Medienschelte der Populisten Auf die Presse

Populisten, selbst ernannte Revolutionäre, die neue Rechte in Europa und den USA - sie alle hassen "die Medien". Eine unsinnige Verallgemeinerung. Dahinter steckt eine gefährliche Strategie.

Stephen Bannon
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Stephen Bannon

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Steve Bannon ist das derzeit eindrucksvollste Beispiel für die Heuchelei der selbst ernannten Medienkritiker der jüngeren Zeit. Donald Trumps rechtsnationaler Vertrauter hat sein Vermögen vor allem Geschäften mit Medien zu verdanken, unter anderem einer höchst lukrativen Beteiligung an den Einnahmen, die bis heute mit der eher nicht rechten NBC-Comedyserie "Seinfeld" erzielt werden.

Später hat Bannon "Breitbart News" geleitet, ein rechtsnationales Pro-Trump-Organ, dessen Inhalte sich zu einem substanziellen Teil aus Zitaten aus anderen Medien zusammensetzen, natürlich versehen mit einem Rechtsdrall. An einem typischen Tag in der vergangenen Woche bestanden die "Breitbart"-Top-Meldungen unter anderem aus Zitaten aus der verhassten "New York Times", der BBC, dem TV-Sender al-Arabiya, der "Los Angeles Times", einem lokalen TV-Sender, der britischen "Daily Mail", CNN und der "Washington Post" sowie einer vollständigen Meldung von Associated Press.

Gleichzeitig markiert Breitbart seinen nicht enden wollenden Strom von Angriffen auf vermeintlich unfaire Medien - darunter natürlich die "New York Times", NBC, CNN und die "Washington Post" - mittlerweile routinemäßig in feuerroter Schrift mit dem von Bannon erfundenen Schlagwort "die Oppositionspartei". So nennt Trumps Großwesir "die Mainstream-Medien".

Themen geklaut, auf die Quellen geschimpft

Diese Woche hat er bei einem seiner seltenen öffentlichen Auftritte mal wieder kräftig ausgeteilt gegen die "Corporatist Media", aus denen sein eigenes Kampfblatt seine Themen zusammenklaubt und denen er seinen persönlichen Reichtum verdankt. Gleichzeitig bemühte er sich wieder einmal, die bislang verheerende Bilanz der Regierung Trump zu einer Folge glänzender Siege umzudeuten. Da stört kritische Berichterstattung natürlich.

Bannons Chef, der ehemalige Reality-TV-Star Donald Trump, folgt erwartungsgemäß dem gleichen Muster. Bei seinem Auftritt bei der Conservative Political Action Conference (CPAC) schlug er gleich mal vor, den Quellenschutz abzuschaffen, einen Grundpfeiler der Pressefreiheit. "Die Medien" hält Trump, ganz in der Tradition von Diktatoren in Ost und West, für "Feinde des Volkes", am traditionellen Correspondents' Dinner will er nicht teilnehmen. Vertreter renommierter Publikationen wie der "New York Times" werden aus Presserunden ausgeschlossen. Die Zielrichtung ist klar.

Interessanterweise decken sich beim Thema "Mainstream-Medien" (MSM) einmal mehr die Einschätzungen der ganz Rechten mit denen der ganz Linken. Auch, zum Beispiel, unter Anonymous-Aktivisten und Linksradikalen findet man häufig Verachtung, gelegentlich Hass auf die sogenannten MSM, während auch dort ständig aus ebenjenen Quellen zitiert wird.

"Breitbart" hat eine Agenda, die "NYT" nicht

Irreführend ist der Begriff nicht zuletzt deshalb, weil er eine homogene Gruppierung von Medienhäusern mit einer gemeinsamen, einseitigen Agenda vortäuscht, die in Wahrheit nicht existiert. "Breitbart" hat eine solche Agenda, die "New York Times" eben nicht.

Ein schönes Beispiel dafür hat zum Beispiel Michael S. Schmidt geliefert: Der "NYT"-Reporter gehörte zu dem Team, das über die Verbindungen der Trump-Mannschaft zum russischen Geheimdienst berichtete. Er schrieb aber auch den Artikel, der den Skandal um Hillary Clintons privaten E-Mail-Server auslöste, den die Republikaner später im Wahlkampf so genüsslich ausschlachteten. Trump und Clinton finden Schmidt gleichermaßen "unfair" - so sieht es aus, wenn die Presse die Mächtigen kontrolliert.

Unsinnig ist die Verallgemeinerung "die Medien" aber auch deshalb, weil es eben beileibe keinen Konsens oder gar eine gemeinsame Agenda der genannten Publikationen und Organisationen gibt - vielleicht einmal abgesehen von der geteilten Grundüberzeugung, dass Demokratie, Gewaltenteilung und Rechtsstaat erhaltenswerte Güter sind.

Die "FAZ" zum Beispiel hat diese Woche ein erschreckend wohlwollendes Interview mit einem 17-Jährigen veröffentlicht, der die Abschiebung eines seiner Mitschüler fordert. Ein ähnlich verlaufendes Gespräch in der "SZ" oder der "Zeit" zu lesen, halte ich für ausgeschlossen. Der SPIEGEL hat "Bild" schon einmal auf dem Cover als "Die Brandstifter" bezeichnet, illustriert mit einem "Bild"-Logo aus Streichhölzern.

Wer die Demokratie für verzichtbar hält, hält die Presse für verzichtbar

Die These, all diese Medien zögen an einem Strang, ist schlicht absurd. Sie hat aber Methode. Was die Kritiker der "Mainstream-Medien" erreichen wollen, ist eine flächendeckende Diskreditierung von Institutionen, die ihnen in die Quere kommen könnten.

"Mainstream-Medien" haben in den vergangenen Jahren Korruption im Fußball, Doping im Spitzensport, ein globales Geheimdienst-Überwachungsprogramm, Steuervermeidung mit Offshore-Firmen, Umwelt-, Börsen- und Politskandale aufgedeckt. Diese Liste ließe sich nahezu beliebig fortsetzen. Natürlich machen Medien Fehler, manche berichten Unsinn, manche verbreiten Gerüchte oder sogar Lügen. Aber eben beileibe nicht alle, nicht ständig, und vor allem: nicht konzertiert.

Eine freie Presse ist für demokratische Gesellschaften unverzichtbar. Nur, wer die Demokratie für verzichtbar hält, stört sich an ihr. Will sie "bekämpfen", so wie Steve Bannon, oder nennt sie "bösartig und bewusst verleumdend", so wie Björn Höcke.

Politikern und anderen, die pauschal auf "die Medien" schimpfen, ist grundsätzlich zu misstrauen, denn es geht ihnen in Wahrheit darum, eine zentrale Kontrollinstanz en bloc zu diskreditieren.

Bei der "Washington Post" hat man auf diese Bestrebungen gerade mit einem neuen Slogan reagiert, der nun direkt unter dem Logo der Zeitung prangt: "Die Demokratie stirbt im Dunkeln", steht da jetzt. Möge es niemals so weit kommen.

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insgesamt 216 Beiträge
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Seite 1
mxmx 26.02.2017
1. Beruht auf Gegenseitigkeit
Wenn man sich anschaut, wie die Medien oftmals mit Populisten umgehen, scheint die Abneigung auf Gegenseitigkeit zu beruhen. Gerade bei Trump gibt es jede Menge Kritik unterhalb der Gürtellinie, da wundert es mich nicht wirklich, daß das Gegenreaktionen verursacht.
az26 26.02.2017
2.
Wer das sagt, sollte sich zuvor in Erinnerung rufen, dass Trump wie kein Zweiter zuvor Alles und Jeden attackierte, gelogen hat, Gerüchte befeuerte, beleidigte - und das schon im Wahlkampf. Wer mit dem Schlagring die politische Bühne betritt, soll nicht weinen, wenn Andere gegen ihn selber auch härter auftreten.
toskana2 26.02.2017
3. populistisch?
Wenn wir schon über Demokratie diskutieren: In der Athener Polis gab es keinen "SPIEGEL" und keine "New York Times". Dafür gab es die "Agora", den Stadt-Marktplatz, den Beginn der Demokratie (Herrschaft des Volkes). Dort konnte jeder Polites (Bürger) seine politische Meinung äußern, Vorschläge zur Verbesserung der politischen Lage machen. Aber auch die sehr e i g e n e n Interesse pointiert vertreten, sprich das Auditorium zu seinen Gunsten "manipulieren" - die Geburtsstunde der ... Demagogie. Um es kurz zu machen: Wollen die Massenmedien heute bei uns und anderswo, die unverzichtbar zu Demokratie gehören, uns informieren oder uns manipulieren? Die Antwort auf diese Frage entscheidet über den Fortbestand unserer Demokratie - bei uns und anderswo! Insofern ist die Frage nach der "Legitimationsrolle" der Massenmedien nicht, wie manchmal suggeriert wird, populistisch sondern durchaus berechtigt.
steffenbaensch777 26.02.2017
4. Freie Presse?
Eine freie Presse im Sinne von "frei von Interessen" kann es aus meiner Sicht aus Prinzip nicht geben. Das ist nicht weiter schlimm, aber man sollte es sich einmal bewusst gemacht haben. Ist die Presse kommerziell, so besteht die Gefahr, dass sie sich einerseits an Leserinteressen ausrichtet, um Auflage zu produzieren, andererseits gibt es die Gefahr, dass der Besitzer die Richtung vorgibt. Ist die Presse von Gewinninteressen befreit, so kann davon ausgegangen werden, dass sie entweder staatlich ist oder ehrenamtlich. Bei einer staatlichen Presse besteht auch die Gefahr, dass sie die Interessen der aktuellen Regierung widerspiegelt. Bei ehrenamtlicher Presse besteht das Problem der Finanzierung. Freie Presse sollte vielleicht eher heißen, dass jeder die Möglichkeit hat zu berichten und Interessen möglichst transparent für alle gemacht werden. Also solange Trump nur auf die Presse schimpft ist alles okay, wenn er sie verbietet wird es ernst.
interessierter Laie 26.02.2017
5. Wunderbarer Artikel!
Aber es ist leider wie bei einer Religion. Die Gläubigen glauben nur, was sie in ihrer Ansicht bestärkt. Alles andere ist Lüge und deren Verbreiter das Böse. Und genau das steckt auch hinter Phänomenen wie Trump. Trump ist kein Politiker- er ist ein Guru. Wenn wir nicht aufpassen, befinden wir uns nach einem kurzen Intermezzo bald wieder dort
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