Protzbauten in Bukarest: Das finstere Kalkül Ceausescus

Von Kurt F. de Swaaf

Am Ende seiner Herrschaft ließ Rumäniens Diktator Nicolae Ceausescu große Teile der Bukarester Altstadt abreißen und monumentale Prunkbauten errichten. Die meisten Historiker sehen dieses Projekt als Ausdruck irrationalen Größenwahns - doch es steckt viel mehr dahinter, sagen Forscher.

Bukarest am 18. März 1984: Schon seit dem 16. Jahrhundert gehört die Alba-Postavari-Kirche zum Ensemble der rumänischen Hauptstadt, doch nun hat ihre letzte Stunde geschlagen. Abrissarbeiter machen das Gotteshaus in nur einem Tag dem Erdboden gleich. Es ist der Startschuss einer bis dahin beispiellosen Zerstörungskampagne, die in den folgenden fünf Jahren große Teile von Bukarests Kern in Trümmer legen wird. Auf Anordnung von ganz oben.

Diktator Nicolae Ceausescu lässt Platz schaffen für die Konstruktion des Centru Civic, eines monumentalen neuen Stadtzentrums, bestehend aus dem überbreiten Boulevard Victoria Socialismului mit flankierenden Wohnblöcken und dem geradezu grotesk proportionierten Casa Poporului, dem Haus des Volkes.

Auch anderswo in Rumänien sind die Bulldozer im Einsatz. Im Zuge der sogenannten Systematisierung verschwinden Klöster und ganze Dörfer von der Landkarte. Nirgendwo wütete der Neugestaltungswahn allerdings so schlimm wie in der Hauptstadt. Mindestens 9300 Wohnungen, zahlreiche Kirchen und öffentliche Gebäude werden demoliert. Vor allem der Bau des Casa Poporului, das heute zweitgrößte Gebäude der Welt nach dem Pentagon, verschlingt Unmengen Ressourcen. Experten schätzen die Kosten auf ein bis anderthalb Milliarden Dollar - ausgegeben in einer Zeit, in der das rumänische Volk darbte, weil die sozialistische Planwirtschaft des Landes längst kollabiert war.

Hatte Ceausescu den Draht zur Realität verloren?

Ruinierte er aus reiner Prunksucht sein Reich?

Nein, sagt jetzt der US-Anthropologe Bruce O'Neill: Bukarests neues, kaltes Herz sei keinesfalls das Ergebnis geistiger Umnachtung, sondern das Produkt einer ausgeklügelten Strategie zur Festigung von Ceausescus Herrschaft gewesen. Im Fachblatt "Journal of Social Archaeology" (Bd. 9, S. 92) vergleicht der an der Universität von Stanford tätige Forscher das Centru Civic mit der Innenstadt von Paris nach deren radikaler Umgestaltung durch Baron Haussmann unter Napoleon III. in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. In beiden Fällen habe man durch den Abriss alter, verwinkelter Viertel eine bessere Kontrolle über die Bevölkerung angestrebt. Auf breiteren Straßen sollten sich Polizei und Militär schneller bewegen können, um eventuelle Aufstände niederzuschlagen.

Abgesehen davon gaben die als Modernisierungen gepriesenen Eingriffe den Machthabern die Möglichkeit, die kulturellen Botschaften der jeweiligen Hauptstädte mit ihrer eigenen Handschrift umzuschreiben. Oder sie sogar komplett auszulöschen.

Achse Paris - Bukarest

In diesem Ansatz sieht O'Neill das Hauptanliegen des rumänischen Diktators. Durch den Abriss der Altstadt sollte nicht nur unliebsame bourgeoise Bausubstanz verschwinden, die dort lebenden Menschen mussten ebenfalls weichen. "Sie wurden vor allem in neue Hochhausblöcke am Stadtrand geschickt", sagt der Forscher SPIEGEL ONLINE. Die Zerstörung ganzer Viertel zerriss somit gleichzeitig die über Jahrzehnte hinweg gewachsenen sozialen Netzwerke.

Wer später in den Neubauten am Boulevard des Siegreichen Sozialismus einzog, war automatisch ein Fremder. Den Nachbarn konnte man nicht trauen, die Securitate, der allmächtige rumänische Geheimdienst, war überall. Am Ende sollte Bukarest wohl zu einer Stadt werden, in der nichts mehr an die Zeit vor Ceausescu erinnerte - und in der sich dank überwältigenden Prunks auch niemand mehr ein Leben ohne sein Regime vorstellen konnte. Eine perfide Manipulation.

O'Neill ist allerdings nicht der Erste, der hinter Ceausescus Kolossal-Architektur mehr vermutet als nur Größenwahn. Die Soziologin Renata Salecl hat schon 1999 in ihrem Essay "The State as a Work of Art" (erschienen im Buch "Architecture and Revolution") auf die auffällige Lage des Casa Poporului hingewiesen. Der Palast thront auf einer künstlichen Anhöhe über Boulevard und Stadtzentrum. Von außen ist am Gebäude kein richtiger Eingang sichtbar, stattdessen reihenweise Fenster, die auf Bukarest und seine Bewohner herabblicken.

Salecl vergleicht das Riesenhaus deshalb mit dem berühmt-berüchtigten Panoptikum des britischen Philosophen Jeremy Benthams - ein Überwachungsturm, der den Menschen das Gefühl vermittelt, ständig den wachsamen Augen der Macht ausgesetzt zu sein. Wer täglich unter solchen Bedingungen leben muss, beaufsichtigt laut dem französischen Philosophen Michel Foucault schon bald sein eigenes Verhalten und passt sogar sein Denken an. Das Subjekt wird zum Instrument seines Herrschers, es kontrolliert sich selbst in dessen Sinne.

"Ceausescu hat nichts Neues gemacht"

Kalkül oder Größenwahn - diese Gegenüberstellung findet Dan Teodorovici vom Städtebau-Institut der Universität Stuttgart nicht wirklich relevant. "Das eine schließt das andere nicht aus", stellt der in Rumänien geborene Architekt nüchtern fest. Ceausescus Nationalkommunismus bot ihm eine faktisch uneingeschränkte Herrschaftsgewalt. Sein Größenwahn dürfte dementsprechend eine logische Folge der Möglichkeit zum Machtmissbrauch gewesen sein. Zu allen Zeiten haben Herrscher ihrer Macht durch Monumentalbauten Ausdruck verleihen wollen, so der Fachmann. "Ceausescu hat diesbezüglich nichts Neues gemacht." Es stellt sich zudem die Frage, meint Teodorovici, ob der Diktator solch ein riesiges Projekt zur Festigung seiner Position überhaupt noch nötig hatte. "Die Machterhaltung ist vielleicht nur die Spitze des Eisbergs gewesen."

Dass Ceausescus brachiale Baumaßnahmen dennoch eine geradezu unheimliche psychische Wirkung entfalteten, will aber auch Teodorovici nicht bestreiten. In Kombination mit den Zwangsumsiedlungen hätte die Zerstörung von Stadtvierteln und Dörfern keinen neuen sozialistischen Menschen, sondern eine Klasse der Entwurzelten geschaffen. Die Maßnahmen seien "auf jeden Fall ein Instrument der Unterdrückung" gewesen, deren Wucht bis heute nachwirkt. Teodorovici spricht sogar von einer "Perpetuierung der Entfremdung" - eine stetige Entfremdung also.

Vielleicht lässt sich so auch erklären, warum die Rumänen den Bau des Casa Poporului nach Ceausescus Sturz fortsetzten und der Pomp-Palast heute als Regierungssitz dient. "Dass sich das Parlament dort niedergelassen hat, ist gerade für eine junge Demokratie bedenklich", sagt Teodorovici. Er sähe das Riesenhaus am liebsten abgerissen. "Die Symbolik, die dieses Gebäude produziert, ist langfristig schädlich. Eine schlechte Architektur mit inhumaner Monumentalität, kurz: ein Fremdkörper, ein Architekturmeteorit." Die Zukunft des restlichen Centru Civic betrachtet der Experte ebenfalls skeptisch. Die Bausubstanz mache keinen guten Eindruck. "Nach knapp 20 Jahren bröckelt bereits der Putz."

Der Stanford-Forscher O'Neill sieht das Casa Poporului nicht mehr aus Bukarests Stadtbild verschwinden. Natürlich koste es den rumänischen Staat noch immer viel Geld. "Ein Gebäude dieser Größe braucht ständige Renovierungsarbeiten." Dennoch: "Es ist ein Multimillionen-Projekt, und so was lässt sich nicht leicht ersetzen."

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