangsraums legt diese Variante nahe, denn im Unterschied zu den tristen cellae strahlte er durch die Fresken über jedem Eingang zu einer Prostituiertenkammer sogar einen gewissen Glanz aus.

Die Fresken zeigen in bräunlichen Tönen gehaltene erotische Szenen auf bequemen, mit weichen Decken üppig gepolsterten Liegen. Die cellae sind auf diesen Bildern von bunten Girlanden geschmückt und die "Damen" verbreiten eine Aura verführerischer Willigkeit, zu der verschiedene Liebesstellungen ebenso beitragen wie einladende laszive Gesten und Blicke.

Mit der Realität des Billigbordells hatten diese pornografischen Fantasien indes nichts zu tun. Aber sie waren sicher gut fürs Geschäft, weil sie den Kunden erotische Wonnen der Spitzenklasse in Aussicht stellten und Illusionen weckten, die die Kasse klingeln ließen. Spätestens wenn sich die Tür oder der Vorhang öffnete, das Schild occupata ("besetzt") abgenommen wurde und der Blick des Kunden in die düstere cella fiel, verflogen manche Illusionen.

Schäbige Wirklichkeit - sie erweist sich auch in nackten, nüchternen Zahlen. Durch Graffiti sind wir bestens über die Preise für sexuelle Dienstleistungen informiert. Der übliche Basispreis für einen Prostituiertenbesuch lag bei zwei Assen. Das entspricht dem Preis von zwei Laiben Brot oder einem halben Liter Wein gehobener Qualität. Manchmal war sogar noch Fellatio inklusive.

Großes Angebot, kleiner Preis: Warum Bordellbesuche selbst für Sklaven erschwinglich waren

Fresko aus Pompeji: Maximaltarife für die käufliche Liebe
REUTERS

Fresko aus Pompeji: Maximaltarife für die käufliche Liebe

Je nach Aussehen der Dirne oder nach Sonderwünschen und Umfang des Service erhöhte sich der Preis. Manche "Damen" verlangten vier oder acht Asse, Spitzenverdienerinnen wie eine gewisse Attice konnten 16 Asse, die wahrhaft "glückliche" Fortunata sogar 23 Asse durchsetzen. Selbst diese Höchstpreise waren günstig, setzt man sie in Beziehung zum Tageslohn eines Arbeiters. Der lag bei rund 16 Assen.

Solche Maximaltarife für die käufliche Liebe stellten aber absolute Ausnahmen dar. In 16 von 28 einschlägigen Tarifangaben werden lediglich zwei Asse genannt. Das war offenkundig der Standardpreis, zu dem sich die "Griechin Eutychis, von nettem Wesen" ebenso hingab wie die "nuckelnde Lahis".

Wie erklärt sich das außerordentlich niedrige Preisniveau der Prostitution in der römischen Welt - in Pompeji und anderswo? Zum einen war die Prostitution in der römischen Zivilisation geradezu allgegenwärtig. Sie diente als gesellschaftlich anerkanntes Ventil zum Schutz unverheirateter und verheirateter "ehrbarer" Frauen. Es galt nicht als besonders anstößig, beim Betreten oder Verlassen eines Bordells gesehen zu werden. Und den Verkehr mit einer Prostituierten wertete das Gesetz nicht als - ansonsten strafbaren - Ehebruch, weil sie als ehrlos galt.

Zum anderen stand ein schier unerschöpfliches Reservoir an Mädchen und Frauen zur Verfügung, die als Sklavinnen von ihren Herren zur Prostitution gezwungen werden konnten. Freigelassene Frauen, die nichts anderes gelernt hatten, blieben oftmals in dem ihnen vertrauten Rotlichtmilieu. Das Gros der Prostituierten rekrutierte sich aus diesen sozialen Schichten. Um sich ihren Lebensunterhalt zu verdienen, verkauften aber auch manche frei geborenen Frauen ihren Körper in Bordellen.

Die ehrlosen Orte

Der großen Nachfrage stand damit ein noch größeres Angebot gegenüber, und das drückte erheblich auf den Preis der Dienstleistung. Auch für Geringverdiener und selbst für Sklaven, die nur über ein bescheidenes Taschengeld verfügten, war der Besuch bei einer Prostituierten erschwinglich. Männer aus höheren sozialen Schichten stürzten sich schon einmal ins Nachtleben der kleinen Leute. In der Regel aber ließen sie sich von Edelprostituierten in ihren eigenen vier Wänden verwöhnen und mieden Bordelle und andere loci inhonesti, "ehrlose Orte".

Restauriertes Mosaik aus Pompeji: Angebot an Prostitution war größer als die Nachfrage
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Restauriertes Mosaik aus Pompeji: Angebot an Prostitution war größer als die Nachfrage

Zu denen gehörten auch Kneipen, Imbisslokale, Nachtbars und Absteigen. Alle im Gastronomiegewerbe Tätigen standen unter dem Generalverdacht der Förderung oder Ausübung der Prostitution. "Viele pflegen unter dem Vorwand, eine Schankwirtschaft zu betreiben, Frauen zu beschäftigen, die sich prostituieren", stellt der Rechtsgelehrte Domitius Ulpian (gest. 323 n. Chr.) lapidar fest. Viele ja, aber nicht alle, muss man fairerweise einschränken.

Für Archäologen und Historiker ein schwieriges Unterfangen: Wie lassen sich aus den mehreren Dutzend Gastronomiebetrieben Pompejis diejenigen herausfiltern, die Ulpian meint? Es sind im Wesentlichen zwei Indikatoren, die auf einen Bordellbetrieb schließen lassen. Einmal obszöne Wandmalereien, wie sie das Lupanar des Africanus schmücken. Die stimulierende Wirkung unmissverständlicher sexueller Motive machten sich auch manche Wirte zu Nutze.

Beredte Künstlernamen

Den zweiten Indikator liefern Graffiti, in denen Kunden die Mädchen, ihre Preise und "besondere Künste" vorstellen oder der Wand anvertrauen, dass sie wie etwa ein gewisser Scordopordonicus "hier prima" oder wie ein Anonymus "hier viele Mädchen gevögelt" haben. Wie sich allein im Bordell des Africanus rund 120 solcher "Themengraffiti" erhalten haben, so sprechen auch die Wände mancher Gaststätten von sexuellen Ausschweifungen.

Sie verraten uns, dass die meisten Prostituierten ansprechende Pseudonyme verwendeten. Sie nannten sich Optata, "die Erwünschte", Spes oder Helpis, "die Hoffnung", Fortunata, Felicia, Faustilla, "die Glückliche", oder auch Victoria oder griechisch Nica, "die Siegreiche". Manche ließen sich von ihren Verehrern als fellatrix, "Fellatio-Expertin", extaliosa, "die mit dem üppigen Hintern", pamhira, "die Trinkgierige", oder Callidrome, "die mit dem schönen Gang", preisen.

Bordellbesucher vor zweitausend Jahren hatten es jedenfalls deutlich leichter als moderne Archäologen, ihren Weg zu tatsächlich "unanständigen Lokalitäten" zu finden. Bei Tage stand oder saß manche Dirne in aufreizender Kleidung vor ihrer cella oder flanierte auffällig in stark frequentierten Anbahnungszonen wie Säulenhallen, Thermen und Theatern. Bordelle und Kneipen mit einschlägigem Angebot machten durch Werbeschilder auf sich aufmerksam. Die Darstellung eines Phallus mit der einladenden Beischrift hic habitat felicitas ("Hier wohnt das Glück") war als Logo eines Amüsierbetriebs kaum misszuverstehen.

Nachts hing vor manchem Etablissement eine Lampe, die eindeutig den Weg wies. Nicht mit rotem Licht, aber mit ihrer Form: Ein erigierter Phallus leuchtete standhaft zum nächtlichen Glück.

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