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Präzisionswunder Mensch: Hochleistungswerfer Homo sapiens

Die Zeit ist knapp: Hier der Ball, da das Tor - das Runde muss ins Eckige. Das Gehirn von Tieren ist allein mit der Wurf-Planung schlicht überfordert. Nur Menschen gelingt der gezielte Wurf. Experten glauben daher: Werfen machte die Menschen-Evolution erfolgreich.

Leinfelden - Der Kiesel am Seeufer ist rund und hat die perfekte Größe. Er verführt regelrecht dazu, ihn aufzuheben und ins Wasser zu werfen. Einem solchen Szenario kann kaum jemand widerstehen - ohne sich dabei allerdings klarzumachen, dass er eine Fähigkeit trainiert, die einzigartig für den Menschen ist. Möglicherweise war diese Fähigkeit sogar ein entscheidender Faktor, der aus der menschlichen Evolution eine Erfolgsgeschichte machte.

Drei Millisekunden für den gezielten Wurf: Der Flensburger Profi-Handballer Frank von Behren
DPA

Drei Millisekunden für den gezielten Wurf: Der Flensburger Profi-Handballer Frank von Behren

Ein gezielter Wurf sei nämlich alles andere als simpel, berichtet das Magazin "Bild der Wissenschaft" in seiner August-Ausgabe. Dahinter steckt eine derartig komplexe Planung, dass die Gehirne der meisten Tiere damit schlicht überfordert sind. Zwar werfen auch Menschenaffen - etwa mit Ästen, Steinen oder anderen Gegenständen, wenn sie auf eine feindliche Gruppe treffen -, doch sie benutzen meist beide Hände und schleudern ihre Geschosse lediglich grob in die Richtung des vermeintlichen Angreifers. "Den einhändigen Präzisionswurf beherrscht ausschließlich der Mensch", erklärt der Sportwissenschaftler Hermann Müller von der Universität des Saarlandes in Saarbrücken.

Für den präzisen Wurf reichen 1,4 Millisekunden nicht

Warum das so ist, wird klar, wenn man beim Werfen einen Blick auf die Arbeit des Gehirns wirft: Zuerst muss das Denkorgan ein Bild des Endzustands, also des getroffenen Ziels, kreieren. Dann rechnet es zurück, welche Bewegungen nötig sind, um dieses Ergebnis zu erreichen. Anschließend werden die einzelnen Bewegungen geordnet und zu einer kontinuierlichen Bewegungsfolge arrangiert. Schließlich spielt das Gehirn dann die gesamte Sequenz virtuell durch, um eventuelle Fehler noch rechtzeitig erkennen und beseitigen zu können. Erst wenn all das erledigt ist, gibt das Hirn den Befehl an die Muskeln, den Arm auszuholen und den Wurf auszuführen.

Lange gingen Wissenschaftler davon aus, dass es beim Treffen entscheidend ist, das Wurfgeschoss zum genau richtigen Zeitpunkt loszulassen. Immerhin fliegt ein Ball zu hoch und damit auch zu weit, wenn er zu früh die Hand verlässt - und zu niedrig, wenn er zu lange festgehalten wird. Um ein Ziel in acht Metern Entfernung zu treffen, steht dem Werfer theoretisch lediglich ein Zeitfenster von 1,4 Tausendstel Sekunden zur Verfügung, berechnete der US-Neurologe William Calvin Anfang der achtziger Jahre. Doch das schaffen nicht einmal Top-Werfer, zeigten spätere Untersuchungen: Profis brauchen mindestens drei Millisekunden, Durchschnittswerfer sogar zehn Millisekunden.

Das Problem: Calvin hatte angenommen, dass der Zeitpunkt der einzige Faktor ist, der die Präzision eines Wurfs bestimmt. Mittlerweile wissen es Forscher jedoch besser. "Das richtige Zeitfenster exakt zu erwischen, ist in der Praxis des Werfens nicht entscheidend", sagt Müller. "Was den Menschen zum Könner in Sachen Präzision macht, ist die Kombination von drei erlernbaren Komponenten: Stabilität, Rauschreduktion und Ko-Variation."

Zuerst muss der Werfer lernen, die beste Kombination aus Abwurfgeschwindigkeit und Abwurfwinkel zu finden und sie möglichst konstant beizubehalten. Damit erfüllt er die erste Voraussetzung, die Stabilität. Als nächstes sollte er sich darauf konzentrieren, die Streuung seiner Würfe zu reduzieren - etwa, indem er die unwillkürlichen Bewegungen seiner Muskeln so gering wie möglich hält. Im dritten Schritt ist schließlich flexibles Reagieren gefragt: Der Werfer muss lernen, wie er ungeplante Abweichungen bei einem Parameter, beispielsweise der Geschwindigkeit, ausgleichen kann, in dem er den Abwurfwinkel anpasst.

Werfen für die Evolution

Alle drei Voraussetzungen kann man sich antrainieren. "Stabilität und Ko-Variation lassen sich nachweislich durch Hinweise von außen fördern, üblicherweise vom Trainingsleiter", erklärt Müller in der Zeitschrift. Beim Muskelzittern sei dagegen jeder auf sich selbst gestellt. Ein Rezept dafür hat beispielsweise der ehemalige Rekordhalter im Verwandeln von Basketball-Freiwürfen, der US-Amerikaner Tom Amberry: "Niemals einen negativen Gedanken an der Freiwurflinie zulassen. Wenn ich werfe, denke ich an nichts anderes."

Eine Frage drängt sich bei der Betrachtung der Wurftheorie allerdings auf: Warum steckt das Gehirn so viele Ressourcen in eine Fähigkeit, die eigentlich hauptsächlich der Unterhaltung dient? Die Antwort findet sich in der menschlichen Evolution, glauben Wissenschaftler. Denn zu Zeiten der ersten Jäger war der Präzisionswurf überlebenswichtig: Wer besser werfen konnte, bekam mehr Beute, konnte sich damit besser ernähren und blieb somit leistungs- und fortpflanzungsfähiger. Ein Gehirn, das schnelle Bewegungsabläufe koordinieren konnte, war also ein Selektionsvorteil.

Neurologe Calvin geht sogar noch weiter: Er glaubt, dass das Werfen und die damit verbundene komplexere Hirnstruktur andere typisch menschliche Fähigkeiten überhaupt erst möglich gemacht haben, darunter auch die Sprache. Anderen Wissenschaftlern geht diese These allerdings zu weit. Einig sind sie sich jedoch in einem: Mit dem präzisen Werfen ist der Evolution der ganz große Wurf gelungen.

Thorwald Ewe, ddp

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