Prognose: Zahl der Demenzkranken wird sich bis 2050 verdoppeln

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Düstere Aussichten für Deutschland: In wenigen Jahrzehnten wird die Zahl der Demenzfälle doppelt so hoch sein wie heute. Schon jetzt leben 1,3 Millionen Menschen mit der Erkrankung. Besonders hart wird es die östlichen Bundesländer treffen.

Prognose: Wie Deutschland altert und erkrankt Fotos
Corbis

Über die Reise ins Vergessen spricht man nicht gern. Demenz ist eine sehr private und persönliche Angelegenheit. Und ein Stempel, der mit vielen Worten in Verbindung gebracht wird: blöd, vergesslich, orientierungslos, unkontrolliert, teilnahmslos. Das eigene Ich geht nach und nach verloren. Betroffen aber sind nicht nur die Patienten, sondern auch die Angehörigen, die zusehen müssen, wie die Kluft zum Erkrankten immer größer wird. Frauen, die ihren Ehemann, Kinder, die ihre Eltern nicht mehr verstehen - und umgekehrt.

1994 brach der ehemalige Präsident der USA Ronald Reagan stellvertretend für viele Menschen ein Tabu. In der Öffentlichkeit verkündete er die niederschmetternde Diagnose seiner Ärzte: Alzheimer. Inzwischen gehen immer mehr Prominente offener mit dem Thema um, jüngst hat etwa der Bestsellerautor Arno Geiger sein Buch über die Alzheimer-Erkrankung seines Vaters vorgestellt.

Und so wird Demenz in den Köpfen der Menschen nach und nach genau zu dem, was die Krankheit im Kern schon längst ist: eine öffentliche Angelegenheit. Denn, so ist es jetzt im aktuellen Demenz-Report des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung nachzulesen, der am Dienstag in der Hauptstadt vorgestellt wurde, die Zahl der Demenz-Fälle nimmt in Deutschland mit beunruhigender Zahl zu.

Nach aktuellen Schätzungen leben heute rund 1,3 Millionen Menschen mit Demenz in Deutschland. Im statistischen Schnitt kommen damit auf 100.000 Einwohner 1600 Menschen mit dieser Erkrankung. Bis 2050, so die düstere Prognose der Experten, könnte sich diese Zahl mehr als verdoppelt haben. In der Schweiz, wo Demenzen in der Sterbestatistik erfasst werden, stehen sie nach Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebs an dritter Stelle bei den häufigsten Todesursachen, heißt es in dem Bericht.

Als Ursache machen die Demografen vor allem das Altern der Gesellschaft aus. Der medizinische Fortschritt hat uns ein längeres Leben gebracht. Gleichzeitig bringt er uns aber häufiger jene Krankheiten, deren Risiko mit zunehmendem Alter steigt. Krebs, Arthrose, Altersblindheit und besonders Demenz. Verschärft wird diese Entwicklung durch den starken Geburtenrückgang. Damit fehlen nicht nur Einzahler in die Sozialsysteme - es können sich immer weniger Jüngere um die älteren Dementen kümmern.

Mächtige Bugwelle

Behalten die Experten mit ihren Prognosen recht, dann schiebt unsere Gesellschaft eine mächtige Bugwelle vor sich her: 2050 wären fast vier von hundert Menschen von einer Demenz betroffen. "Zu viele, um sie in Heimen von Fachpersonal versorgen zu lassen - selbst wenn es von beidem genug gäbe", schreibt Reiner Klingholz, der Direktor des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung, in seinem Vorwort.

Um die Lage in Deutschland zu beurteilen, werteten die Demografen unzählige Statistiken zu Geburtsraten und zum Gesundheitsstatus sowie flächendeckende Zählungen, sogenannte Feldstudien, aus. Dabei kommen die Forscher zu einem bemerkenswerten Ergebnis: "Besonders ländliche Gebiete sind von Überalterung betroffen", und der Osten Deutschlands wiederum stärker als der Westen, erklärte Klingholz bei der Vorstellung des Demenz-Reports in Berlin. Daraus ziehen die Experten das Fazit: Besonders in Ostdeutschland werden Demenzerkrankungen zunehmend zu einem gesellschaftlichen Problem.

Schon jetzt lebten dort in vielen Regionen überdurchschnittlich viele Erkrankte, sagte Klingholz. So liegt etwa der Südosten Sachsens bereits heute mit geschätzten 2190 Demenzkranken je 100.000 Einwohnern deutlich über dem gesamtdeutschen Durchschnitt. Eine Demenz-Karte, die das demografische Institut auf Basis der Zahlen aus dem Jahr 2008 erstellt hat (siehe Grafik in der Fotostrecke), zeigt deutlich, wie stark regionale Unterschiede ausfallen können.

Hoyerswerda führt die traurige Statistik an

Den ersten Platz belegte 2008 demnach die sächsische Stadt Hoyerswerda mit 2190 Demenzkranken je 100.000 Einwohner, dicht gefolgt von Görlitz und Dessau. Vor allem die Gegend um Hoyerswerda entleerte sich nach der Wende: Viele junge Menschen zogen fort, inzwischen zählt dort rund ein Drittel der Bevölkerung 65 Jahre oder mehr.

Ein völlig anderes Bild ergibt sich dagegen beispielsweise in den beiden niedersächsischen Kreisen Cloppenburg und Vechta. Dort lebten 2008 je rund 1200 Demenzkranke pro 100.000 Einwohner, zugleich verzeichnen beide Kreise seit Jahren anhaltend hohe Geburtszahlen. Und auch München und Umgebung bilden helle Flecken auf der Karte ab. Der Zuzug von Familien verjüngt die Kreise, ähnlich ist es etwa auch im Landkreis Paderborn oder in Heidelberg, Tübingen und Freiburg.

Die größten Zuwächse an Demenzkranken erwarten die Demografen allerdings dort, wo die Bevölkerung heute noch jung ist und in den nächsten Jahren stark altern wird: Am stärksten davon betroffen sind demnach Landkreise wie Bad Doberan in Mecklenburg-Vorpommern oder diejenigen rund um Berlin. Den Experten zufolge hängt das damit zusammen, dass nach dem Fall der Mauer viele Familien aus der Hauptstadt des wiedervereinigten Deutschlands ins Umland zogen. Um 2025 herum werden diese Familiengründer jedoch die Schwelle zum Rentenalter erreicht haben - einen Zuzug neuer Familien im großen Maßstab halten die Demografen für unwahrscheinlich.

Es mangelt nicht an Geld, sondern an Aufklärung

Wie aber kann man dem gesellschaftlichen Wandel und dem zunehmenden Demenzproblem entgegentreten?

Dieser Herausforderung müsse sich die alternde Gesellschaft stellen, heißt es in dem Bericht. In erster Linie sei dafür aber nicht etwa Geld nötig. "Immer mehr Heime zu bauen, taugt kaum als Zukunftsstrategie", schreiben die Demografen. Deren Betrieb sei zu teuer und teilweise stünde schon heute zu wenig qualifiziertes Personal zur Verfügung. Stattdessen fehle es häufig an Aufklärung, das Thema sei mit Ängsten und Tabus besetzt, nicht zuletzt, weil die Forschung bisher keine Heilmittel gefunden habe.

Eine der Autorinnen der Studie, Sabine Sütterlin, fordert nationale Demenzpläne, wie sie zum Beispiel in Frankreich existieren: "Die Menschen müssen besser über Demenz informiert werden, die Versorgungsstrukturen müssen aufgebaut und die Betreuungsaufgaben besser organisiert werden."

Besonders gelte es, Angehörige bei der Pflege der Demenzkranken zu entlasten. Es gehe, so Klingholz, zum Beispiel um neue Wohnformen für Demenzkranke und ihre Finanzierung. Westdeutsche Kommunen wie Arnsberg im Sauerland fordern schon heute Geld, um neue Wege in Betreuung und Pflege auszuprobieren. Ähnlich wie Technologiezentren brauche man heute Agenturen für gesellschaftliche und soziale Innovationen, sagte Arnsbergs Bürgermeister Hans-Josef Vogel. Wenn Kommunen weiterhin allein als Verteilungsinstitutionen für staatliche Gelder begriffen würden, lasse sich ein Problem wie Demenz kaum lösen. Auch die Patientenschutzorganisation Deutsche Hospiz Stiftung forderte von der Bundesregierung einen "Demenzplan 2020", der verbindliche Maßnahmen gegen die "Volkskrankheit" festschreibe.

Demenz ist eine "normale Begleiterscheinung", so sieht es der Berlin-Institut-Direktor Klingholz - und "der Preis für die Langlebigkeit".

Mit Material von AFP und dpa

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1. Langes Sterben
1810234 22.02.2011
Information über die Krankheit und ihre Folgen ist wichtig. Für besonders schlimm halte ich es, dass Demente heute oft nicht sterben dürfen, wenn ihre Zeit gekommen ist, sondern mittels PEG (eine Art Magensonde) zwangsernährt werden. Auch von vielen, vielen Pflegern hört man: wir können diese Menschen doch nicht verhungern lassen. Doch, wir können, wenn wir ihnen die Lippen befeuchten und ihnen auch sonst Linderung geben. Diese Menschen sterben ja nicht, weil sie verhungern, sondern sie essen nichts mehr, weil sie sterben und deshalb kein Essen mehr brauchen. U.a. Endorphine sorgen dann für ein sanftes Hinübergleiten in den Tod. Das ist allemal humaner, als wenn die Menschen über Jahre im Pflegeheim liegen, regelmäßig (oder auch nicht) gedreht, gewindelt und gewaschen.
2. Re: Langes Sterben
Xiuhcoatl 22.02.2011
Zitat von 1810234Information über die Krankheit und ihre Folgen ist wichtig. Für besonders schlimm halte ich es, dass Demente heute oft nicht sterben dürfen, wenn ihre Zeit gekommen ist, sondern mittels PEG (eine Art Magensonde) zwangsernährt werden. Auch von vielen, vielen Pflegern hört man: wir können diese Menschen doch nicht verhungern lassen. Doch, wir können, wenn wir ihnen die Lippen befeuchten und ihnen auch sonst Linderung geben. Diese Menschen sterben ja nicht, weil sie verhungern, sondern sie essen nichts mehr, weil sie sterben und deshalb kein Essen mehr brauchen. U.a. Endorphine sorgen dann für ein sanftes Hinübergleiten in den Tod. Das ist allemal humaner, als wenn die Menschen über Jahre im Pflegeheim liegen, regelmäßig (oder auch nicht) gedreht, gewindelt und gewaschen.
Äh, ja, kann man. Hört sich durchaus plausibel an. Selbstverständlich kann man auch die Gegenmeinung vertreten. Ist halt eine Meinungssache. Ich sehe nur jetzt kein irgendwie geartetes gedankliches oder praktisches Problem daraus entstehen: Es steht Ihnen und übrigen Gleichgesinnten frei (von denen es doch vermutlich viele gibt, wie es auch viele mit der Getgenmeinung gibt), ein derartiges Pflegeheim/Altersheim, wo so wie von Ihnen beschrieben gehandelt wird, zu betreiben. Oder steht Ihnen und übrigen Gleichgesinnten das nicht frei? Deswegen versteh' ich das Lamentieren nicht. Oder was hab' ich jetzt nicht verstanden? PS: Ich bin mit der Thematik werder persönlich betroffen oder befasst, noch überhaupt vertraut. Habe den Artikel aber gelesen, man wird ja auch älter.
3. Denke das ist auch ein soziales Problem
GM64 22.02.2011
Als Kind haben die Leute immer über Sklerose gewitzelt. Da geht ein Mann in die Konditorei und deutet auf eine Savarine und sagt der Verkäuferin, dass er den Namen vergessen hätte. Die grinste und sagte: "Sie haben wohl Sklerose". Daraufhin sagte der Mann:, "Ja, ja, eine Sklerose möchte ich, meine Savrine läßt mich immer alles vergessen." Der Witz zeigt aber, wie liebevoll man mit dem Problem umgegangen ist. Der Mann wurde nicht weggesperrt und keiner hat sich über das Problem aufgeregt und viele der Menschen meiner Kindheit waren über 80. Der Nachbar lehnte dann an der Wand und sah uns Kindern beim Spielen zu und sagte uns auch mal was. Ich habe den Mann auch gemocht. Meine Urgroßmutter saß am Fenster und sah ständig auf die Gasse. Es wäre keiner auf die Idee gekommen die Menschen als Spanner zu bezeichnen und sie vielleicht zu beklagen. Auch wäre nie einer auf die Idee gekommen so etwas wie ein Altersheim für die Verwandten zu suchen. Eines Tages habe ich einen Schlag gehört, habe zum Fenster heraus gesehen und festgestellt, dass ein Auto in den Torpfeiler des Nachbarns gefahren ist. Als ich das meinen Nachbarn erzählt hatte, wurde ich dann gleich als Spanner verschrien. In meiner Kindheit lebte ich zwischen vielen alten Menschen, aber keiner war dement, die hatten Sklerose und das war normal. Sie waren kein Problem. Irgendwie ist man damit zu Recht gekommen. Das Problem der Demenz ist wohl das frühe Ausgrenzen der alten Leute. Und die Tatsache, dass man es ja gerne zum Problem macht. Demente sind ein großer Markt. Die führt man dann um die Welt und kassiert viel Geld. Ich finde auch das Wort sehr unhöflich. Würde man die Leute nicht ausgrenzen, würden sie nicht so schnell krank werden. Bei Ordensleuten soll das Problem nicht auftreten, diese haben aber auch eine andere Umgebung.
4. Wissenschaft ist manchmal unwissenschaftlich
maximilian sperber 22.02.2011
Zitat von sysopDüstere Aussichten für Deutschland:*In*wenigen Jahrzehnten*wir die Zahl der Demenzfälle doppelt so hoch sein wie heute.*Schon jetzt leben 1,3 Millionen Menschen mit der Erkrankung. Besonders hart wird es die östlichen Bundesländer treffen. http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,746878,00.html
Das wird nicht so kommen.
5. ...
...ergo sum 22.02.2011
Wenn man sich seit Jahr und Tag so anhören muß woran sich diverse Politiker so alles nicht mehr erinern können ... ^ Die gehen natürlich auch alle mal irgendwann in die wohlversorgte Pension. ^ Nicht immer und bei allen muß´dann dann zwangsläufig auch eine echte Demenz (gewesen) sein.
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Die wichtigsten Fragen zur Alzheimer-Erkrankung (AD)
Gibt es bestimmte Anzeichen für eine Alzheimer-Erkrankung?
Bei den meisten Menschen nimmt das Erinnerungsvermögen mit zunehmendem Alter leicht ab. Altersbedingte Vergesslichkeit kann man deshalb nicht immer von den ersten Anzeichen einer Alzheimer-Erkrankung unterscheiden. Im Fachjargon sprechen Forscher von "Mild Cognitive Impairment" (MCI), also der milden Beeinträchtigung kognitiver Fähigkeiten. Viele Menschen mit MCI bekommen zwar Alzheimer - trotzdem ist MCI noch lange keine Diagnose dafür. Alzheimer-Patienten verlieren häufig nach und nach das sogenannte episodische Gedächtnis. Sie erinnern sich zum Beispiel nicht mehr, dass ein Gespräch vor einem Tag stattfand. Andere typische Merkmale sind: Der Betroffene hat Wortfindungsstörungen oder Probleme mit der räumlichen Wahrnehmung (beispielsweise Schwierigkeiten beim Krawatte knoten oder Auto einparken). Oder aber der Patient verliert die Orientierung - und vertut sich etwa mit der Zeit oder geht in eigentlich bekannten Umgebungen verloren.
Wie häufig kommt Alzheimer vor?
Nach Angaben der Deutschen Alzheimer Gesellschaft leben gegenwärtig 1,2 Millionen Demenzkranke in der Republik - zwei Drittel von ihnen sind von der AD betroffen. Jährlich treten mehr als 250.000 Neuerkrankungen auf. Weil die Bevölkerung immer älter wird, nimmt die Zahl der Demenzkranken kontinuierlich zu. Gelingt kein Durchbruch bei der Heilung und Prävention, wird sich den Schätzungen zufolge die Krankenzahl bis zum Jahr 2050 auf etwa 2,6 Millionen erhöhen. Das sind fast 3500 Patienten mehr pro Jahr.
Wie wird Alzheimer diagnostiziert?
Zu 100 Prozent kann man AD nur post mortem durch eine mikroskopische Untersuchung des Hirngewebes feststellen. Heutzutage lässt sich die Krankheit aber mit einer 95-prozentigen Sicherheit diagnostizieren. Der Arzt muss dafür die kognitiven Fähigkeiten des Betroffenen sorgfältig mit Hilfe bestimmter Tests prüfen. Dabei muss er ausschließen, dass es sich möglicherweise um andere - behebbare - Ursachen des Leistungsvermögens handelt (z.B. Störung der Schilddrüsenfunktion, Vitaminmangel oder Infekte). Ebenso muss der Arzt AD von anderen Demenzerkrankungen unterscheiden können. Dabei helfen ihm bildgebende Verfahren wie etwa die Magnetresonanztomografie (MRT) und Blutwertuntersuchungen, wobei die Blutwerte bei AD-Patienten normal sind. Liegt eine AD vor, ist meistens das Hirnvolumen in speziellen Regionen verringert. Zudem kann man die Gehirn-Rückenmarksflüssigkeit auf die Menge bestimmter Proteine hin analyiseren. Auffällig sind besonders geringe Mengen an Beta-Amyloid und erhöhte Mengen an Tau-Protein (siehe Ursachen für AD).
Was sind die Ursachen?
Es gibt verschiedene Ursachen für AD. Eine der wichtigsten Akteure sind die sogenannten Tau-Proteine: Sie regulieren den Zusammenbau der Mikrotubili, den Transportbahnen der Zelle, indem sie daran binden. Bei AD lösen sich die Tau-Proteine aus noch weitgehend ungeklärter Ursache von den Mikrotubuli und "verfilzen" zu Tau-Protein-Bündeln, Tangles genannt. Dadurch bricht nach und nach der Transport in der Zelle zusammen - und sie stirbt. Im Hirn von AD-Patienten verklumpen aber noch andere Proteine: So lagern sich Beta-Amyloid-Moleküle außerhalb der Zellen an und bilden die gefürchteten Plaques. Auch in gesunden Menschen entsteht Beta-Amyloid aus dem Vorläuferprotein APP, indem dieses durch bestimmte Enzyme gespalten wird. Allerdings wird Beta-Amyloid normalerweise schnell im Gehirn abgebaut. Bei AD-Patienten sind entweder diese Abbaumechanismen gestört, oder aber die Zellen bilden zu viel Beta-Amyloid.
Was passiert im Gehirn eines Alzheimer-Kranken?
Besonders auffällig ist der massive Nervenzelltod - im Verlauf der Krankheit kann das Hirnvolumen um bis zu 20 Prozent schrumpfen. Warum die Nervenzellen sterben, ist noch nicht vollständig geklärt. Fest steht aber, dass die Bildung der Beta-Amyloid-Plaques sowie der Tangles (siehe Ursachen) den neuronalen Untergang auslösen: Durch Bildung der Tangles werden die Stabilisierungs- und Transportprozesse in den Zellen gestört; die Beta-Amyloid-Plaques lagern sich häufig in der Wand kleiner Blutgefäße ab, wodurch die Sauerstoffversorgung im Gehirn gestört wird.
Ist Alzheimer vererbbar?
Ja. Doch weniger als zwei Prozent aller Fälle von AD werden dominant vererbt. Das bedeutet, dass die Veränderung (Mutation) eines einzigen Gens für die Entstehung der Krankheit ausreicht. Statistisch gesehen können die Hälfte der Nachkommen eines Betroffenen ebenfalls erkranken. Bisher sind drei Gene der dominant vererbbaren AD-Form bekannt, eines davon ist das APP (siehe Ursachen). Solche Patienten erkranken in der Regel im Alter unter 60 Jahren. Es gibt auch Gene, die das Auftreten von AD begünstigen, jedoch als Ursache allein nicht ausreichen. Eines davon ist das ApoE4-Gen. Das ApoE-Gen kommt in drei häufigen Varianten vor, die man als Allele E2, E3 und E4 bezeichnet. Die Häufigkeit der E4-Variante beträgt zehn Prozent bei gesunden Menschen, bei AD-Patienten jedoch 30 bis 42 Prozent. Liegen eine oder zwei Kopien des E4-Allels vor, ist also die Wahrscheinlichkeit höher, an Alzheimer zu erkranken. In 90 Prozent aller Fälle wirken bei der Entstehung der AD jedoch erbliche Faktoren, Alterungsprozesse des Gehirns, Vorerkrankungen des Gehirns und Umwelteinflüsse zusammen. Deshalb raten Mediziner von genetischen Tests ab, da sie nicht zu einer sicheren Diagnose führen.
Was hat Altern mit Alzheimer zu tun?
Altern ist der wichtigste Risikofaktor für AD. Für gewöhnlich tritt AD erst ab einem Alter von über 60 Jahren auf. Der Anteil an Demenzkranken in der Bevölkerung steigt mit dem Alter (in der Gruppe von 65 bis 69 Jahren liegt sie bei 1,2 Prozent; 75-79 Jahre: sechs Prozent; 85-89 Jahre: 23,9 Prozent). Statistisch gesehen stellt sich bei etwa jedem dritten Menschen, der ein Alter von 65 Jahren erreicht, im weiteren Altersverlauf eine Demenz ein.
Gibt es Medikamente gegen die Krankheit?
Das Voranschreiten der AD lässt sich bisher weder verhindern noch stoppen. Die medikamentöse Therapie setzt deshalb an den Folge- und Begleiterscheinungen des Nervenzelluntergangs an. Derzeit gibt es drei Medikamentengruppen: Sogenannte Antidementiva, Antidepressiva und Neuroleptika. Antidementiva verbessern die Signalübertragung im Gehirn durch bestimmte Botenstoffe. Neuroleptika vermindern die Signalübertragung durch den Botenstoff Dopamin und wirken dadurch entspannend und beruhigend. Gegen Begleiterscheinungen wie Depressionen oder Verhaltensstörungen können Antidepressiva helfen.
Kann eine gesunde Lebensweise Alzheimer verhindern?
Einen sicheren Schutz vor Alzheimer gibt es bisher nicht. Dennoch haben eine Vielzahl an Studien ergeben, dass es eine Reihe von Risikofaktoren gibt, die mit einer erhöhten Wahrscheinlichkeit für AD in Verbindung gebracht werden. Mediziner empfehlen deshalb eine ausgewogene Ernährung mit viel Obst und Gemüse, reich an Vitaminen C, E und Beta-Carotin sowie eine fett- und cholesterinarme Kost mit möglichst viel ungesättigten Fettsäuren. Auch Bluthochdruck und Diabetes erhöhen das Risiko. Und: Wer sich geistig fit hält und sozial aktiv ist, hat ebenfalls ein geringeres Risiko, an AD zu erkranken, wie zahlreiche Studien belegen.