Posse um US-Forscher Showdown mit schwulen Schafböcken

Grundlagenforschung ist selten sexy und leidet meist unter Desinteresse. Einem US-Forscher, der sich homosexuellen Schafen widmet, erging es ganz anders: Schwul, Hormone, Tierversuch - diese Stichworte genügten, um ihn zum Ziel einer bizarren Kampagne zu machen.


Nicht jeder Schafbock steht auf eine Aue. Das ist ganz natürlich. Rund acht bis zehn Prozent der männlichen Schafe ziehen das eigene Geschlecht vor, sagen Experten. Nur wieso? Was unterscheidet die homo- von den heterosexuellen?

Dieser Frage verschrieb sich der Medizinwissenschaftler Charles Roselli. Er experimentiert mit Schafen, um das Rätsel zu lösen - und hat nun mit Hass-Mails, öffentlichen Schmähungen und unerfreulicher Prominenz in der Welt der Weblogs zu kämpfen.

Vor einem halben Jahr fing alles an. Die Tierschutzorganisation Peta erhob gegen Roselli den Vorwurf, er betreibe "unethische hormonverändernde Experimente an schwulen Schafen". Er gebe Millionen Steuerdollars aus, um Böcke zu töten und ihre Gehirne aufzuschneiden. Im November schrieb Martina Navratilova, ehemalige Tennisspielerin und offen lebende Lesbe, einen Brief an Rosellis obersten Chef, den Präsidenten der Oregon Health and Science University. Rosellis "homophobe und grausame Experimente" könnten nur als Versuch verstanden werden, "eine vorgeburtliche Behandlung zu entwickeln, um verschiedene sexuelle Zustände zu behandeln", behauptete Navratilova.

Der Vorwurf der Kritiker, zugespitzt formuliert: Roselli macht grausige Experimente, um einen Schalter zum Schwulsein zu finden.

Sofort brach Protest los. Tierschützer und Gleichberechtigungsaktivisten deckten Rosellis Universität mit E-Mails ein. "Ich hoffe, Sie brennen in der Hölle", stand in einer - in einer anderen: "Sie sind ein wertloser Tiermörder und sollten erschossen werden." Die "New York Times" berichtet von 20.000 Zusendungen.

Peta begründet seinen Protest unter anderem mit einer Mitteilung der Forscher 2004 in der Fachzeitschrift "Endocrine". In ihr geht es um Unterschiede in der Hirnstruktur von homo- und heterosexuellen Schafen. Roselli wird darin mit der Aussage zitiert, seine Forschung könne "weiterführende Implikationen" haben, "um Entwicklung und Kontrolle der sexuellen Motivation und Partnerwahl auch bei anderen Säugetieren zu verstehen, Menschen eingeschlossen".

"Etwas unterstellt, was man definitiv nicht tut"

Jim Newman, Pressesprecher der Oregon Health and Science University, sagt dagegen der "New York Times", das Wort "Kontrolle" in diesem Text sei wissenschaftlich zu verstehen: Es gehe um mehr Verständnis der Kontrollfunktionen des Körpers - keineswegs um eine Kontrolle der sexuellen Ausrichtung. "Es ist entmutigend, dass Peta ein Wort herauspicken kann, es zuspitzt oder die Bedeutung verdreht, um einem etwas zu unterstellen, was man definitiv nicht tut." Roselli nennt alles ein Missverständnis: Er betreibe nur Forschung zu physiologischen Grundlagen der sexuellen Orientierung. Der Gedanke an sexuelle Eugenik bei Menschen stoße ihn so ab wie seine Kritiker.

Viel Lärm um nichts? Die Londoner Zeitung "Sunday Times" sah es anders. Sie ließ die Aufregung über Roselli an Silvester endgültig eskalieren. Sie druckte einen Artikel mit der Überschrift "Science told: hands off gay sheep" - "Wissenschaft soll die Finger von schwulen Schafen lassen". Die Autoren Isabel Oakeshott und Chris Gourlay schreiben von "Experimenten, die beanspruchen, homosexuelle Böcke 'zu kurieren'".

In dem Artikel fand sich die Kritik von Tierrechtlern, Rosellis Versuche seien "ein nutzloses Abschlachten von Tieren, ein Affront gegenüber der menschlichen Würde und eine kolossale Verschwendung von Forschungsgeldern". Auch Navratilova fand Platz für ihre Vorwürfe: Sie kritisierte, dass die Experimente homosexuelle Menschen "zutiefst kränken", und verteidigte das Recht der Schafböcke auf ihr Schwulsein.

"Schalter zum Schwulsein umgelegt" - oder auch nicht

Der Artikel fand vor allem in britischen und australischen Medien ein großes Echo. In Internet-Weblogs kam es zu Schmähungen und Fehldeutungen: "Forschern ist es gelungen, den Schalter zum Schwulsein bei erwachsenen Böcken umzulegen" - so fasste zum Beispiel der prominente konservative US-Blogger Andrew Sullivan den Text der "Sunday Times" zusammen.

Wer heute in Sullivans Blog "The Daily Dish" die Schaf-Geschichte nachliest, findet dort inzwischen auch eine Antwort von Universitäts-Pressesprecher Newman: "Wenngleich Ihr Beitrag viel überlegter war als der Artikel in der 'Sunday Times', basiert er auf einem Text voller Fehler. Die Quelle vieler dieser Unwahrheiten ist Peta." Auch Sullivan selbst ist nun einsichtig. Er befindet nun, "dass wir solche Forschung nicht fürchten dürfen, sondern unterstützen sollten". Was Peta betreffe, so verteidige zwar auch er Tierrechte - unterstütze aber nicht Petas Taktiken der Öffentlichkeitsarbeit.

Forscher Roselli und Pressesprecher Newman kontaktierten nicht nur Sullivan, sondern auch viele Mailschreiber und andere prominente Blogger. Letztere baten sie um Richtigstellung der Fakten. Nie sei es bei der Forschung darum gegangen, die sexuelle Ausrichtung zu ändern. Die Experimente seien von den National Institutes of Health (NIH) gefördert und von einem Gutachtergremium genehmigt worden. Diese Erklärung lag schon den "Sunday Times"-Reportern Oakeshott und Gourlay vor.

Falschaussagen über Injektionen ins Gehirn

Roselli bekam im Kampf gegen deren Artikel Hilfe von einem Blogger namens emptypockets. Er hatte schon im vergangenen Jahr auf Falschaussagen in der Peta-Kampagne hingewiesen. Am 4. Januar veröffentlichte er im Weblog Dailykos einen ausführlichen Beitrag mit dem Titel: "Ein Wolf in schwulen Schafspelz: Verfälschungen bei der Londoner Times". emptypockets, selbst Wissenschaftler, will anonym bleiben - um seiner Karriere nicht zu schaden, sagte er der "New York Times". Das ändert aber nichts daran, dass er den Artikel der "Sunday Times" akribisch auseinandernimmt. Roselli habe keine faire Chance zur Darstellung seiner Sichtweise bekommen. Schlicht erfunden seien Aussagen über Injektionen ins Hirn der Schafe - und über Elektroden, die ebenfalls ins Hirn eingepflanzt würden.

Die Forscher hätten außerdem bei keiner Fachzeitschrift eine neue Publikation zur Begutachtung eingereicht - das hatte die Zeitung behauptet. Darüber hinaus habe die aktuellste wissenschaftliche Veröffentlichung der Forscher, ein Aufsatz für "Endocrine" aus dem Sommer, ausgerechnet eine Misserfolgsmeldung enthalten: Veränderte vorgeburtliche Hormonspiegel (um die es in den Experimenten ging) hätten keinen Einfluss auf die sexuelle Orientierung erwachsener Böcke gehabt. Kurz: Eigentlich war 2006 für Roselli vor allem deshalb ein schwarzes Jahr, weil er mit seiner Forschung nicht vorankam.

"Ein Lehrbuchbeispiel der Entstellung und Beschimpfung"

Die Frage ist: Hätte er, wenn er erfolgreicher gewesen wäre, seine Erkenntnisse auf den Menschen übertragen wollen? Der "New York Times" sagte Roselli, es sei etwas ganz anderes, über mögliche Implikationen für den Menschen zu reden (wie in der umstrittenen Mitteilung von 2004), als die ganze Forschungsarbeit wirklich auf den Menschen übertragen zu wollen. Im Übrigen gehörten solche Formulierungen wie 2004 einfach in Förderanträge von Grundlagenforschern - eine Art Bewilligungs-Hilfsrhetorik. "Man zwingt uns dazu, Verbindungen in einer Art herzustellen, die unsere Forschung rechtfertigt."

Bleibt der Vorwurf, dass Roselli mit Tieren experimentiert. Er gibt zu, dass bei seinen Untersuchungen Schafe getötet werden, um ihre Gehirne zu untersuchen. Doch er befolge die Richtlinien zur Tierhaltung, er wolle unnötiges Leiden vermeiden. "Warum sollte man auf einem Burschen herumhacken, der vielleicht 18 Schafe im Jahr tötet, wenn in diesem Land vier Millionen für Nahrung und Kleidung getötet werden?", fragt Roselli.

Die "New York Times" nennt die Geschichte von Roselli und den schwulen Schafen kurz und knapp "ein Lehrbuchbeispiel der Entstellung und Beschimpfung" - die entstehen könne, wenn Wissenschaft in den globalen Nachrichtenkreislauf gerate.

stx

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