Profiling aufgebohrt Kriminologen wollen Morde vorhersagen

Die Idee ist verlockend und beängstigend zugleich: Ein Computerprogramm, das auf Knopfdruck die Namen von Menschen ausspuckt, die bald einen Mord begehen könnten. Doch solche kriminologischen Forschungsprojekte sind umstritten - und rühren an den Fundamenten des Rechtsstaates.

Von


Herkömmliches Profiling ist out. Nach einem Verbrechen ein Persönlichkeitsprofil des gesuchten Täters zu erstellen, das schafft mittlerweile fast schon der psychologisch interessierte Fernsehzuschauer. Wer heutzutage als Kriminologe noch für Schlagzeilen sorgen will, muss sich etwas Spektakuläreres einfallen lassen.

Polizeiabsperrung im britischen Suffolk: Ein Hauch von "Minority Report"
Getty Images

Polizeiabsperrung im britischen Suffolk: Ein Hauch von "Minority Report"

Laura Richards, einer ehrgeizigen Kriminalpsychologin aus London ist das gelungen. Sie will Mörder und Vergewaltiger identifizieren, bevor sie ihre Taten begehen. "Meine Vision ist, dass wir die hundert gefährlichsten Leute im Raum London kennen", sagte sie der Zeitung "Times". Es gehe darum, potentielle Mörder einzusammeln, bevor sie zuschlagen könnten.

Richards will vor allem Erkenntnisse aus ihrer früheren Arbeit nutzen: Sie hat sich mit häuslicher Gewalt beschäftigt. "Menschen wachen nicht einfach auf und werden zum Verbrecher", sagt sie. Es gebe eine Vorgeschichte, in der sehr häufig Gewalt gegen Ehepartner oder nahestehende Personen vorkomme. Die Psychologin will solche Kriterien sammeln und daraus ein Profil der besonders gefährlichen potentiellen Täter erstellen.

Software soll Mordrisiko ermitteln

Die Leiterin der Mord-Präventions-Abteilung der Londoner Polizei ist nicht die einzige, welche die Menschheit vor schweren Straftaten bewahren will - ähnlich wie in Stephen Spielbergs Film "Minority Report". Richard Berk, Kriminologe an der University of Pennsylvania, hat sogar eine Statistik-Software geschrieben, die auf Knopfdruck die Namen jener Menschen ausspucken soll, die bald einen Mord begehen könnten.

Erste Untersuchungen hätten ergeben, dass eine solche Software mit einer um den Faktor 40 verbesserten Genauigkeit künftige Morde vorhersagen könne als herkömmliche Methoden, behauptet Berk laut dem "Philadelphia Inquirer". Das Risiko zum Mörder zu werden, sinke mit zunehmendem Alter - besonders bei Menschen zwischen 18 und 30 Jahren. Der Abfall verlaufe nicht stetig, es gebe vielmehr ab einem bestimmten Punkt einen starken Rückgang des Risikos. Berk stützt seine Thesen auf Analysen einer Datenbank von Personen aus Philadelphia, die zu einer Bewährungsstrafe verurteilt worden waren. 30 bis 40 Kriterien würden pro Betroffenem erfasst - als Ergebnis liefere die Software eine Abschätzung für die Wahrscheinlichkeit eines künftigen Mordes.

Unter Deutschlands Kriminologen stoßen die Konzepte von Richards und Berks auf Skepsis. "Die Idee, gefährliche Täter schon zu entdecken, bevor sie zum Täter werden, ist ebenso alt wie verlockend", sagt Hans-Jürgen Kerner, "manche würden auch sagen: fragwürdig". Kerner leitet das Institut für Kriminologie der Universität Tübingen.

"Nachträglich bestätigtes Kaffeesatzlesen"

Sein Berliner Kollege Frank Robertz, Leiter des Instituts für Gewaltprävention und angewandte Kriminologie, sieht das ganz ähnlich: "Ich halte das für eine geniale Marketingkampagne." Der Zusammenhang von häuslicher Gewalt und späteren schweren Straftaten sei nicht neu. "Es handelt sich um eine überhöhte Form des Profiling", sagte er SPIEGEL ONLINE. Und Profiling selbst sei ebenfalls überhöht worden, seit es durch populäre Filme und Bücher in die Nähe übersinnlicher Wahrnehmung gerückt werde. Der Tübinger Professor Kerner vergleicht Berichte amerikanischer Profiler auch schon mal als "nachträglich bestätigtes Kaffeesatzlesen".

Frank Robertz bestreitet jedoch nicht, dass es Kriterien gibt, die auf Verbrechen in der Zukunft hindeuten, zum Beispiel ein kaum funktionierendes soziales Umfeld gekoppelt mit prägenden Ereignissen in der Kindheit und Jugend - etwa erlittenem sexuellem Missbrauch. Ebenso erhöhten bestimmte Gehirnschädigungen die Wahrscheinlichkeit einer späteren Gewalttat.

"Bei Sexualmördern gab es in der Regel eine Verquickung von Sexualität und Gewalt, die als Kind oder Jugendlicher nicht verarbeitet werden konnte", sagt Robertz. Häufig beobachte man auch Tierquälerei, die mangels funktionsfähiger sozialer Kontakte aber nicht thematisiert werde. "Schließlich werden die dunklen Fantasien immer mächtiger und es kann zur Straftat kommen."

Was tun mit den Informationen?

Datenbanken, wie sie die Londoner Psychologin Richards aufbauen will, existieren laut Robertz im Prinzip schon. In den USA gebe es eine namens VICAP, in Europa VICLAS. Diese Datenbanken hätten genau den Zweck, Informationen über auffällig gewordene Straftäter zu sammeln. In den deutschen Bundesländern und beim Bundeskriminalamt gebe es zudem OFA (steht für Operative Fall-Analyse) - ein System, das Einflüsse des amerikanischen Profilings übernommen und mit stärker wissenschaftlichen Elementen verknüpft habe.

Die Frage ist, was man mit den Informationen aus solchen Datenbanken macht. Man könnte die besonders gefährlichen Menschen einsperren, bevor sie zur Tat schreiten, wie es Richards offenbar in London vorhat. Aber wen genau will man präventiv wegschließen? Die ersten zehn der Liste oder die Top 100? Und für wie lange? Und vor allem: Mit welcher rechtlichen Grundlage?

Robertz sagt, man könne im Vorhinein aktiv werden, etwa indem man solchen Personen sagt: "Hallo, wir haben dich im Blick". Weitere rechtstaatliche Möglichkeiten gebe es aber kaum. "Man kann schon aus rechtsstaatlichen Gründen niemanden festnehmen, der noch keine Straftat begangen hat", betont der Berliner Kriminologe.

BKA winkt ab

Auch beim Bundeskriminalamt (BKA) hält man eine Top-100-Liste der potentiellen Straftäter für keine gute Idee. "Es gab auch in Deutschland Überlegungen in dieser Richtung", berichtet BKA-Sprecher Dietmar Müller im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Es ging um eine Hitliste für Sexualstraftäter. Dies ist jedoch verworfen worden, in erster Linie aus Datenschutzgründen."

Derartige Bedenken spielen in den USA, wo Adressen verurteilter Sexualstraftäter im Internet veröffentlicht werden, nur eine untergeordnete Rolle. Dem Software-Entwickler Berk geht es vor allem um die Frage, wie viele durch solche Präventiv-Maßnahmen fälschlich beschuldigt würden. Unter hundert zur Bewährungsstrafen Verurteilten gebe es statistisch gesehen einen künftigen Mörder. "Angenommen, ich könnte die zehn mit dem höchsten Risiko identifizieren." Wenn darunter tatsächlich der Mörder sei, dann hätte man neun zu Unrecht verdächtigt. Damit könne man womöglich leben - meint Berk. Juristen dürften das anders sehen.



© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.