PR-Probleme von Umweltverbänden: Sex & Crime für den Klimaschutz

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Die Treibhausgasmenge in der Luft steigt und steigt - das öffentliche Interesse am Klimawandel aber sinkt, trotz der Uno-Tagung in Cancún. Nun wollen Umweltschützer mit neuen Kampagnen gegensteuern: Explodierende Kinder, ein Messias und Sex sollen Interesse wecken.

PR-Strategien: Mit Sex gegen die Klimakatastrophe Fotos
AP

Ein großes Thema verschwindet: In Mexiko verhandelt die Weltgemeinschaft einen neuen Klimaschutzvertrag, doch die öffentliche Anteilnahme hält sich in Grenzen. Was für ein Unterschied zur Uno-Klimakonferenz in Kopenhagen im Dezember 2009, die schon Wochen im Voraus zu einem historischen Ereignis erklärt wurde und dann spektakulär scheiterte. Unmittelbar zuvor hatte der Diebstahl von E-Mails an der University of East Anglia den Ruf der Klimaforschung beschädigt.

Seitdem sorgen sich Umweltschützer und Wissenschaftler über den massiven Verlust an öffentlichem Interesse, den das Thema Klimawandel in den vergangenen zwölf Monaten erlebte. Neue Strategien sollen das Blatt nun wenden. Gesucht wird eine sogenannte "Gedankenbombe" ("Mind Bomb") - hoch emotionale Bilder, die ein komplexes Problem auf eine Kernbotschaft reduzieren.

Manche Ökoverbände setzen auf den Schreckeffekt. In einem Werbefilm für die Kampagne des Umweltvereins 10:10 sprengt eine Lehrerin zwei ihrer Schüler in die Luft, die sich gegenüber Klimaschutz skeptisch zeigten. Blutfontänen bespritzen die anderen Schüler. Das Gleiche geschieht in den 10:10-Videos mit widerspenstigen Büroarbeitern und Fußballspielern. Doch die Filme gerieten zu Rohrkrepierern: Sie lösten heftige Proteste aus.

Erfolgreich hingegen war ein Kampagnenfilm von Greenpeace gegen die Firma Nestlé. Darin entpuppte sich ein Schokoladenriegel als blutender Gorillafinger. Greenpeace wollte den Film als Sinnbild für die Regenwaldrodung verstanden wissen, bei der Palmöl für die Schokoladenherstellung gewonnen wird und der Lebensraum von Menschenaffen verloren geht. Nachdem das Video großes Aufsehen erregt hatte, versprach Nestlé, keine Produkte mehr zu verwenden, die dem Regenwald schaden.

Solche Filme brachten kurzzeitig Aufmerksamkeit - doch den medialen Abstieg des Klimathemas konnten sie nicht stoppen. Das bestätigt Sebastian Metzger von der Organisation CO2-Online, die regelmäßig mit einem "Klima-Barometer" die öffentliche Aufmerksamkeit am Thema misst.

"Laaaaaaaangweilig"

Der Abwärtstrend sei deutlich spürbar, bestätigen Klimaforscher: Früher hätte das Telefon bei extremem Wetter nicht stillgestanden, erinnert sich Hans Joachim Schellnhuber, Direktor am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung. Jetzt rufe kaum noch jemand an. Klima sei ein "Verliererthema" geworden, erzählte eine "Tagesspiegel"-Redakteurin in der ARD-Sendung "Panorama". "War da was mit Klima?", fragt die "FAZ" anlässlich der Uno-Konferenz in Cancún.

Journalisten diskutieren, ob sich das Thema Klima überhaupt für die Medien eignet: Klimaforschung sei schlicht "laaaaaaaangweilig, wahrscheinlich das langweiligste Thema, das die Wissenschaft je zu bieten hatte", zitiert die "New York Times" einen Autor von Wissenschaftsfilmen. Das Kommunikationsproblem sei zwar lösbar, aber nur mit dem richtigen Zugang zum Publikum - wer findet ihn?

Greenpeace scheint weit davon entfernt. Zwar verzeichnet die Organisation Rekordspenden, aber nur ein Prozent der Deutschen brächte Greenpeace mit Klimaschutz in Zusammenhang, klagt ein Experte des Umweltvereins. Das Thema sei schwierig zu vermitteln. Eine neue Kampagne solle endlich "Otto Normalverbraucher erreichen".

Verkorkste Strategie

Doch den interessiert der Klimawandel offenbar weniger als angenommen. Das legt eine Umfrage unter 13.000 Menschen in 18 Ländern nahe, die von der Deutschen Welle im Juni auf dem Global Media Forum in Bonn präsentiert wurde. Demnach zeigte sich beispielsweise nur jeder dritte Niederländer über den Klimawandel besorgt - dabei gilt das Land aufgrund des anschwellenden Meeresspiegels als besonders gefährdet.

Das britische Wissenschaftsmagazin "Nature" hat zwei Ursachen für den Vertrauensverlust ausgemacht: Die vor rund einem Jahr bekannt gewordenen Fehler im Uno-Klimareport von 2007 und die sogenannte "Climategate"-Affäre um geklaute E-Mails von Klimaforschern. Die Mails offenbarten Grabenkriege unter Wissenschaftlern, die dazu führten, dass Daten zurückgehalten und die eigenen Ergebnisse rücksichtslos verteidigt wurden.

Der Kommunikationsforscher Martin Ludwig Hofmann von der Hochschule Ostwestfalen-Lippe meint, die Affären hätten viel Kredit gekostet: "Die bisherige Kommunikationsstrategie der Klimaaktivisten setzte vor allem auf die Glaubwürdigkeit der Wissenschaftler", sagt Hofmann. Der Imageschaden sei größer als der für den Konzern BP durch die Ölpest im Golf von Mexiko, diagnostizierte die britische "Times".

SPIEGEL ONLINE zeigt, mit welchen Ideen Umweltaktivisten und Wissenschaftler das Thema Klimawandel wieder attraktiv machen wollen.

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insgesamt 92 Beiträge
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1. arbeitsplätze
smerfs 08.12.2010
alle wissen das es ihn nicht gibt, den durch menschliche einflüsse verursachten klimawandel aber man kann jetzt nicht einfach den kurs wechsel denn es geht um arbeitsplätze und zig milliarden euros!
2. Verantwortung der Eltern
P.H. 08.12.2010
die Eltern dieser Gesellschaft kann ich nur aufrufen: Tut was oder ihr verratet eure Kinder! Verlangt ein den demographischen Gegebenheiten angepaßtes Wahlrecht (Stimmen für Kinder) und wählt eine Partei, die sich Klimaschutz zum Ziel gesetzt hat. Mit Kippen des Klimas - steigt die Kriegsgefahr und damit auch die nukleare Bedrohung - drohen Umweltkatastrophen ungekannter Arten und Ausmaße (auch hier) - werden die Funktionsfähigkeiten der Volkswirtschaften nachhaltig bedroht - werden alle Werte unserer Gesellschaft in Frage gestellt Wenn man diese Dramatik nicht einsieht, wird die Generation der Neugeborenen all diesen Risiken ausgesetzt.
3. !
Family Man 08.12.2010
Oder wie es Ted Turner in Cancun vorschlug, CO2-Reduzierung und Bevölkerungskontrolle folgendermaßen zu verbinden; Die Armen dieser Welt sollen ihre "Fruchtbarkeitsrechte" gegen Sterilisation verkaufen können, daß heißt wer sich freiwillig sterilisieren lässt kriegt eine einmalige Auszahlung. Weniger Leute - weniger CO2. Ted Turner selber hat 5 Kinder.
4. Umweltschädlinge Umweltverbände
founder 08.12.2010
Zitat von sysopDie Treibhausgas-Menge in der*Luft steigt und steigt - das öffentliche Interesse am Klimawandel aber sinkt, trotz der Uno-Tagung in Cancun.*Nun wollen Umweltschützer mit neuen Kampagnen gegensteuern: Explodierende Kinder,*ein Messias und Sex sollen*Interesse wecken. http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,703313,00.html
Wo könnte Deutschland heute sein, wenn diese sogenannten "Umweltverbände" 1990 mal gedacht hätten und sich der EUROSOLAR angeschlossen hätten * elektrische Mobilität * Strom aus erneuerbarer Energie Hier meine Vermutungen 1994 hätte Simson mit seinen ersten Elektroroller den Aufstieg zu einem weltweit führenden Hersteller für Elektroroller (http://politik.pege.org/2009-gleiches-recht/simson-sr-50-gamma-e.htm) geschafft 1995 hätte VW und Mercedes hoch erfreut auf die Vorstellung der ersten Lithium Akkus von einer deutschen Forschungsfirma reagiert und mit Hochdruck Elektoautos entwickelt. Die deutsche Firma GAIA wäre heute das, was BYD ist. Es gäbe kein Kooperationsabkommen von Mercedes und VW mit BYD, wozu, man hat doch die führende Firma in Deutschland. Doch so mußte ich in meinen Nachruf auf Dr. Hermann Scheer schreiben: Doch ein altes Sprichwort sagt, gegen Dummheit kämpfen selbst die Götter vergebens. Dr. Hermann Scheer war ein großartiger Kämpfer gegen die Dummheit (http://politik.pege.org/2010-d/nachruf-hermann-scheer.htm). Und mit der Dummheit sind ganz besonders die sogenannten "Umweltverbände" mit deren Kampf gegen das Elektroauto gemeint (http://auto.pege.org/2010-anti/)
5. Hier könnte ein Titel stehen
shokaku 08.12.2010
Geil. Neusprech die Zweite. Nach politisch korrekter Realitätsverweigerung jetzt ein "Nationaler Kommunikationsvertrag" zu Klimafragen. Draussen ist es also nicht mehr kalt, sondern nur noch weniger warm.
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Der lange Weg zum Klimaschutz
1988
Das Umweltprogramm der Vereinten Nationen (Unep) und die Weltorganisation für Meteorologie (WMO) gründen den Weltklimarat (IPCC). Der IPCC selbst betreibt keine Wissenschaft, er sammelt stattdessen Daten zum Klimawandel und entwickelt Strategien zur Anpassung. Das Gremium hat bisher vier sogenannte Sachstandsberichte verfasst, der nächste ist für 2014 geplant. Der IPCC ist nicht direkt in das Klimasystem der Uno eingebunden, liefert aber den wissenschaftlichen Hintergrund für die Verhandlungen.
1992
Auf der Konferenz der Vereinten Nationen über Umwelt und Entwicklung in Rio vereinbaren die Staaten, den Ausstoß der Treibhausgase so zu begrenzen, dass "sich die Ökosysteme auf natürliche Weise den Klimaänderungen anpassen können" und "die Nahrungsmittelerzeugung nicht bedroht wird". Nach Meinung vieler Forscher kann dieses Ziel erreicht werden, wenn die globale Temperatur nicht stärker als zwei Grad Celsius über den Wert vor der Industrialisierung im 19. Jahrhundert steigt. Eines der Ergebnisse des Gipfels von Rio sind die Unterschriften fast aller Staaten unter die Klimarahmenkonvention (UNFCCC), die zuvor in New York ausgehandelt worden war.
1994
Die Klimarahmenkonvention tritt in Kraft. Rund 190 Staaten haben sie mittlerweile ratifiziert, die USA ist auch dabei.
1997
Das Kyoto-Protokoll wird auf einem Gipfel in der japanischen Stadt verabschiedet. Es gilt als erster konkreter Schritt, um die Ziele der Klimarahmenkonvention umzusetzen. Die Industriestaaten verpflichten sich, den Ausstoß der wichtigsten Treibhausgase bis 2012 im Schnitt um mindestens fünf Prozent im Vergleich zu 1990 zu senken. Die Entwicklungsländer erhalten keine Auflagen. Inzwischen haben mehr als 180 Staaten Kyoto ratifiziert - nicht jedoch die USA.
2005
Das Kyoto-Protokoll tritt in Kraft, nachdem zuvor auch Russland den Vertrag gebilligt hat und so die Zahl der nötigen Ratifikationen erreicht ist. Das Abkommen läuft 2012 aus. Um seinen Nachfolger geht es beim Klimagipfel in Kopenhagen.
2007
Der Klimagipfel auf der indonesischen Insel Bali vereinbart einen Fahrplan für ein Nachfolgeabkommen zum Kyoto-Protokoll. Dieser Fahrplan sieht vor, die Verhandlungen innerhalb von zwei Jahren zu beenden - bis zur Klimakonferenz in Kopenhagen. Gelungen ist das allerdings nicht, auch nach Kopenhagen werden die internationalen Gespräche weitergehen müssen.
2009
Auf dem Klimagipfel in Kopenhagen wollen sich die Staaten auf ein bindendes politisches Abkommen einigen. Erstmals sind nicht nur die Umweltminister, sondern auch die Staats- und Regierungschefs direkt an den Verhandlungen beteiligt. Doch anstatt die ungeheuren Erwartungen zu erfüllen, endet der Gipfel in einem Desaster: Am Ende des zweiwöchigen Ringens steht ein Mini-Kompromiss, der kaum Konkretes enthält und für den globalen Klimaschutz einen herben Rückschlag bedeutet.