Katastrophe von L'Aquila: "Ein skandalöses Urteil"

Es war ein heftiger Schlag für die Wissenschaft: Richter in Italien haben sieben Experten zu langen Haftstrafen verurteilt, weil sie das Erdbebenrisiko in L'Aquila verharmlost haben sollen. Schweigen Forscher künftig, wenn Naturgefahren drohen?

Trümmer eines mittelalterlichen Turms in L'Aquila: Wer soll warnen? Zur Großansicht
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Trümmer eines mittelalterlichen Turms in L'Aquila: Wer soll warnen?

Erdbeben lassen sich nicht vorhersagen. Dennoch verurteilte ein Gericht in Italien sechs Wissenschaftler und einen Behördenvertreter im Oktober zu Gefängnisstrafen von jeweils sechs Jahren. Den Experten wird vorgeworfen, die Risiken des Bebens verharmlost zu haben, bei dem im April 2009 mehr als 300 Menschen umkamen.

Das erstaunliche Urteil ist zwar noch nicht rechtskräftig. Dennoch ist das Entsetzen groß: Tausende Forscher haben dagegen protestiert. "Ich bin entsetzt, das ist ein skandalöses Urteil", sagte etwa Martin Meschede von der Deutschen Gesellschaft für Geowissenschaften. Auch die betroffenen waren perplex: "Ich verstehe immer noch nicht, wofür ich verurteilt worden bin. Ich bin deprimiert, verzweifelt", sagte Enzo Boschi, der frühere Chef des italienischen Instituts für Geophysik und Vulkanologie INGV. Bernardo De Bernardinis, ein ehemaliger Vertreter des Katastrophenschutzes sagte, er halte sich selbst "vor Gott und den Menschen" für unschuldig.

Die Staatsanwaltschaft aber pocht darauf, die Wissenschaftler hätten die Gefahr verharmlost: Sie verwies unter anderem auf Aussagen von Enzo Boschi. Der ehemalige Direktor des INGV soll vor der Katastrophe gesagt haben, dass er die Gefahr eines Erdbebens "beiseite schieben" würde. Die Analyse der Experten sei auf kriminelle Weise fehlerhaft sowie "nutzlos" und "widersprüchlich" gewesen, sagte die Staatsanwaltschaft. Laut Staatsanwalt Fabio Picuti hätten sich die von L'Aquila bei einer deutlicheren Warnung besser vor dem Beben schützen können.

"Man wollte offenbar unbedingt Schuldige präsentieren", meinte dagegen Thomas Braun vom INGV. Er spricht von einem "absurden Urteil", das sich gegen die Falschen richte: "Angebracht wäre es, zu fragen, wer die Häuser gebaut hat, die eingestürzt sind." Sogar ein Krankenhaus in L'Aquila war bei dem Beben zusammengebrochen. Die Bauvorschriften beruhen auf Gefahrenkarten, die Geoforscher anhand jahrzehntelanger Arbeit erstellt haben. Auf diesen Erdbeben-Risikokarten leuchtet Mittelitalien krebsrot - schwere Beben in L'Aquila wurden von den Seismologen also erwartet; das lernt eigentlich jeder Schüler in der Region.

Das Gerichtsurteil wird dazu führen, dass sich kein Wissenschaftler mehr äußern wird", sagte Braun. Die Folgen des Schweigens könnten besonders in Italien beträchtlich sein: Im Süden des Landes bedroht der Vesuv Hunderttausende Menschen im Umkreis von Neapel. Welcher Forscher wird sich noch zu Wort melden, wenn der Riese unruhig wird?

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