Pop-Idole Star-Kult macht kreischende Teenies zu Frauen

Die Zimmer von weiblichen Pop-Fans gleichen Wallfahrtsstätten: "Bravo"-Postern und Konzerttickets zieren die Wände, rosa Flausch-Herzen die Sofas. Eine Berliner Forscherin will nun feministische Züge im Star-Kult der Girlies gefunden haben.

Von Michael Pollack


Fans der Pop-Band No Angels: Letztes Hemd für eine Konzertkarte
DPA

Fans der Pop-Band No Angels: Letztes Hemd für eine Konzertkarte

Was acht- bis 13-jährige Mädchen nach der Schule so treiben, wirkt reichlich Star-fixiert: Träumen (vom Star), Reden (über den Star), Tanzen (wie der Star), Bilder tauschen (vom Star) und natürlich Plüschtierweitwerfen (vor die Füße des Stars).

Die Berliner Pädagogin Bettina Fritzsch gibt dem Zahnspangen-Diskurs nun eine überraschende Wendung. Folgt man den Thesen ihrer Dissertation, dann wirken die Boygroups wie ein Projekt engagierter Jugendarbeit: Die Schönlinge können Teenager vor der schiefen Bahn bewahren. Begeisterte Girlies nutzen ihr Fan-Dasein demnach vor allem zur Selbstfindung und Persönlichkeitsbildung: In der Mädchenclique proben sie den Ausbruch aus dem üblichen Rollenverhalten.

Fans sind nicht nur Opfer der Musikindustrie

Aber waren da nicht diese fiesen Musikmanager, die Boygroups mit perfider Berechnung zusammencasten, damit wirklich jedes Fangirl seinen Traumboy findet, ganz egal ob blond, frech, verträumt oder romantisch? Und geben die Mädels nicht ihr letztes Hemd, um an Konzertkarten und Star-Devotionalien zu kommen? Fans als Opfer der Unterhaltungsindustrie - das findet Fritzsch "zu stark verkürzt". Ihre Begründung: "Die Fans haben ja auch etwas davon."

Mädchen-Idol Britney Spears: "Homoerotische Phantasien"
REUTERS

Mädchen-Idol Britney Spears: "Homoerotische Phantasien"

Zum Beispiel eine Beziehung ohne Schwangerschaftsrisiko: Die verträumten Mädchen benutzen Boygroups laut Fritzsch vor allem als gefahrlosen Testlauf für ihre Liebesgefühle. "Sie erleben die intensiven Emotionen der ersten Liebe ohne die Risiken einer echten Beziehung", meint die Pädagogin.

Soziologen beurteilten die kreischende Menge bisher weniger gnädig. Ein "Kollektiv kollabierender Zahnspangenträger" nennt etwa Thomas Lau die Fans im "Kursbuch Jugendkultur" von 1997. Der Medienforscher Klaus Janke fragt sich in einem Artikel, warum es immer nur die jungen Mädchen sind, "die sich bei Popkonzerten die Höschen nass machen".

Die Terra incognita der Teenie-Kultur

In der Jugendforschung gilt die rosa Plüschwelt der Teenies als weitgehend weißer Fleck. In einer der wenigen Studien diagnostizierte die Göttinger Sozialpädagogin Silke Schürmann 1997 bei von ihr interviewten Teenies ein klassisches Rollenverhalten. Sie bestätigte so das Bild vom braven, sich dem Schicksal fügenden Geschöpf: Erst höre es auf sein Idol, später auf den Mann.

Backstreet Boys: "Weiche Typen mit hohen Stimmen"
DPA

Backstreet Boys: "Weiche Typen mit hohen Stimmen"

Fritzsch aber vermutet, dass Girliebands für Mädchen eine noch wichtigere Rolle spielen als ihre nicht allzu männlichen Kollegen. Bands wie die Spice Girls oder No Angels repräsentieren demnach verschiedene, stets kraftvolle Frauentypen - ideal für Rollenspiele und zur Identifikation. Beim Einstudieren der Bühnenchoreographie ihrer Idole - eine beliebte Tätigkeit in der Clique - trete auch ein schüchternes Mädchen die Fußstapfen eines selbstbewussten Spice Girls und finde vielleicht Geschmack daran. Schimmert es etwa lila hinter der rosa Plüschwelt?

Identifikation weckt "homoerotische Phantasien"

Ganz nebenbei bieten die Frauenbands die dringend benötigte Orientierung in Stilfragen: "Die Mädchen wandeln ständig auf dem Grat zwischen zu bieder und zu schlampig", erklärt Fritzsch. Da helfen die Frisuren und Klamotten der Stars: Die sind über jeden Zweifel erhaben. Die Pädagogin vermutet gar, dass durch die innige Identifizierung mit den Stars "bei einigen Mädchen auch homoerotische Phantasien geweckt" werden.

Pop-Band No Angels: Wegweiser auf der Suche nach mehr Selbstbewusstsein?
DPA

Pop-Band No Angels: Wegweiser auf der Suche nach mehr Selbstbewusstsein?

Und wenn man ganz ehrlich ist, lässt Fritzsch durchblicken, seien auch Boygroup-Mitglieder nichts anderes als Mädchen in Jungenklamotten. Bei den "sehr weichen Typen mit sehr hohen Stimmen" entdeckt Fritzsche eine "feminisierte Männlichkeit". Sie findet auch dafür eine passende Erklärung: "Die Weiblichkeit der Jungs macht es den Mädchen leichter, sich mit ihnen zu identifizieren." Nach dem Motto: Die sind ja gar nicht viel anders als meine Freundin.

Das krisensichere Geschäft des Boygroup-Erfinders

Lou Pearlman, Gründer diverser Retortenbands wie den Backstreet Boys und 'NSync, darf sich über den unerwarteten Ritterschlag für sein Geschäftsmodell freuen. Er bevorzugt aber weiterhin Jungencombos, weil die "profitabler sind als Girlgroups", wie er in einem Interview mit der Promigazette "Gala" bekannte. "Weibliche Fans sind bereit, mehr Geld für ihre Stars auszugeben."

Künftig muss er sein Tun nicht mehr mit dem schnöden Mammon allein rechtfertigen. Er gibt Millionen Minderjährigen hilfreichen Liebesunterricht. Über seine Zukunft macht sich Pearlman ohnehin keine Sorgen. "Boybands wird es so lange geben, wie Gott kleine Mädchen macht. Ein krisensicheres Geschäft."



© SPIEGEL ONLINE 2003
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.