Prävention von Sexualverbrechen Mediziner weiten Therapien für Pädophile aus

Sie begehren Kinder - und könnten eine Straftat begehen: In Deutschland gibt es rund 220.000 Pädophile. Ein Projekt in Berlin hat gezeigt, dass viele betroffene Männer Hilfe wollen. Jetzt bietet auch Schleswig-Holstein eine Therapie an, Sachsen und Bayern wollen folgen.

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Kiel - Pädophilie ist nicht heilbar - darin sind sich Wissenschaftler einig. Doch eine gezielte Psychotherapie könnte Menschen mit dieser sexuellen Präferenzstörung davon abhalten, Kinder zu missbrauchen. Mit diesem Ziel hatten Sexualtherapeuten an der Berliner Charité vor vier Jahren ihr Projekt "Kein Täter werden" begonnen, bei dem sich inzwischen über tausend Pädophile gemeldet haben. Seit kurzem bietet nun auch die Universitätsklinik in Kiel als erste regionale Anlaufstelle in Deutschland das Präventionsprogramm an.

"Die Ergebnisse in Berlin haben so deutlich gezeigt, wie viel Bedarf es gibt", sagt Sexualmediziner Hartmut Bosinski, der die Initiative in Kiel leitet, "und dass wir unbedingt regional mit Therapieangeboten beginnen müssen." Im Juli 2008 hatte Klaus Beier, Leiter des Instituts für Sexualwissenschaft und Sexualmedizin an der Charité, Zwischenergebnisse vorgelegt: 33 Teilnehmer hatten die Therapie zu diesem Zeitpunkt abgeschlossen. Nach Einschätzung der Wissenschaftler hatte die Opferempathie bei den Pädophilen deutlich zugenommen, während sie gelernt hatten, die eigene Sexualität und die Signale ihrer Umwelt besser zu deuten.

Das Projekt geht das schwierige Problem damit erstmals von anderer Seite an: Zuvor blieb häufig nur die Möglichkeit, ein Kind nach einem sexuellen Übergriff so gut wie möglich zu betreuen - doch viele bleiben mit ihrem Problem ein Leben lang allein. Oft entwickeln die Betroffenen Angststörungen, Depressionen oder Identitätsprobleme. Eine Vergewaltigung hinterlässt tiefe Narben - nur ein Schutz der potentiellen Opfer könnte das ganz vermeiden.

Neben Bemühungen, Kinder präventiv mit pädagogischen Mittel klar zu machen, dass von manchen Menschen eine Gefahr ausgeht, sollen Pädophile mit dem Projekt von ihren Taten abgehalten werden. "Tätertherapie ist Opferschutz", sagt Bosinski. "Wir wollen die Männer erreichen, bevor sie sich an Kindern vergehen." Wer in Kiel oder Berlin um Hilfe bittet, bleibt anonym. Zudem ist der Therapeut an die ärztliche Schweigepflicht gebunden und die Gespräche mit den Pädophilen bleiben vertraulich.

Konsum von Kinderpornografie und Vergewaltigung

Das Problem ist groß: Nach Schätzungen der Berliner Experten leben in Deutschland bis zu 220.000 Menschen mit pädophilen Neigungen verschiedenen Ausmaßes. Das kann vom Konsum von Kinderpornografie über vermeintlich gewaltlose sexuelle Kontakte mit Kindern bis hin zur Vergewaltigung reichen. Jedes Jahr wird durchschnittlich 15.000-mal Anzeige wegen sexuellen Missbrauchs von Kindern erstattet - im Dunkelfeld ereignen sich nach Angabe der Berliner Therapeuten schätzungsweise 60.000 Übergriffe.

"Pädophile gibt es in allen sozialen Schichten. Das reicht vom Hilfsarbeiter bis zum Politiker", sagt Bosinski. Längst nicht alle wollen zwar eine Therapie, doch schon wenn ein Teil der Straftaten vermieden werden könnte, hätte sich die Arbeit mehr als gelohnt, finden die Therapeuten. Noch bis vor vier Jahren gab es kaum Anlaufstellen für sie. "Pädophile finden in Deutschland praktisch keine ambulante Behandlung", sagte Christoph Ahlers, Psychologe am Berliner Institut für Sexualwissenschaft und Sexualmedizin damals im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Psychotherapeuten lehnten es aus Angst vor den Reaktionen der Umwelt meist ab, Betroffene zu behandeln. Dabei litten diese oft unter seelischen Nöten: "Wer hierher kommt, hat einen großen Leidensdruck. Offiziell glaubt uns kaum jemand, dass es diese Personen gibt, obwohl sie uns auch von anderen Kliniken überwiesen werden", so Ahlers.

Die über tausend Hilfesuchenden bestätigen, wie groß der Bedarf ist. "Die Hälfte aller Männer, die Interesse an dem Projekt hatten, ist mehr als hundert Kilometer in die Hauptstadt gereist", sagt Bosinski, der im wissenschaftlichen Beirat des Berliner Projektes sitzt, im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Wir gehen davon aus, dass es in Schleswig-Holstein zwischen 2500 und 7800 Männer mit pädophiler Neigung gibt."

Schon Ende 2007 hatte sich Bundesjustizministerin Brigitte Zypries (SPD) für eine Ausweitung der Initiative ausgesprochen: "Ich habe die Kolleginnen und Kollegen aus den Bundesländern angeschrieben und dafür geworben, bei diesem Projekt mitzumachen", so Zypries bei einer Bundestagsrede am 29.11.2007. Sie sprach auch den Männern ihre "Hochachtung" aus, sich einer solchen Behandlung zu unterziehen. Zypries: "Es ist keine einfache Entscheidung, zu solchen Neigungen zu stehen."

"Jeder therapierte Mann bedeutet mehr Kinderschutz"

Bei einer Therapie soll den Männern vermittelt werden: "Du bist nicht schuld an deiner Neigung, aber du bist verantwortlich, was daraus wird." Eine Behandlung erstreckt sich über 45 Wochen und beinhaltet mitunter den Einsatz von Medikamenten, um den Sexualtrieb zu hemmen, vor allem aber psychotherapeutische Einzelsitzungen und Gruppentherapien. "Ziel der Behandlung ist es, dass die Männer lernen, ihre Neigung zu kontrollieren, Risikosituationen zu vermeiden, sich in ihre Opfer einzufühlen und beschönigende Umdeutungen zu überwinden. Das dies gelingen kann, zeigt ein Zitat eines Teilnehmers: "Ich habe gelernt, dass ich es bin, der Sex will und dass das nur mit mir zu tun hat."

Für die Therapie müssen die Betroffenen nichts bezahlen, derzeit fördert die Regierung von Schleswig-Holstein das Projekt mit 80.000 Euro pro Jahr. Auch das gesamte Präventionsprojekt "Dunkelfeld" wird kräftig unterstützt: Die Bundesregierung zahlt nach Angaben der Agentur Scholz & Friends, die vor vier Jahren die Plakatkampagne "Kein-Täter-werden" für das Berliner Projekt gestaltete, von 2008 bis 2010 jährlich 250.000 Euro. Die Volkswagenstiftung unterstützte die Initiative im Rahmen des Fördersegments "Offen - für Außergewöhnliches" anfangs mit 520.000 Euro und hat 2008 erneut 213.000 Euro bewilligt.

"Das Projekt ist eine wirklich gute Chance, um an Täter heranzukommen, die sich sonst im Dunkelfeld bewegen", sagt Barbara Schäfer-Wiegand, Vorsitzende der deutschlandweit aktiven Kinderschutzstiftung Hänsel und Gretel, die das Projekt inhaltlich begleitet. Die ehemalige baden-württembergische Sozialministerin setzt sich derzeit für eine Umsetzung des Projekts im Südwesten ein. Ähnliche Pläne laufen auch in Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen und Bayern.

Im Gegensatz zur Berliner Initiative ist das Kieler Projekt jedoch bislang weitgehend unbekannt. "Wir suchen derzeit intensiv nach Kooperationspartnern für die Plakatkampagne, um die Menschen in ganz Schleswig-Holstein aufmerksam zu machen", sagt Bosinski. Bislang haben sich sieben Männer gemeldet, mit dreien wurde ein Termin vereinbart. Der Sexualmediziner meint: "Jeder therapierte Mann ist ein Beitrag zum Schutz der Kinder."

Mit Material von dpa



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