Preußenkönig Friedrich der Große: Der erste Untertan

Von Uwe Klussmann

2. Teil: Vom Philosophen zum Falschmünzer

Corbis

Des Königs Kleidung wird "von Schüssen durchbohrt", wie er seinem Kabinettsminister schreibt. Doch Friedrich gibt auch in scheinbar aussichtsloser Lage nicht auf. Dabei sind seine riskanten Rettungsmethoden nicht immer seriös. So verringert er 1758 mit Hilfe des dubiosen Geschäftsmannes Veitel Heine Ephraim den Edelmetallanteil der Münzen. Der Philosoph wird zum Falschmünzer.

Friedrich ist nicht mehr der junge Hasardeur, der 19 Jahre zuvor in Schlesien einmarschierte. "An den Staat denke ich, nicht an den Ruhm", schreibt er acht Tage nach der Schlacht bei Kunersdorf. Der Staat, das ist nicht nur die Armee, sondern auch ein kulturelles und soziales Aufbauwerk.

Erstes deutsches Wirtschaftswunder

Dem kann er sich ab 1763 nach dem Ende des Siebenjährigen Krieges widmen: Da ist die Akademie der Wissenschaften, deren Sitzungsberichte er durch eigene Publikationen bereichert. Da ist das Opernhaus Unter den Linden in Berlin, 1743 fertiggestellt, das rasch zu einem gesellschaftlichen Mittelpunkt wird. Da sind die Siedlungen in trockengelegten Flussniederungen an Oder, Netze und Warthe, wo Familien Land zur Bewirtschaftung erhalten. Preußen fördert den Aufbau von Betrieben der Metall- und Textilindustrie.

Der am Fortschritt interessierte Staatslenker schafft, so der Friedrich-Biograf Wolfgang Venohr "das erste deutsche Wirtschaftswunder". Der König, der sein Leben auch in den Kriegsjahren immer mit Büchern verbrachte, möchte, dass auch seine Landeskinder lesen. Er lässt Schulen bauen, in den ersten sechs Friedensjahren ab 1763 sind es rund 750 allein in Schlesien.

Er treibt die Arbeit an einem Gesetzbuch voran. Dabei bleiben seine Entscheidungen im Rahmen des absolutistischen Systems, das er nicht verlassen will und wohl auch nicht verlassen kann. Zwar sorgt er dafür, dass die Landwirte keine Frondienste mehr leisten müssen. Doch die Grundherren bleiben privilegiert und die Bauern ihnen erbuntertänig.

Sein Reformwerk ist von Anfang an widersprüchlich. Friedrich schafft die Folter ab, gestattet sie bei Verdacht auf Hochverrat oder Massenmord jedoch zunächst weiter. Auch behält er das barbarische "Spießrutenlaufen" in der Armee bei. Er hebt die Zensur weitgehend auf für Zeitungen, deren Auflage 200 Exemplare selten übersteigt - und führt sie schon 1740 wieder ein, als er seinen ersten Krieg beginnt.

Doch so sehr er auch als absoluter Monarch agiert, weisen seine späten Schriften schon über das Ancien Régime hinaus. Im Alter von 65 Jahren schreibt er 1777 über "Regierungsformen und Herrscherpflichten". In dieser Schrift fordert der Preußenkönig, der Fürst müsse "für die gesamte Gemeinschaft sehen, denken und handeln". Er wendet sich gegen die "Meinung, es genüge, Besitz zu haben, um zu Ansehen zu gelangen".

Der Fürst, so Friedrich, sei "nur der erste Diener des Staates und ist verpflichtet, rechtschaffen, klug und völlig uneigennützig zu handeln, wie wenn er seinen Mitbürgern in jedem Augenblick Rechenschaft über seine Verwaltungstätigkeit abzulegen hätte."

"Alle Monarchien durch Reichtum verderbt"

Nie zuvor hat ein europäischer Herrscher derart den Anspruch erhoben, ein Treuhänder des Volkes zu sein. Auch deshalb wird er verehrt, wenn er in einer Kutsche über die Lande oder durch Berlin fährt. Die Zuneigung des Volkes gilt einem einsamen Herrscher in einer abgetragenen Uniform. Körperlich verfällt der König mehr und mehr.

Wie ein Einsiedler streift er mit seinen geliebten Hunden durch den Park des für ihn erbauten Schlosses Sanssouci in Potsdam. Doch der "Philosoph auf dem Thron", wie er auch genannt wird, ist geistig noch voll auf der Höhe und zieht ein sozialkritisches Fazit seiner Zeit. Im Dezember 1781, siebeneinhalb Jahre vor der Französischen Revolution, schreibt er seinem Bruder Heinrich, "dass alle Monarchien durch den Reichtum verderbt worden sind". Die Gesetze, fordert er, seien dazu da "die Schwachen vor der Bedrückung durch die Starken zu schützen".

Er warnt vor "Selbstbetrug im Verein mit Begehrlichkeit", hält "die großen Reichtümer für sittengefährdend" und empfiehlt "die Arbeit" als "die sicherste Hüterin der Tugend" - hundert Jahre später wird der preußische Sozialist August Bebel mit ähnlichen Gedanken die Herzen von Millionen deutschen Arbeitern erobern. Friedrich hofft am Ende seines Lebens, dass Nachgeborene sein Werk fortsetzen.

In einem Brief an seine Schwester Charlotte am 10. August 1786 schreibt Friedrich : "Das Alter muss der Jugend weichen, damit jede Generation ihren Platz findet." Sieben Tage später stirbt er in Sanssouci, im Alter von 74 Jahren.

Unter den Hohenzollern erweist sich Friedrich II. als außergewöhnliche Persönlichkeit. Schon mit seinem Nachfolger, der zu einer Marionette seiner Minister gerät, beginnt der Niedergang. Und nach der Gründung des Deutschen Reiches 1871 geht Preußen in einem imperialistischen Machtstaat auf. Dieses Reich treibt schließlich durch Maßlosigkeit, Selbstüberschätzung und ein rassistisches Delirium in den Untergang - vom Geist Friedrichs II. hatte es sich dabei weit entfernt.

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Forum - Was bleibt von Friedrich dem Großen?
insgesamt 257 Beiträge
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1.
Peter-Freimann 05.11.2011
Zitat von sysopGroßer König, Flötenspieler, Komponist, Inbegriff Preußens: Friedrich II. beschäftigt als "Großer" die Deutschen über die Jahrhunderte. Sein aufgeklärter Absolutismus, den er als "erster Diener des Staates" etablierte, brachte ihm Anerkennung und Respekt. Was blieb bis heute vom großen, Alten Fritz?
Eine klug durchdachte Einwanderungspolitik. Bereicherung des Landes, Wirtschaftswachstum, beim "Alten Fritz" durch die Aufnahme der Hugenotten, bei uns durch all die Migranten, denen wir den Wiederaufbau unserer deutschen Wirtschaft mitzuverdanken haben.
2. einer
sitiwati 06.11.2011
der grössten Deutschen, ohne Geld aus England, hätte er keine Kriege führen können! F hats feriggebracht sein Land in den Bamkrott zu führen und nur der Tod der russischen Zarin hat P davor bewahrt, dass russisch Amtssprache wurde!
3. Fritz von Preußen
Layer_8 06.11.2011
Zitat von sysopGroßer König, Flötenspieler, Komponist, Inbegriff Preußens: Friedrich II. beschäftigt als "Großer" die Deutschen über die Jahrhunderte. Sein aufgeklärter Absolutismus, den er als "erster Diener des Staates" etablierte, brachte ihm Anerkennung und Respekt. Was blieb bis heute vom großen, Alten Fritz?
der hat den ersten Weltkrieg,1756-1763, angezettelt und damit die Grundlage des britischen Imperiums geschaffen (sagte später Churchill). Er hat französische Truppen in Europa gebunden und dadurch hatten die Engländer freie Hand in Nordamerika und Indien. Und am Schluss war Frankreich pleite und dann kam eine neue Weltordnung. Gründung der US of A, sowie die französische Revolution... Achja, das mit den Tomaten, äh, Kartoffeln, hab ich vergessen zu erwähnen. möge jeder nach seiner Facon selig werden
4. Friedrich der Große
hannspüschel 06.11.2011
Hallo, über diesen König sollte man nicht reden, ohne die Fakten zu kennen. Nicht er hat den 7jährigen Krieg aus finanziellen Gründen verloren, sondern seine Gegner. Er hat sich von exellenten Fachleuten beraten lassen, den jüdischen Bankiers in Berlin. Sie waren unter der Herrschaft des Großen Kurfürsten wegen eines Pogroms von Wien nach Berlin gekommen. Ergebnis: Wien musste schon im Jahr 1761 wegen Geldmangels abrüsten. Als der Krieg endete, war der König der einzige, der Geld übrig hatte. Über 5 Mio Taler, die er sogleich in den Wiederaufbau steckte. - Es ist richtig, der Tod der russischen Zarin begünstigte das Kriegsende. Es gab dadurch keinen Sieger. Aber: Der König hatte eine kluge, vorausschauende Politik betrieben. Er hatte frühzeitig dafür gesorgt, dass eine preußische Generaltochter den russischen Thronfolger heiratete: die spätere Zarin Katharina die Große. Und deren Gatten, den späteren Zaren Peter II hatte er "umgedreht" und zum ausgemachten Fan Preußens gemacht. usw. usw.
5. Friedrich der Große
generalsolar 06.11.2011
@Sitiwati Sie wissen schon das Preußen erst seit dem 7-jährigen Krieg mit England verbündet war und auch nicht durchgängig Geld bekam? Traditioneller preußischer Verbündeter gegen Österreich war eigentlich Frankreich. Auch hat nicht der Tod der russischen Zarin Preußen gerettet, bei der damaligen Art der Kriegsführung war ein so weitgestecktes Ziel wie die Vernichtung Preußens absolut utopisch. Auch hat Preußen den Krieg wirtschaftlich und finanziell besser überstanden als zum Beispiel Frankreich oder Österreich. On Topic Was blieb: der erste Vertreter der aufgeklärten Absolutismus auf deutschem Boden, die Abschaffung der Folter, eine weitgehende religiöse Toleranz, die Einführung der Kartoffel, ein massiver Ausbau des Bildungssystems, eine teilweise Abschaffung der Leibeigenschaft, der König als erster Diener des Staates.
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