"Prestige"-Katastrophe Monsterwellen sollen Tanker versenkt haben

Als der Tanker "Prestige" im Herbst 2002 sank, verseuchte ein riesiger Ölteppich die spanische Atlantikküste. Jetzt verdichten sich Hinweise, dass Monsterwellen den Untergang verursacht haben. Die spanische Regierung fürchtet nun den Verlust von Schadenersatz in Höhe hunderter Millionen Euro.

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Bis vor kurzem galten Monsterwellen als Seemannsgarn. Inzwischen gilt als sicher, dass die riesigen Wasserwände nicht nur tatsächlich vorkommen, sondern sich auch öfter aus dem Meer erheben, als selbst Experten geahnt haben. Satellitenmessungen haben gezeigt, dass die Monster im Meer an der Tagesordnung sind; im Februar 2000 dokumentierten Forscher vor der Westküste Schottlands ganze Serien von Riesenbrechern.

Nun machen Experten gegenüber SPIEGEL ONLINE die Monsterwellen auch für die größte Umweltkatastrophe der letzten Jahre in Europa verantwortlich: die Havarie des Tankers "Prestige" im Atlantik vor vier Jahren. Ein riesiger Ölteppich verseuchte damals die Küsten Westeuropas. Bei dem Streit über die Ursache des Unfalls geht es um eine Schadenersatzforderung von einer Milliarde Dollar - und um die Frage, ob das Risiko von Monsterwellen dramatisch unterschätzt wird.

Eine Milliarde Dollar Schadenersatz gefordert

Die "Prestige" befand sich mit knapp 80.000 Tonnen Schweröl an Bord auf dem Weg nach Fernost, als sie am 13. November 2002 vor der Nordwestküste Spaniens in einen Sturm geriet und leckschlug. Um die eigenen Küsten vor einer Ölpest zu bewahren, verweigerten die spanischen Behörden dem Schiff die Erlaubnis, einen Hafen des Landes anzulaufen. Stattdessen wurde die "Prestige" auf hohe See geschleppt, wo sie am 19. November zerbrach. Das Schweröl lief aus und verklebte die Küsten. Hunderttausende Seevögel und andere Tiere starben. Noch heute sickert stetig Öl aus dem Wrack, das in mehr als 3500 Metern Tiefe vor sich hinrostet.

Neben der spanischen Regierung und dem Kapitän stehen vor allem die Schiffskontrolleure des American Bureau of Shipping (ABS) in der Kritik. Vor US-Gerichten wird derzeit darüber verhandelt, ob der "Schiffs-TÜV" ABS die "Prestige" fahrlässig für seetauglich erklärt hatte.

Spanien hat das ABS inzwischen auf eine Milliarde US-Dollar (rund 756 Millionen Euro) Schadenersatz verklagt. Ein Schuldspruch hängt vor allem davon ab, ob am Schiff Materialfehler festgestellt worden sind, etwa mangelhafte Schweißnähte. Erkennt das Gericht jedoch die Einwirkung höherer Gewalt, käme ABS womöglich straffrei davon: "Würde eine Monsterwellen-Attacke diagnostiziert, wäre das ABS stark entlastet", bestätigte der Hamburger Seerechtler Nicolai Lagoni im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE.

Gefälligkeitsgutachten für spanische Behörden?

So kommt es den spanischen Behörden vermutlich gelegen, dass einer ihrer Mitarbeiter nun in einer Studie erklärt, eine Monsterwelle sei "wahrscheinlich nicht" für die Havarie der "Prestige" verantwortlich. Antonio Lechuga vom spanischen Entwicklungsministerium in Madrid hat berechnet, dass zur betreffenden Zeit am Unglücksort keine Extremwelle entstehen konnte. Das sei unmöglich gewesen, schreibt Lechuga im Fachblatt "Natural Hazards and Earth System Sciences" (Band 6, Seite 973, 2006).

Die Studie sorgt derzeit für erheblichen Wirbel unter Ozeanforschern: Die Experten wittern ein Gefälligkeitsgutachten. Sie haben SPIEGEL ONLINE Daten übermittelt, denen zufolge sehr wohl ein riesiger Brecher das Leck in die "Prestige" geschlagen hat.

Falsch, erklärt der Spanier Lechuga in seiner Studie nach Auswertung von Wetter-, Wellen- und Strömungsdaten: Monsterwellen entstünden, wenn eine hohe Woge eine zweite von ähnlicher Wellenlänge einhole und sich mit ihr zu einem Brecher vereine. Zur fraglichen Zeit hätten sich in der Region des Unfalls jedoch die Wellen zweier unterschiedlicher Wetterlagen gekreuzt - Monsterwellen hätten dabei unmöglich entstehen können, folgert Lechuga.

Ideale Bedingungen für Monsterwellen

Ein Trugschluss, kontert Wolfgang Rosenthal, Wellenforscher am GKSS-Forschungszentrum in Geesthacht. Lechuga beziehe sich auf längst überholte Lehrsätze. Inzwischen sei bekannt, dass gerade "Kreuzseen", wo Wellenfelder aus unterschiedlichen Richtungen aufeinander treffen, eine Brutstätte für Monsterwellen, so genannte Kaventsmänner sei. Sogar ein Foto in Lechugas Studie selbst deute auf eine Extremwellen-Attacke hin (siehe Bild 2 der Fotostrecke). Das Foto der leckgeschlagenen "Prestige" unmittelbar nach dem Unfall offenbare, dass das Schiff "einen furchtbaren Schlag" erhalten habe, meint Rosenthal.

Auch José Carlos Nieto-Borge, Ozeanforscher an der Universität Alcalá in Spanien, bezeichnet die damaligen Bedingungen als ideal für die Entstehung von Monsterwellen. Ein großes Tiefdruckgebiet nahe Island habe eine lange Dünung geschickt, die vor Nordspanien im rechten Winkel auf kurze steile Wellen getroffen sei. Wahrscheinlich hätten sich dabei Extremwellen aufgebaut, sagte Nieto-Borge zu SPIEGEL ONLINE.

Lechuga indes verweist auf die Daten einer Messboje vor der Küste Portugals, die zur fraglichen Zeit lediglich eine 14-Meter-Welle und ansonsten Seegang von ungefähr neun Meter registriert hat - nichts Besonderes also. Die Daten seien belanglos, widerspricht Susanne Lehner, Expertin für Fernerkundung am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt. Die Boje habe zur fraglichen Zeit weit entfernt von der "Prestige" in weniger schwerer See gelegen.

"Prestige" geriet in schweren Sturm

Tatsächlich zeigen Karten des Französischen Wetterdienstes Meteo France, die SPIEGEL ONLINE vorliegen, dass die "Prestige" am Tag des Unglücks in ein kleines Tiefdruckgebiet mit sehr starkem Wind geraten ist. "Die 'Prestige' fuhr durch den Sektor des stärksten Sturms und der höchsten Wellen", sagt Lehner.

Jüngste Forschungen zeigen, dass Monsterwellen weitaus häufiger auftreten als früher vermutet, auch vor Europas Küsten. Im Rahmen des internationalen Projekts MaxWave gelang es Wissenschaftlern im Wellenkanal wider Erwarten, bei unterschiedlichen Strömungen und Wellenbedingungen Kaventsmänner zu erzeugen. Zudem wurden mit Radarsatelliten und Messungen auf See diverse Extremwellen geortet.

Die Forscher wollen nun besonders gefährdete Regionen identifizieren. Sie hoffen, in einigen Jahren mit Radarsatelliten und Wetterdaten rechtzeitig Gebiete erkennen zu können, in denen Monsterwellen drohen.

Ein Urteil über die Ursache der "Prestige"-Havarie lässt indes auf sich warten. Denn trotz aller wissenschaftlichen Argumente für die Monsterwellen-Theorie scheint ungewiss, welcher Partei die US-Gerichte im Rechtsstreit um das Desaster folgen werden.



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