Von Simone Müller
Die Deutschen versuchten - jetzt stärker aus strategischen als aus wirtschaftlichen Erwägungen -, eine Kabelverbindung nach Nordamerika herzustellen und dabei britisches Gebiet zu umgehen. Aber erst um die Jahrhundertwende gelang es der Deutsch-Atlantischen Telegraphengesellschaft und den Norddeutschen Seekabelwerken, zwei Kabel nach New York in Betrieb zu nehmen.
Paradoxerweise war Porthcurno gerade wegen seiner geografischen Lage schon früh ins Zentrum der telegrafischen Kommunikation des britischen Empire gerückt: Die Abgeschiedenheit der Bucht, unbehelligt von Strömungen und Schiffen, war ein Standortvorteil. Physisch konnten Datenströme so weit wie möglich von Meeres- und Verkehrsströmen entkoppelt werden. 1870 fand erstmals ein Seekabel seinen Ankerpunkt in Porthcurno und etablierte die Verbindung zwischen Großbritannien und Indien. Es sollte nicht das letzte sein.
Im frühen 20. Jahrhundert landeten bereits 14 Kabel in der Bucht von Porthcurno an und verbanden den kleinen Ort, in dem es außer der Telegrafenstation nur die Häuser einiger einheimischer Fischer gab, mit den wirtschaftlichen und politischen Zentren des europäischen Kontinents, Asiens, Afrikas, Nord- und Südamerikas. Eine Informationsflut ergoss sich unter dem Sandstrand: Börsenmitteilungen, Rohstoffpreise, politische Informationen, Wetter- und Schiffsberichte, damals wie heute von größter Bedeutung für Händler. Der entlegene Ort beherbergte die wichtigste Telegrafenstation des gesamten britischen Weltreichs, zumal hier auch die "Telegraph Boys" für den globalen Einsatz im Dienste von Empire und Krone ausgebildet wurden.
1902 spielte sich in Porthcurno unbemerkt vom Rest der Welt ein regelrechter Krimi ab. Es ging um Betriebsspionage. Guglielmo Marconi hatte sich mit seinen Instrumenten für einen Versuch der drahtlosen Telegrafie in Poldhu, einer Anhöhe nur eine halbe Meile westlich von Porthcurno, eingerichtet. Im Winter 1901 war es ihm erstmals gelungen, eine Funkverbindung über den Atlantik nach Neufundland herzustellen - ein technischer Durchbruch.
Aufgrund der Befürchtung, der Funk könnte die Seekabel überflüssig machen, war man in Porthcurno außerordentlich an Marconis Fortschritten interessiert. Man installierte einen Abhörapparat, der bis zu Beginn des Ersten Weltkriegs in Betrieb blieb. Dann wurde er aus Sicherheitsgründen beschlagnahmt. Heute existiert davon nur noch ein unscheinbarer Holzpfahl auf dem Felsen oberhalb der Bucht - ein stummer Zeuge des Wettlaufs zwischen Kabel und Funk. Ironie der Geschichte: Bis heute hat man in Porthcurno keinen Handyempfang.
Nachrichtenhoheit als Machtinstrument
Porthcurno war immer auch ein Ort militärischen Interesses, denn Nachrichtenhoheit ist ein Machtinstrument. Aus Angst vor einer Invasion der Deutschen wurden 1941 innerhalb von zehn Monaten zwei Tunnel in den Felsen gehauen und die gesamte Telegrafenstation unter Tage verlegt. Am malerischen Strand bemerkt man bei genauem Hinsehen noch heute die Überreste dieser groß angelegten Aktion. Und sie hatte Erfolg: Die Telegrafenstation blieb im Krieg unbehelligt. 1970, nach genau 100 Jahren, endete Porthcurnos Geschichte als Telegrafenstation. Der Morseapparat war überholt, Glasfaserkabel ersetzten die alten Seekabel. Nur die Telegrafenschule blieb bis 1993 bestehen.
Heute beherbergen die Tunnel Teile des Telegrafenmuseums. Am Eingang hält noch immer ein britischer Soldat Wache. Für viele Besucher erweist er sich erst bei näherem Hinsehen als eine Puppe. Das Museum erinnert an die bewegte Geschichte des unscheinbaren Ortes im Westen Cornwalls. Es ist ein wahrer Pilgerort für Kommunikationshistoriker.
Die alten Geräte finden im Porthcurno Telegraph Museum zu neuem Leben, repariert und instandgehalten von den "Telegraph Boys" von damals. Direkt neben dem Lesesaal des Archivs befindet sich die Werkstatt, ein kleiner Raum, in der eine eingeschworene Gemeinschaft aus Hobbytüftlern und pensionierten Telegrafisten liebevoll die alten Geräte repariert und sie vor den Augen von Besuchern zum Leben erweckt. Innerhalb von Sekunden wird da ein Telegramm von Porthcurno an ein fiktives Kapstadt am anderen Endes des Raumes verschickt. Die Senioren - allesamt 75 Jahre und älter - beweisen ihre geistige Agilität, wenn sie ein Gewirr aus Punkten und Strichen verlesen wie andere eine Zeitungsmeldung. In unmittelbarer Nähe verlaufen die Glasfaserkabel, durchzuckt von Datenfluten, codiert als Lichtblitze, Nullen und Einsen.
Die Befürchtung, Marconi und seine Funktechnik würden den Untergang der Seetelegrafie herbeiführen, sollten sich letztendlich nicht bewahrheiten. Unternehmerisch fusionierten Anfang des 20. Jahrhunderts beide Technologien zu Cable and Wireless. Und auch heute noch, im Zeitalter von Internet und Satellitentechnik, hat sich an den Routen der Seekabel wie auch an ihrer Bedeutung für die globale Kommunikation wenig verändert. Noch immer verlaufen sie 6400 Kilometer entlang einer natürlichen Trasse über den Grund des Atlantiks, dem sogenannten Telegraph Plateau.
Die Geschichte der Verkabelung der Welt ist noch nicht abgeschlossen. Erst 2009 wurde erneut ein Kabel um die Welt verlegt, diesmal von der arabischen Halbinsel nach Ostafrika. Im Juli 2009 wurden fünf Staaten gleichzeitig angeschlossen, die bislang größtenteils auf teure Satellitenverbindungen angewiesen waren: Kenia, Tansania, Mosambik, Uganda und Südafrika. Tansanias Präsident Jakaya Kikwete verglich die Verlegung des Kabels mit dem Beginn einer neuen Ära im Telekommunikationsbereich: "Wir haben Geschichte geschrieben!" Fast 150 Jahre zuvor hatte Queen Victoria ganz ähnliche Worte gefunden.
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