Prähistorische Medizin: Schon Steinzeitmenschen drohte der Bohrer
Zahnärzte haben ihre Patienten schon in der Steinzeit mit Bohrern traktiert. Forscher haben jetzt 9000 Jahre alte Zähne gefunden, die noch zu Lebzeiten ihrer Besitzer mit präzisem Werkzeug repariert wurden.
Das bedrohliche Surren von modernen Bohrern mussten die Steinzeitmenschen zwar nicht ertragen. Dafür dürfen die Schreie bei der Zahnbehandlung aber umso lauter gewesen sein.
Ein französisches Forscherteam hat jetzt bei Ausgrabungen im pakistanischen Mehrgarh 9000 Jahre alte, mit Feuersteinspitzen behandelte Zähne gefunden. Die Funde aus dem jungsteinzeitlichen Gräberfeld in der Provinz Belutschistan sind damit die ältesten ihrer Art: Bisher waren nur Fälle nachgewiesen worden, die jünger als 6000 Jahre sind.
Die elf Zahnkronen zeigten erstaunlich fein gearbeitete Bohrlöcher, berichten Roberto Macchiarelli von der Universität von Poitiers in Frankreich und seine Kollegen in der Fachzeitschrift "Nature" (Bd. 440, S. 755). Die Art der steinzeitlichen Zahnbehandlung sei in der Gegend um den Fundort etwa 1500 Jahre lang praktiziert worden und dann allmählich verschwunden.
Als die Forscher die bis zu 3,5 Millimeter tiefen Löcher mit Licht- und Elektronenmikroskopen untersuchten, entdeckten sie konzentrische Rillen auf den Zahnoberflächen, die eindeutig auf ein Bohrgerät zurückzuführen seien. In mindestens einem Fall seien die Wände eines Bohrlochs zudem mit weiteren Werkzeugen behandelt worden.
Behandlung am lebenden Subjekt
Alle bearbeiteten Zahnoberflächen haben sich nach der Behandlung wieder durch Kauen abgenutzt und geglättet, so die Wissenschaftler. Das zeige, dass die Steinzeit-Dentisten die Eingriffe an lebenden Personen vorgenommen hätten. Vermutlich wurde für die steinzeitlichen Zahnbehandlungen ein Steinbohrer verwendet: Bohrköpfe aus Feuerstein wurden in Mehrgarh schon häufiger gefunden - meist zwischen Perlen aus Knochen, Speckstein, Türkis oder Lapislazuli.
Die Techniken, die Kunsthandwerker ursprünglich zur Perlenproduktion entwickelt hatten, könnten also auch bei Zahnbehandlungen erfolgreich eingesetzt worden sein, erklären die Forscher. Wahrscheinlich wurde ein kleiner Bogen benutzt, um die Feuersteinspitze des Bohrers in den Zahn zu treiben. Ein Nachbau des Feuerstein-Bohrers zeigte im Experiment eine erstaunliche Effizienz: Die Wissenschaftler benötigten nach eigenen Angaben weniger als eine Minute, um ähnliche Löcher zu bohren.
Warum die Zahnbehandlungen vorgenommen wurden, ist allerdings unklar. Vier der untersuchten Zähne zeigten rund um das Bohrloch Zeichen von Karies, was darauf hindeutet, dass der Eingriff einen therapeutischen Zweck hatte. Zahnfüllungen waren nach der langen Zeit zwar nicht mehr nachweisbar, können aber nicht ausgeschlossen werden.
Dass die Menschen der Jungsteinzeit nur ihr Lächeln verschönern wollten, schließen die Forscher allerdings aus: Es wurden nur weit hinten im Kiefer sitzende Backenzähne angebohrt. "In jedem Fall muss das sehr schmerzhaft für den Patienten gewesen sein", sagte Macchiarelli.
ded/AP/ddp
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