Propaganda und Desinformation Bitte nicht mehr "Fake News" sagen

Hat die Debatte über Desinformation etwas genützt? Ist die Öffentlichkeit heute wachsamer? Abgenommen hat die Propaganda jedenfalls nicht, wie die vergangenen Wochen aufs Scheußlichste zeigen.

Sonderpräsentation von "HörenSAGEN", einer Ausstellung, die den Bogen von den Sagen der Brüder Grimm bis hin zu Falschinformationen schlägt
DPA

Sonderpräsentation von "HörenSAGEN", einer Ausstellung, die den Bogen von den Sagen der Brüder Grimm bis hin zu Falschinformationen schlägt

Eine Kolumne von


"Lügen erscheinen dem Verstand häufig viel einleuchtender und anziehender als die Wahrheit, weil der Lügner den großen Vorteil hat, im Voraus zu wissen, was das Publikum zu hören wünscht."

Hannah Arendt, "Die Lüge in der Politik" (1972)

Er ist immer noch da, dieser Begriff: "Fake News". Er ist aufgetaucht, diskutiert und ausdifferenziert worden - und dann diskreditiert von jenen, für die Desinformation zum politischen Handwerk gehört. Man sollte ihn nicht mehr verwenden. Das sieht man vor allem an jenen, die es immer noch und ständig tun.

Nehmen wir mal nur die Nachrichten der vergangenen zwei bis drei Wochen.

Beatrix von Storch, die Chefsatirikerin der AfD und ein großer Fan des Begriffs "Fake News", hat bei Twitter den Klimawandel mal wieder zur Fiktion erklärt. Der ehemalige US-Vizepräsident Al Gore, so Storch in ihrem Tweet, habe gewettet, die Jahresdurchschnittstemperatur werde zwischen 2007 und 2017 ansteigen, das sei aber nicht passiert. Tatsächlich aber waren die Jahre 2015, 2016 und 2017 drei unabhängigen Berechnungen zufolge die drei heißesten in der Geschichte der Temperaturaufzeichnungen. Und sogar ihre Prämisse ist Unsinn: Gore hat diese Wette nie gemacht.

Die Neonazis und ihre Propagandafibel

Dann war da Alice Weidel und die Behauptung, Deniz Yücel sei weder Deutscher noch Journalist. Von ihr selbst garniert mit dem Motto "Fake News".

Oder diese Truppe von Neonazis, die sich in einem Gamer-Chat unter dem Motto "Reconquista Germanica" zusammengefunden haben, um dem deutschsprachigen Internet eine rechtsradikale Erweckungsbewegung vorzugaukeln. Bekannt ist das Rudel schon seit Monaten, etwa wegen kläglich gescheiterter Versuche, rund um die Bundestagswahl bestimmte - natürlich AfD-freundliche - Hashtags bei Twitter prominent zu machen. Mittlerweile weiß man aus geleakten Mitschnitten von Lagebesprechungen der rechtsnationalen Hobby-Propagandisten, wie sie sich verabreden, um etwa bestimmte YouTube-Videos mit massenhaften Likes und Kommentaren beliebter erscheinen zu lassen. Aus ihrer Anleitungsfibel zum Umgang mit "Regierungslakaien" und der "Propaganda-Regierungspresse" stammt diese Empfehlung: "Sag ihnen die Meinung, verwickel sie in Diskussionen, markiere ihre Lügen als #fakenews".

Apropos YouTube: Vor zwei Wochen ging es an dieser Stelle um die unrühmliche Tendenz von Googles Videoplattform, Verschwörungstheorien algorithmisch ein größeres Publikum zuzutreiben. Diese Woche hat YouTube ein weiteres, sehr anschauliches Beispiel dafür geliefert: Die widerwärtigen Theorien rechter US-Verschwörungstheoretiker über Überlebende des jüngsten Highschool-Massakers landeten dank algorithmischer Unterstützung auf den Bildschirmen einer unbekannten - aber großen - Zahl von Nutzern.

"Die geballte Faust der Wahrheit"

Solche Videos und Postings reihen sich ein in ein langlebiges Narrativ rechter Verschwörungstheoretiker in den USA. Dass all die Sturmgewehr-Massenmorde in Wahrheit gar nicht stattgefunden haben, sondern Inszenierungen mit einem politischem Zweck sind: den armen Amerikanern ihre Waffen wegzunehmen. Dieses Verschwörungsnarrativ läuft in den USA unter dem Schlagwort "Crisis Actors", Krisendarsteller also. Der 17-jährige Massakerüberlebende David Hogg musste am Ende tatsächlich in einem CNN-Interview beteuern, er sei "kein Krisendarsteller".

Die Speerspitze dieser besonders perversen Art der Desinformation ist Alex Jones, der mit seiner Propagandaplattform "Infowars" Geld verdient, indem er all jenen Rechten vermeintliche Argumente liefert, die in den USA von heute ein bisschen Hilfe beim Umgang mit der eigenen kognitiven Dissonanz brauchen. Trump ist super, Kriegswaffen an Schulen auch, wer etwas anderes sagt, ist ein von dunklen Mächten bezahlter Lügner. Raten Sie mal, welche zwei Worte mit F und N Alex Jones gerne benutzt, wenn er auf echte Journalisten schimpft.

Extreme, bizarre Lügengeschichten sind Jones' Geschäft, aber die braucht man vermutlich auch, wenn man die noch extremere Wahrheit effektiv abwerten will: Dass in den USA nämlich massenweise Politiker - auch Trump - mit Abermillionen von der zutiefst amoralischen Waffenlobbyorganisation NRA finanziert werden.

Wie amoralisch die NRA ist, kann man sich in diesem kurzen Video hier ansehen, in dem die Organisation jegliche Opposition gegen Trump zur "gewalttätigen Lüge" erklärt, die nur mit der "geballten Faust der Wahrheit" bekämpft werden könne.

Die Protagonistin des Videos, die NRA-Lobbyistin Dana Loesch, war gerade in Florida: Sie nahm an einer öffentlichen Veranstaltung mit Überlebenden des Massakers teil.

Die NRA ist ähnlich gefühllos wie der Präsident, der sich Notizen machen muss, um Empathie zu simulieren.

Was auf keinen Fall passieren darf

Loesch ist das Paradebeispiel dafür, dass zwischen den Präsidentendarsteller im Weißen Haus, der jetzt allen Ernstes Lehrer bewaffnen will, und die NRA kein Blatt Papier passt. Im Sommer 2017 attackierte sie in einem TV-Spot die "New York Times", genau wie Trump das immer wieder tut: "Wir, das Volk, haben die Nase voll", begann einer der Clips, "wir haben die Nase voll von euren Narrativen, eurer Propaganda, euren Fake News".

Und inmitten dieser Desinformationshölle veröffentlicht die "Bild"-Zeitung laienhaft gefälschte E-Mails, die den Juso-Vorsitzenden diskreditieren sollen. Tritt dabei alle journalistischen Standards mit Füßen und fördert so weiter das Narrativ, mit dem die Storchs, Weidels, Jones', Loeschs und Trumps dieser Welt hausieren gehen: dass nämlich die "alten" Medien nicht besser sind, sondern selbst lügen.

Es gibt da aber einen Unterschied: Wenn ein Medium wie die "Bild" bei einer derartigen Aktion erwischt wird, zieht das eine tagelange, intensive Debatte und harsche Kritik nach sich. Weil es eben Standards gibt im Journalismus, die hier unzweifelhaft und für jeden nachvollziehbar verletzt wurden.

Wenn dagegen Weidel, Storch, Jones, Loesch oder Trump lügen, fällt das kaum noch auf. Man hat sich fast daran gewöhnt. Aber genau das darf nicht passieren.

Es ist anstrengend, es kann einen zur Verzweiflung treiben. Aber wir dürfen sie damit auf keinen Fall durchkommen lassen.

Der Begriff "Fake News" gehört längst den Lügnern. Sollen sie ihn ruhig behalten.

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insgesamt 144 Beiträge
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Seite 1
laermgegner 25.02.2018
1. Presse ist nur ein Angebot
und keiner muß es annehmen ! Was ich ständig erlebe ist, dass den Machern dieser Seite meine Meinung nicht passt und Beiträge nicht K Presse ist auch einseitig. Wenn man sich die Berichterstattung über Rußland und Fluglärm u.a. sich anschaut , ist die Zeitung nicht nur voreingenommen , sondern beherrscht die Kunst des Weglassens. Die Demokratiedebatte hängt einem auch zum Halse raus, denn sie stimmt nicht. Minderheiten und ich nenne sie mal die Landeier, werden gegenüber Städtern immer als Minderheit und als dumme Leute dargestellt und 2., wo ist den die Mehrheitsentscheidung vor Gericht ? Oft ein Einzelrichter, der noch schlecht gelaut ist ....
jrcom 25.02.2018
2.
Das Engagement des Autors in Ehren: Falsche Tatsachen-Behauptungen von Trump und Beatrix von Storch werden genauso kritisch in der Presse behandelt wie der Titanic-Bild-Skandal letzte Woche. Warum diese Unterscheidungen? Es gibt keine "genetische" Differenz zwischen guten und schlechten Manipulatoren. Es kommt drauf an, was wir tun und was wir lassen.
verbal_akrobat 25.02.2018
3. Guter Artikel
wird wahrscheinlich zu wenig beachtet, trotz der Wichtigkeit des Themas! Der letzte Absatz ist wie in jedem guten Artikel die wichtigste Aussage... "...wir dürfen uns nicht daran gewöhnen..."
phrasenmaeher 25.02.2018
4. Da fehlt dann letztlich...
... aus breiter Basis ein weiteres Schlagwort, nämlich die "Medienkompetenz". Daran wird sich auch nur schwerlich etwas ändern lassen, vielleicht im Rahmen der Sensibilisierung schon der Jüngsten, sonst sieht es aber mau aus. Denn da gehören immer zwei dazu. Neben solchen Witzfiguren wie derer von Storch, die ihre Verbalflatulenzen ungehemmt nicht nur ins Netz ergießen, auch diejenigen, die solche Desinformation unreflektiert widerkäuen und weiter verbreiten. Und da sei es einmal dahingestellt, ob du es aus Kalkül, aus purem Desinteresse oder aus schierer Dummheit geschieht. Es sind genau die Multiplikatoren, auf die solche Falschmeldungen und die, die sie verbreiten, abzielen. Tatsächlich ist das effizienteste Gegenmittel immer noch das Gegenüberstellen von Tatsachen. Und ja, das ist nicht nur anstrengend, das wird auch noch anstrengender werden. Denn je weniger Menschen ein Interesse daran haben, Informationen zu filtern, schon, weil Algorithmen dies für sie bereits bei Suchmaschinen übernehmen, umso schwerer hat es jede Wahrheit. Es ist ärgerlich, dass es die Urheber von Desinformation mit dem beliebigen Hinausposaunen von Unsinn im Verhältnis zu den Aufklärern so unfassbar viel leichter haben, aber das ist eben nicht zuletzt den zunehmend asozialen Medien und dem überwiegend sinnbefreiten Konsumverhalten seiner Nutzer geschuldet. Daran wird sich auch nichts mehr großartig ändern, fürchte ich. Jedenfalls nicht zum Positiven hin.
Palmstroem 25.02.2018
5. Was ist die Wahrheit?
Es gibt nun mal unterschiedliche Wahrheiten. Da wäre die statistische Wahrheit, von der man annehmen möchte, sie würde doch von allen akzeptiert. Dann gibt es die veröffentlichte und öffentliche Meinung, die viele als Wahrheit nehmen und schließlich gibt es die eigene Wahrnehmung, die oft von den beiden vorherigen abweicht. Es ist also mit der "Wahrheit" nicht so einfach, vor allem auch, weil vermeintliche Wahrheiten auf auffälligen Einzelfällen beruhen und scheinbar statistischer Wahrheit widersprechen.
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