Präimplantationsdiagnostik: Wissenschaftsakademien für Gentests an Embryos

Im Reagenzglas gezeugte Embryos sollen vor dem Einpflanzen in den Mutterleib auf Erbkrankheiten untersucht werden können - das fordern nun auch Wissenschaftsakademien. Sie haben ihre Unterstützung der Präimplantationsdiagnostik in einem Schreiben begründet.

Aufnahmen von Embryos: Der Bundestag muss eine Regelung für die PID finden Zur Großansicht
DPA

Aufnahmen von Embryos: Der Bundestag muss eine Regelung für die PID finden

In der ethisch heiklen Frage der Gentests an Embryonen treffen im Bundestag gegensätzliche Auffassungen aufeinander. Jetzt haben 13 renommierte Wissenschaftler, darunter die Nobelpreisträgerin Christiane Nüsslein-Volhard sowie Humangenetiker, Medizinrechtler und Reproduktionsmediziner im Auftrag zweier deutscher Wissenschaftsakademien eine Stellungnahme zur Präimplantationsdiagnostik (PID) ausgearbeitet.

In dem Papier, das am Dienstag in Berlin vorgestellt wurde, sprechen sich die Forscher für eine kontrollierte Zulassung des Verfahrens aus. Vor der anstehenden Entscheidung erhalten die Befürworter also nun Unterstützung von der Wissenschaft.

Im Reagenzglas gezeugte Embryos sollen nach Ansicht der Wissenschaftler vor dem Einpflanzen in den Mutterleib auf Erbkrankheiten untersucht werden können. Nach ihrer Auffassung könnten durch die PID spätere Schwangerschaftsabbrüche von Embryonen, die durch erhebliche Krankheiten schwer geschädigt sind, vermieden werden.

"Es geht hier darum, eine Gewissensentscheidung der Frau zu ermöglichen", erklärte Hans-Peter Zenner, Leiter der Arbeitsgruppe, die die Stellungnahme verfasst hat. Sie sei von der Schwangerschaft direkt betroffen, habe nach der Geburt die Verantwortung für das Kind und entscheide auch über den Transfer des Embryos in ihre Gebärmutter. Die Akademien sehen danach "keine Notwendigkeit des Staates, diese Gewissensentscheidung durch ein Gesetz zu verbieten".

Eine Zulassung der PID sollten nach Ansicht der Wissenschaftler jedoch nur unter bestimmten begrenzten Voraussetzungen geschehen. Die Untersuchung sollte demnach den Embryo nicht schädigen, so dass er ausgetragen werden kann. Auch sollte die Untersuchung nur bei Paaren durchgeführt werden, für die medizinisch tatsächlich ein hohes Risiko besteht, dass ihre Kinder an einer erblich bedingten schweren Krankheit leiden werden wie etwa an einer schweren Muskelschwäche.

Zentral sei auch, dass eine Sachverständigen-Stelle die Richtlinien zur Durchführung der PID erlässt. Jeder Einzelfall müsse auf Antrag hin befürwortet oder abgelehnt werden. Die Untersuchung selbst dürfe nur in wenigen Einrichtungen und nach umfassender Beratung der Eltern durchgeführt werden.

Der von PID-Gegnern befürchtete Dammbruch hin zu "Designer-Babys" sei nicht zu erwarten. Der Embryologe Henning Beier sagte, nach einer Zulassung der umstrittenen Methode dürfte der heutige PID-Tourismus versiegen. "Allein in einem belgischen Zentrum werden jährlich 100 PID-Untersuchungen von deutschen Paaren verlangt."

Im Embryonenschutzgesetz von 1990 wurde die Präimplantationsdiagnostik noch nicht ausdrücklich geregelt und galt daher als strafbar. Mit einem Urteil vom vergangenen Juli erlaubte der Bundesgerichtshof (BGH) allerdings die Auswahl künstlich befruchteter Eizellen bei Paaren mit einer Veranlagung zu schweren Genschäden. Deswegen steht nun eine gesetzliche Regelung an.

Auf politischer Ebene ist die PID allerdings heftig umstritten. Die Befürworter im Bundestag hatten im Dezember einen fraktionsübergreifenden Gesetzentwurf für eine begrenzte Zulassung des Verfahrens vorgelegt. Dem gegenüber steht ein parteiübergreifender Gesetzentwurf für ein striktes PID-Verbot, auf den sich eine andere Parlamentariergruppe verständigt hatte. Das Parlament soll - ohne Fraktionszwang - im Frühsommer abstimmen.

cib/AFP/dpa

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 564 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Ethisch heikle Frage?
readme74 18.01.2011
Die Frage hat ihre ethischen Implikationen, das ist richtig. Eine legale PID darf es nur in einem engen Rahmen geben, und zwar einzig und allein um befruchtete Eizellen nicht zu verwenden, die offensichtlich schwer mißgebildet sind oder nicht lebensfähig wären. Darüber gibt es aber doch auch garkeine Meinungsverschiedenheiten in der medizinischen Fachwelt. Das heikle daran ist dieser Tage aber mehr, aus welcher Ecke die Ablehnung der PID kommt. Das sind fast ausschließlich religiöse Institutionen und hiermit eng verbandelte "Lebensschützer", die ihren nichts mit Wissenschaft zu tun habenden Aberglauben in die Diskussion einbringen wollen um sich selbst ins Gespräch zu bringen. Allen voran die katholische Kirche und ihr verlängerter Arm, der konservative Flügel der CDU. Bei letzterer hört man inzwischen, unter demonstrativer Nichtachtung der generell unter Reproduktionsmedizinern und Gynäkologen nicht angezweifelten Tatsache daß menschliches Leben mit dem Einnisten in die Gebärmutter beginnt, folgenden Satz: "...Für uns (sic!) beginnt menschliches Leben mit der Befruchtung". Wenn man hier wirklich etwas für die Diskussion und für eine angemessene gesetzliche Lösungsfindung tun will, dann müssen als allererstes Kleriker herausgehalten werden. Denn ganz offensichtlich scheren die sich nicht um Wissenschaft, sondern nur um ihren abergläubischen Mummenschanz. Und die CDU täte gut daran, das Thema nicht politisch zu mißbrauchen um in religiös-fundamentalistischen Kreisen auf Stimmenfang zu gehen. Was auch ein Schlag ins Gesicht der wirklich Betroffenen ist - von werdenden Eltern, die auf künstliche Befruchtung etc. angewiesen sind und die sich sorgen ob ihr Kind gesund sein wird. Wozu ja z.B. katholische Würdenträger wegen des Zölibats ohnehin nie gehören werden.
2. von Klerikern unterwandert
Antje Technau 18.01.2011
Zitat von readme74Die Frage hat ihre ethischen Implikationen, das ist richtig. Eine legale PID darf es nur in einem engen Rahmen geben, und zwar einzig und allein um befruchtete Eizellen nicht zu verwenden, die offensichtlich schwer mißgebildet sind oder nicht lebensfähig wären. Darüber gibt es aber doch auch garkeine Meinungsverschiedenheiten in der medizinischen Fachwelt. Das heikle daran ist dieser Tage aber mehr, aus welcher Ecke die Ablehnung der PID kommt. Das sind fast ausschließlich religiöse Institutionen und hiermit eng verbandelte "Lebensschützer", die ihren nichts mit Wissenschaft zu tun habenden Aberglauben in die Diskussion einbringen wollen um sich selbst ins Gespräch zu bringen. Allen voran die katholische Kirche und ihr verlängerter Arm, der konservative Flügel der CDU. Bei letzterer hört man inzwischen, unter demonstrativer Nichtachtung der generell unter Reproduktionsmedizinern und Gynäkologen nicht angezweifelten Tatsache daß menschliches Leben mit dem Einnisten in die Gebärmutter beginnt, folgenden Satz: "...Für uns (sic!) beginnt menschliches Leben mit der Befruchtung". Wenn man hier wirklich etwas für die Diskussion und für eine angemessene gesetzliche Lösungsfindung tun will, dann müssen als allererstes Kleriker herausgehalten werden. Denn ganz offensichtlich scheren die sich nicht um Wissenschaft, sondern nur um ihren abergläubischen Mummenschanz. Und die CDU täte gut daran, das Thema nicht politisch zu mißbrauchen um in religiös-fundamentalistischen Kreisen auf Stimmenfang zu gehen. Was auch ein Schlag ins Gesicht der wirklich Betroffenen ist - von werdenden Eltern, die auf künstliche Befruchtung etc. angewiesen sind und die sich sorgen ob ihr Kind gesund sein wird. Wozu ja z.B. katholische Würdenträger wegen des Zölibats ohnehin nie gehören werden.
Leider sitzen katholische und evangelische Theologen kraft deutscher Gesetze in allen deutschen Ethik-Kommissionen und im Deutschen Ethikrat, der unsere Politiker vor der Verabschiedung von Gesetzen zu Lebensfragen in Ethikfragen berät.
3. Link
Antje Technau 18.01.2011
Zitat von sysopIm Reagenzglas gezeugte Embryos sollen nach Ansicht*von Wissenschaftlern vor dem Einpflanzen in den Mutterleib auf Erbkrankheiten untersucht werden können. Befürworter der Präimplantationsdiagnostik bekommen nun Unterstützung von Wissenschaftsakademien. http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,740195,00.html
Link zu den Empfehlungen der Akademie der Wissenschaften: http://www.leopoldina.org/de/politik/empfehlungen-und-stellungnahmen/nationale-empfehlungen/praeimplantationsdiagnostik-pid.html Eine der ethisch klaren Konfliktlösungen wäre der Verzicht betroffener Paare auf ein eigenes Kind, wie er zum Beispiel von Religionsgemeinschaften sehr wohl begründet und mit hohem Gewicht eingefordert werden darf. Die "Religionsgemeinschaften" würden sich nie erdreisten, den Verzicht auf ein eigenes Kind von Behinderten einfordern. Aber bei gesunden potentiellen Eltern, die nur leider Träger einer Erbkrankheit sind, darf man sich so etwas erlauben.
4. hab ich nie verstanden...
readme74 18.01.2011
Zitat von Antje TechnauLeider sitzen katholische und evangelische Theologen kraft deutscher Gesetze in allen deutschen Ethik-Kommissionen und im Deutschen Ethikrat, der unsere Politiker vor der Verabschiedung von Gesetzen zu Lebensfragen in Ethikfragen berät.
Und das ist überhaupt die abscheulichste Anmaßung bei alledem. Es mag ja noch irgendwie angehen wenn man solche Ansichten hat und die für sich behält und danach lebt, noch sind wir ja ein freies Land... aber diese Ideologien Leuten aufzudrücken die im Grunde ganz anders denken... Aber ich als Atheist hab ja Religionen eh noch nie verstanden, geschweige denn für voll genommen. Ich würde es nur als grenzenlose Frechheit empfinden, für den Fall daß ich die PID einmal brauchen sollte, wenn mir jemand auf solchem Wege seine religiösen Ansichten aufzwängen würde, die ich überhaupt nicht im geringsten teile. Ja sind wir denn hier in einem Gottesstaat oder was? Aber "christlich-jüdische Leitkultur" hat ja Hochkonjunktur. Alles Heuchler.
5. unverständlich: kein Aneuploidie-Screening
Antje Technau 18.01.2011
Unverständlich ist allerdings die Empfehlung der Leopoldina, nur das Screening auf bei den Eltern bereits bestehende, schwere Erbkrankheiten zulassen zu wollen, nicht aber das Screening auf neu entstandene Erbkrankheiten: Empfehlung der Leopoldina: "Die PID darf nicht .. für Untersuchungen auf neu entstandene, also nicht erbliche Chromosomenstörungen (Aneuploidie-Screening) verwendet werden." Die Aneuploidie ist eine Genommutation (numerische Chromosomenaberration), bei der einzelne Chromosomen zusätzlich zum üblichen Chromosomensatz vorhanden sind oder fehlen. (http://de.wikipedia.org/wiki/Aneuploidie) Dabei sind gerade die überzähligen Chromosomen oder fehlenden Chromosomen im Karyogramm besonders leicht zu erkennen. Da die Leopoldina ausserdem argumentiert "Durch die gesetzliche Zulassung einer Auswahlentscheidung der Frau im Rahmen einer begrenzten PID-Zulassung sollen eine sog. „Schwangerschaft auf Probe“ sowie ein späterer Schwangerschaftsabbruch vermieden werden." widerspricht sie sich hier selbst. Denn Chromosomenaberrationen wie Trisomie 21 (Down's Syndrome) sind gerade einer der Gründe, warum sich manche Frauen für einen Abbruch entscheiden. Durch das Verbot des Aneuploidie-Screenings würden manche Frauen doch wieder zu einer "Schwangerschaft auf Probe" gezwungen.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Wissenschaft
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Mensch
RSS
alles zum Thema PID
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 564 Kommentare
Präimplantationsdiagnostik (PID)
Worum geht es?
Bei dem Verfahren werden einem im Reagenzglas entstandenen Embryo ein bis zwei Zellen entnommen. Es geht darum, deren Erbgut zu untersuchen. Ziel ist es, unter anderem Krankheiten aufzudecken, die auf zu viele oder zu wenige Chromosomen zurückgehen. Beim Down-Syndrom ist beispielsweise das Chromosom 21 dreimal vorhanden. Möglich sind auch Untersuchungen auf einzelne veränderte Gene, die beispielsweise für Muskelschwund, Lungen- und Stoffwechselkrankheiten oder die Bluterkrankheit verantwortlich sind.
Verfahren 1: Diagnose im Blastomerenstadium
Bei dieser am häufigsten angewendeten Untersuchung werden dem Embryo am dritten Tag nach der Befruchtung im Reagenzglas ein oder zwei Zellen zur Untersuchung entnommen. Der Embryo befindet sich zu diesem Zeitpunkt im sogenannten Blastomerenstadium. Das heißt, seine vier bis acht Zellen gelten als totipotent - jede einzelne könnte sich in der Gebärmutter noch zu einem vollständigen Organismus entwickeln. Totipotente Zellen sind nach dem deutschen Embryonenschutzgesetz einem Embryo gleichgestellt.
Verfahren 2: Diagnose im Blastozystenstadium
Auch zu einem späteren Zeitpunkt ist im Prinzip noch eine PID möglich, zum Beispiel im sogenannten Blastozystenstadium. Dann besteht der Embryo aus etwa 50-200 Zellen. Die Zellen der sogenannten inneren Zellenmasse gelten als pluripotent, das heißt aus ihnen können sich noch verschiedene Gewebe entwickeln. Die Diagnose im Blastozystenstadium hatte der Berliner Arzt angewendet, dessen Fall vor dem BGH verhandelt wurde.
Alternative: Polkörperdiagnostik
Bei diesem Verfahren wird nur die Eizelle untersucht - und zwar vor Abschluss der Befruchtung. Im Blick stehen die Polkörper, die beim Reifen der Eizelle entstehen. Sie enthalten einen Satz des mütterlichen Erbgutes. Damit lassen sich zumindest die mütterlichen Erbanlagen der Eizelle indirekt auf Chromosomen-Fehlverteilungen überprüfen. Väterliche Vorerkrankungen können so hingegen nicht untersucht werden. Weil bei dieser Methode kein Embryo manipuliert wird, steht sie nicht im Widerspruch zum Embryonenschutzgesetz.