Prägende Erfahrung Stress in der Kindheit verändert das Gehirn

Stress kurz nach der Geburt kann dauerhaft das Gehirn verändern. Forscher fanden in Experimenten mit Ratten heraus, dass die Gehirnregion, die für das Lernen und die Regulation von Angst zuständig ist, überempfindlich wird und auch im Erwachsenenalter unter Dauerstress steht.


Gestresste Ratte: Stress in der Kindheit verhindert Nervenbildung im Hippocampus
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Gestresste Ratte: Stress in der Kindheit verhindert Nervenbildung im Hippocampus

Was mit Ratten geschieht, wenn sie kurz nach der Geburt von ihren Müttern getrennt werden, ist bereits bekannt: Sie sind ängstlicher und lernen schlechter als andere Artgenossen. Bislang war jedoch nicht bekannt, welche Veränderungen im Gehirn der Tiere für dieses Verhalten verantwortlich sind. Ein US-Forscherteam um Elizabeth Gould von der Princeton University hat nun den Hippocampus als Verursacher der Verhaltensänderung lokalisiert.

Die Forscher untersuchten den Hippocampus von erwachsenen Ratten, die während ihrer ersten beiden Lebenswochen täglich längere Zeit von ihren Müttern getrennt worden waren, und verglichen die Daten mit denen von normal aufgezogenen Ratten. Das Ergebnis: Im Hippocampus der gestressten Nager bildeten sich deutlich weniger neue Nervenzellen, schreiben Gould und ihre Kollegen in der Fachzeitschrift "Nature Neuroscience" (Online-Vorabveröffentlichung).

Die verminderte Nerven-Neubildung findet normalerweise nur dann statt, wenn eine gefährliche Situation einen starken Anstieg der Stresshormone im Blut auslöst. Die "Waisenkinder" stehen dagegen unter Dauerstress: Bei ihnen reicht die natürliche, geringe Menge an Stresshormonen, die immer im Blut vorhanden ist, um die Nerven-Neubildung zu verhindern. Anscheinend, so die Wissenschaftler, reagieren die Nervenzellen übersensibel auf die Stresshormone. Als sie nämlich die Hormonmenge künstlich verringerten, bildeten sich genauso viele neue Nervenzellen wie bei den Vergleichstieren.

Die Wissenschaftler vermuten, dass Menschen ähnlich auf Stress in der Kindheit reagieren. So hätten beispielsweise Frauen, die als Kind missbraucht wurden, häufig einen verkleinerten Hippocampus. Dies könne auf eine verminderte Nervenzellbildung zurückzuführen sein.



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