Katastrophe von L'Aquila: Wissenschaftler empören sich über Haftstrafen für Erdbebenforscher

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"Ein skandalöses Urteil": Richter in Italien haben sieben Experten zu langen Haftstrafen verurteilt, weil sie das Erdbebenrisiko in L'Aquila verharmlost haben sollen. Wissenschaftler sind empört und verunsichert. Schweigen sie künftig, wenn es um Naturgefahren geht?

L'Aquila/Hamburg - Dieses Urteil sorgt für Befremden: Ein Gericht in Italien hat sechs Wissenschaftler und einen Behördenvertreter zu je sechs Jahren Haft wegen fahrlässiger Tötung verurteilt, weil sie das Risiko von Erdbeben in der Stadt L'Aquila verharmlost haben sollen. "Ich bin entsetzt, das ist ein skandalöses Urteil", sagt Martin Meschede von der Deutschen Gesellschaft für Geowissenschaften zu SPIEGEL ONLINE. "Es ist ein politisches Exempel statuiert worden", ergänzt Thomas Braun vom italienischen Geoforschungsinstitut INGV. "Das ist der Tod der wissenschaftlichen Beratung", meint Luciano Maiani, Präsident der Risikokommission.

Bei dem Beben der Stärke 6,3 im mittelitalienischen L'Aquila am 6. April 2009 waren 309 Menschen gestorben und Tausende verletzt worden; rund 80.000 wurden obdachlos. Sechs Tage vor der Katastrophe hatten die sieben Männer als Mitglieder einer sogenannten Risikokommission erklärt, es bestünde kein erhöhtes Risiko für Erdstöße.

In den Tagen zuvor hatte es vermehrt leichte Erdstöße in der Region gegeben. Doch solche Ereignisse lassen sich nicht als Warnsignal für bevorstehende Starkbeben interpretieren - meist beruhigt sich die Erde wieder. Die Forscher handelten also im Einklang aller wissenschaftlicher Erkenntnisse - Erdbeben lassen sich nicht vorhersagen.

"Ich bin verzweifelt"

"Ich verstehe immer noch nicht, wofür ich verurteilt worden bin. Ich bin deprimiert, verzweifelt", sagte denn auch Enzo Boschi, der frühere Chef des italienischen Instituts für Geophysik und Vulkanologie INGV. Bernardo De Bernardinis, ein ehemaliger Vertreter des Katastrophenschutzes sagte, er halte sich selbst "vor Gott und den Menschen" für unschuldig.

Richter Marco Billi verurteilte die sechs Wissenschaftler und einen Behördenvertreter dennoch. Das Urteil ist allerdings noch nicht rechtskräftig, es kann in nächster Instanz kassiert werden. In der Anklageschrift wurde den Experten vorgeworfen, "ungenaue, unvollständige und widersprüchliche Informationen" gegeben zu haben. "Es wurde nicht erwartet, dass sie das Erdbeben vorhersagen, doch sie sollten die Menschen vor der Gefahr warnen", sagt die Anwältin Wania dell Vigna, die elf Erdbebenopfer vertrat.

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Katastrophe in Italien: Das Beben von L'Aquila
Die Staatsanwaltschaft pocht darauf, die Wissenschaftler hätten die Gefahr verharmlost: Sie verwies unter anderem auf Aussagen von Enzo Boschi. Der ehemalige Direktor des INGV soll vor der Katastrophe gesagt haben, dass er die Gefahr eines Erdbebens "beiseite schieben" würde. Die Analyse der Experten sei auf kriminelle Weise fehlerhaft sowie "nutzlos" und "widersprüchlich" gewesen, sagte die Staatsanwaltschaft.

Laut Staatsanwalt Fabio Picuti hätten sich die Einwohner in und um L'Aquila bei einer deutlicheren Warnung besser vor dem Beben schützen können. "Wegen der Worte der Wissenschaftler sind Menschen gestorben", sagte er. Aldo Scimia, dessen Mutter bei dem Beben umgekommen ist, sagte, die Angeklagten hätten bei ihrer Aufgabe, Sicherheit zu gewährleisten, versagt. Eine Frau sagte, ihre Schwester sei durch die Experten beruhigt worden und habe daher in der Nacht des Bebens zu Hause geschlafen.

"Man wollte offenbar unbedingt Schuldige präsentieren", meint dagegen Thomas Braun vom INGV. Braun spricht von einem "absurden Urteil", das sich gegen die Falschen richte. "Angebracht wäre es, zu fragen, wer die Häuser gebaut hat, die eingestürzt sind", sagte er SPIEGEL ONLINE. Sogar ein Krankenhaus in L'Aquila war bei den Beben zusammengebrochen.

"Werde meinen Kollegen empfehlen, zu schweigen"

Die Bauvorschriften beruhen auf Gefahrenkarten, die Geoforscher anhand jahrzehntelanger Arbeit erstellt haben. Auf diesen Erdbeben-Risikokarten leuchtet Mittelitalien krebsrot - schwere Beben in L'Aquila wurden von den Seismologen also erwartet; das lernt eigentlich jeder Schüler in der Region.

Zwar hatte die Wucht des Bebens vom 6. April 2009 selbst Experten überrascht. "Gleichwohl hätten vorschriftsmäßig gebaute Häuser standhalten sollen", sagt Braun. "Was hätten die Forscher der Risikokommission damals sagen sollen?", fragt der Geophysiker John Mutter von der Columbia University in New York. Erdbebengefährdete Orte müssten immer mit schweren Stößen rechnen.

Wissenschaftler fordern Konsequenzen: "Ich werde meinen Kollegen empfehlen, sich mit Risikobewertungen nicht mehr zu äußern", sagt Meschede, der an der Universität Greifswald forscht. Das Gerichtsurteil wird dazu führen, dass sich kein Wissenschaftler mehr äußern wird", ergänzt Braun. Die Folgen des Schweigens könnten besonders in Italien beträchtlich sein: Im Süden des Landes bedroht der Vesuv Hunderttausende Menschen im Umkreis von Neapel.

"Beratung nicht mehr möglich"

Noch schläft der Vulkan. Sollte seine Aktivität aber steigen, könnte es künftig verheerende Kommunikationsprobleme geben, meint Meschede: "Welcher Wissenschaftler würde sich denn bei der Rechtslage zur Vulkangefahr äußern?" Luciano Maiani stimmt zu: "Unter dem Druck der Justiz und Medien ist es nicht möglich, dem Staat in unabhängiger Weise professionell zu beraten."

Bereits vor dem Prozess hatten mehr als 5000 Wissenschaftler in einem offenen Brief an Italiens Staatspräsident Giorgio Napolitano beklagt, dass den Angeklagten ein Strafprozess gemacht werde, obwohl die Vorhersage von Erdbeben bislang unmöglich sei. Schreiben internationaler Wissenschaftsverbände flankierten den Protest.

Die wissenschaftlichen Argumente kamen nicht an. "So etwas", sagt Maiani resigniert, "geschieht sonst in keinem anderen Land der Erde."

Mit Material von AFP und dpa

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insgesamt 278 Beiträge
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1. ...
sischwiesisch 22.10.2012
Unfassbar !!!
2. Mein Profil
air plane 22.10.2012
Zitat von sysop"Ein skandalöses Urteil": Richter in Italien haben sieben Experten zu langen Haftstrafen verurteilt, weil sie das Erdbebenrisiko in L'Aquila verharmlost haben sollen. Wissenschaftler sind empört und verunsichert. Schweigen sie künftig, wenn es um Naturgefahren geht? Prozess von L'Aquila: Protest von Erdbeben-Forschern gegen Urteil - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/prozess-von-l-aquila-protest-von-erdbeben-forschern-gegen-urteil-a-862670.html)
Eigentlich müssten die Richter jetzt wegen Rechtsbeugung drankommen. Aber wie sagte schon jemand: Wenn Du in Italien vor Gericht stehst, dann gute Nacht!
3. Ein trauriger Witz...
jensmaul 22.10.2012
Zitat von sysop"Ein skandalöses Urteil": Richter in Italien haben sieben Experten zu langen Haftstrafen verurteilt, weil sie das Erdbebenrisiko in L'Aquila verharmlost haben sollen. Wissenschaftler sind empört und verunsichert. Schweigen sie künftig, wenn es um Naturgefahren geht?
Das Urteil *ist* skandalös, ja grotesk und absurd! Jeder andere Kommentar ist im Grunde überflüssig...
4. Bella Italia
2wwk 22.10.2012
unglaublich das Urteil .... morgen verklage ich die Wetterfroesche.
5.
pency 22.10.2012
Laut dem Artikel handelten die Wissenschaftler nach dem heutigen Wissensstand. Also werden sie jetzt verurteilt, weil sie alles richtig gemacht haben. Ich stimme ihnen zu: Die anderen Seismologen des Landes sollten auf keinen Fall mehr Stellung beziehen zu ihren Forschungen, da sie anscheinend nach dem nicht zu beeinflussenden Ausgang bewertet werden und nicht nach deren Handlungsweise.
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