Prepper Die tiefe Sehnsucht nach dem Zusammenbruch

Überall im Westen, vor allem aber in den USA, bereiten sich Menschen mit enormem Aufwand auf den Kollaps der Zivilisation vor - darunter auch viele Superreiche. Woher kommt die Lust am Untergang?

Prepper mit Kompass
imago/Michael Eichhammer

Prepper mit Kompass

Eine Kolumne von


"Es ist die Reduktion der menschlichen Evolution auf ein Videospiel, bei dem derjenige gewinnt, der den Notausgang findet und dann ein paar seiner besten Freunde mitnimmt. Wird es Musk sein, Bezos, Thiel… Zuckerberg?"

Douglas Rushkoff, "Survival of the Richest"

Als Kind hatte ich Bücher von Rüdiger Nehberg und ein selbst gemachtes "Survival Kit", nur für den Fall, dass ich mal über einem Dschungel mit dem Flugzeug abstürzen sollte: eine Brotdose aus Aluminium mit in Plastikfolie gewickelten Streichhölzern, Taschenmesser, eine Drahtsäge, Angelhaken. Dabei mag ich gar keinen Fisch.

Bis heute bin ich fasziniert von den Leuten, die das Leben und Überleben im Fall äußerst widriger Umstände zu ihrem Lebensinhalt gemacht haben. Aktuell scheinen es immer mehr zu werden. Wie viele es hierzulande genau gibt, ist unklar: Schätzungen schwanken zwischen 10.000 und 180.000.

"Mad Max"-Festung aus Frachtcontainern

In den USA sind es mindestens drei bis vier Millionen, die sich selbst als Prepper betrachten, vermutlich aber mehr. Spätestens dann, wenn man die über 16 Millionen Mormonen mitzählt, denn zu deren Verhaltensregeln gehört es, für die Familie Lebensmittelvorräte für mindestens drei Monate vorzuhalten.

Überhaupt gibt es, zumindest in den USA, eine starke Überlappung zwischen Preppern, tiefreligiösen Menschen und Fans des äußeren rechten Rands der Republikaner. Natürlich lieben Menschen, die sich auf die Apokalypse vorbereiten, ihre Waffen noch mehr als der Durchschnittsamerikaner. Bei deutschen Preppern finden die Behörden immer mal einen Revolver oder eine Schrotflinte, manchmal auch Handgranaten und in einem Fall sogar einen Panzer. Im Vergleich zu den Arsenalen von US-Preppern ist das ein Witz.

Wütend die Kekse weggenommen

In der bei Netflix verfügbaren "National Geographic"-Dokuserie "Doomsday Preppers" kann man sich Varianten apokalyptischer Zukunftsvisionen ansehen. Da gibt es das schwerbewaffnete Ehepaar mit der zweistöckigen "Mad Max"-Festung aus stählernen Frachtcontainern, den "mobilen Prepper" mit der krebskranken Ehefrau, der seinen Sattelschlepper in ein Apokalypse-Wohnmobil verwandelt hat, die Großstadtbewohnerin, die eigenen Aussagen zufolge keine Beziehungen aufrechterhalten kann, weil sie ständig mit der Planung für den Zusammenbruch der staatlichen Ordnung beschäftigt ist. Oder den bärtigen Vater, der seine Kinder im Wald aus Moosklumpen Wasser saugen lässt und dem 12-jährigen Sohn wütend seine Kekse wegnimmt.

Besonders zynisch wirken die Noten, die "Prepping-Experten" nach diesen Porträts verteilen: Die zwanghafte, aber einsame Großstadt-Prepperin wird ermutigt, doch endlich ein paar Bekannte zu rekrutieren, damit die in ihren Wohnungen ihrerseits Stapel von mit Reis und Nudeln gefüllten Plastikeimern aufschichten. Produkte für Prepper sind in den USA ein Riesengeschäft.

Pandemie, Sonnensturm, Polverschiebung?

Dem Vater, der seine Kinder in der Überzeugung großzieht, dass man am besten schon jetzt postapokalyptisch lebt, wird nicht etwa zur Mäßigung geraten, sondern zum Ausbau seiner Wasservorräte. Und der absoluten Ausnahmeerscheinung im Reigen der Apokalyptiker, einem freundlichen, Gewalt ablehnenden Hippie-Ehepaar, das seinen Ruhestand in Vollzeit mit dem Einkochen von Pfirsichen und Büchsenfleisch verbringt, wird empfohlen, sich bitte schön endlich Waffen anzuschaffen.

Die konkreten Untergangsszenarien variieren. Ein New Yorker Feuerwehrmann, der sein Apartment zur Festung ausbaut, fürchtet sich vor dem Ausbruch eines Supervulkans im Yellowstone-Nationalpark, andere erwarten den Ausfall des Stromnetzes durch einen Sonnensturm, eine Pandemie, den Zusammenbruch der Weltwirtschaft oder eine Verschiebung der magnetischen Pole des Erdballs. Am Ende jeder Folge wird in zwei Sätzen kurz erwähnt, wie unwahrscheinlich all das ist.

Extremisten des Unwahrscheinlichen

Zur Erinnerung: In den USA sterben jährlich über 33.000 Menschen durch Schusswaffen, wenn man die Suizide mitzählt. Herzerkrankungen töten jährlich über 600.000 Amerikaner.

Prepper sind gewissermaßen die Extremisten unter denjenigen, die ihr Lebensmodell auf Ereignisse von äußerst geringer Wahrscheinlichkeit hin ausgerichtet haben und dabei viel größere Risiken ignorieren. Bei vielen, sowohl in der "National Geographic"-Serie als auch in zahlreichen anderen Porträts, hat man aber ohnehin den Eindruck, dass sie sich gar nicht so sehr fürchten, sondern die Katastrophe fast herbeisehnen.

Wenn es endlich schiefgeht, wird alles wieder einfach

Vermutlich hat dieser heimliche Wunsch nach dem Zusammenbruch der Zivilisation auch etwas mit der Komplexität der realen Welt zu tun: Stromnetz, Internet, internationaler Flugverkehr, internationale Politik, die Börsen und die Weltwirtschaft als Ganzes - das kann doch auf Dauer gar nicht gut gehen. Dazu passt, dass Prepper oft auch Verschwörungstheoretiker oder eben sehr religiös sind - Leute, die an einfache Erklärungen glauben. Was man nicht versteht, das muss schiefgehen. Und wenn es schiefgeht, wird endlich wieder alles verständlich. So wie in Zombiefilmen und -serien, die bei Preppern natürlich sehr populär sind.

Der Mensch lebt erst seit etwa 200 Jahren in großer Zahl in Städten und erst seit etwa 10.000 in vorwiegend landwirtschaftlichen Gesellschaften. Den Großteil ihrer Entwicklung hat die Menschheit als Jäger und Sammler verbracht. Manch einer sehnt sich offenbar tief drin zurück in diese alte, einfache Welt. Nahrung, Schutz, Wärme, fertig.

Ein vollgetankter Helikopter

Wirklich beunruhigend ist, dass auch viele der Reichsten und Mächtigsten dieser Welt augenscheinlich insgeheim so denken.

Der "New Yorker" zitierte im vergangenen Jahr einen namenlosen Finanzinvestor mit den Worten: "Für mich steht immer ein vollgetankter Helikopter bereit, und ich habe einen unterirdischen Bunker mit Luftfiltersystem." Dem Artikel zufolge haben substanzielle Teile des Silicon Valley konkrete Pläne für die Zeit nach dem Untergang.

"Sie glauben nicht daran, dass sie die Zukunft beeinflussen können"

Der Autor und Medienwissenschaftler Douglas Rushkoff beschreibt im eingangs zitierten, kürzlich veröffentlichten Essay eine beklemmende Runde mit fünf superreichen Hedgefonds-Managern, die sich für Fragen wie diese interessierten: "Wie würden Sie Ihre Wachleute bezahlen, wenn Geld erst einmal wertlos geworden ist? Was würde die Wachleute davon abhalten, ihren eigenen Anführer zu wählen?"

An alternativen Lösungen, etwa, den Kollaps vermeiden zu helfen, indem man an den eigenen Geschäftspraktiken etwas ändert, seien seine reichen Zuhörer nicht interessiert gewesen, schreibt Rushkoff: "Trotz all ihren Reichtums und all ihrer Macht glauben sie nicht daran, dass sie die Zukunft beeinflussen können."

Endlich ein Gewinner

Manche derjenigen, die heute an der Spitze der ökonomischen Nahrungskette stehen, bereiten sich auf den herbeifantasierten Kollaps vor, weil sie ihren Platz unter allen Umständen behalten möchten. Die viel zahlreicheren Prepper mit weniger Geld motiviert vermutlich das Gegenteil: Wenn der heimlich ersehnte Kollaps endlich käme, wären sie plötzlich die Gewinner.

Das trifft auf Rechtsextremisten zu, die sich in "Wehrhöfen" auf die Herrschaft der Milizen vorbereiten, auf Linksextremisten, deren Manifest "Der kommende Aufstand" heißt, auf die Anhänger des "Islamischen Staats", zu deren historischen Gewissheiten die bevorstehende Apokalypse zählt. Der Untergang ist ihre Utopie.

Für sie alle gilt: Mit dieser Haltung ist keine lebenswerte Zukunft zu gewinnen.

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insgesamt 133 Beiträge
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aleron 15.07.2018
1. Wunderbar festgestellt!
Endlich wird mal die Wahrheit gesagt über die zunehmende Verdummung der ' Zivilisation '. Man braucht nur mal ab Nachmittag den Fernseher an schalten. Da kommen Dokumentationen wie Verklag mich doch, Anwälte im Einsatz, Achtung, Kontrolle ( mit echten Polizisten und Opfern? Ich bekomme Kopfschmerzen! ) Abenteuer A 2.........ich weiß gar nicht, wo ich aufhören soll. Besser wird es ab 20:00 Uhr! Da kommen auf ' seriösen Sendern ' Dokumentationen über gesichtete Ausserirdische ( komische, alle in den ländlichen Gebieten der USA? Zufälle gibt es. ) Und natürlich darf auch nicht vergessen werden die zahlreichen Berichte über die Geschichte der Deutschen im zweiten Weltkrieg! Das man da den Weltuntergang herbeigesehnt ist kein Wunder.
bamesjond0070 15.07.2018
2.
Ich denke nicht, dass sich "der kommende Aufstand" mit den Wünschen von Rechtsextremisten oder Islamisten vergleichen lässt. Es geht hier um das Erreichen einer Utopie, die (fast) allen nützt und die Überwindung eines menschenfeindlichen Systems (wenn auch mit Gewalt), bei den Rechtsextremisten hingegen um das Schaffen einer menschenfeindlichen Gesellschaftsform, in der ausschließlich man selbst oder eine kleine Gruppe profitiert, bei Islamisten mindestens ähnlich. Die Maxime ist also vollkommen unterschiedlich. WELTFRIEDEN gesichert durch die Abwesenheit von Konflikten, erreicht durch das Mittel Gewalt =/= AUTOKRATIE gesichert mit Gewalt, erreicht durch das Mittel Gewalt Natürlich kann auch die linke Theorie nach hinten losgehen (sie ist vom Kommunismus zum Anarchismus weit auszulegen), dennoch bleibt ihre Intention im Gegensatz zu den anderen humanistisch, weshalb es unangebracht ist, diese zu gleichzusetzen.
chocolatefactory 15.07.2018
3. Zu viel Wohlstand
Früher hätte man gesagt: "wenn es dem Esel zu wohl wird, geht er aufs Eis tanzen". Das ist eine Wohlstandskrankheit. Man mache mal die Übung und lese den Text einem Menschen vor, der täglich um sein Überleben kämpft. Eine Scheibenwischerbewegung wäre ihm gewiß.
Christian 47 15.07.2018
4. Beinahe jeder
Deutsche hat gefühlt 52 verschiedene Versicherungen. Von A wie Arbeitslosenversicherung bis Z wie Zahnersatz. Lauter Dinge "für den Fall das....." der hoffentlich nie eintritt. Aber wenn jemand Lebensmittel oder sonstiges bevorratet, auch eine Art Versicherung, wird er gleich als komischer Vogel und Verschwörungstheoretiker dargestellt. Ich hoffe ich benötige diese Dinge nie. Wenn doch, werde ich innerlich über die ganzen Besserwisser lachen
urknallmarinchen@yahoo.de 15.07.2018
5. Wie kann man sich am besten vor den Folgen der Politik Trumps schützen
Die Verschuldung / Überschuld der USA kann zu einer gewaltigen Weltwirtschaftskrise führen, wobei durch den sich abzeichnenden Handelskrieg bereits der Grundstein gelegt zu sein scheint. Vielleicht sollte man ein wenig phys. Gold bunkern, aber essen und trinken kann man es leider auch nicht...
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